Philosophisches über den Wolken

über den Wolken zwischen Paris und VancouverDiese Zeilen schreibe ich über den Wolken. Acht komma fünf Stunden dauert der Flug von Paris nach Vancouver und aufgrund der Erdrotation ist immer Mittagszeit. Somit kann ich nicht müde werden. Wie schön! Ein ganz ruhiger Flug ist es, vibrationsarm als stünden wir noch am Rollfeld. Keine kreischenden Kinder, keine besoffenen Fußballfans. Angenehm. Bei diesen optimalen Bedingungen begebe ich mich in eine spannende Reise ins Ich, die in Word bei Standardschrift ganze zehn Seiten füllt.

Was leider nicht vorauszusehen war sind die beengten Platzverhältnisse im Flieger. Ich sitze eingeklemmt zwischen einem Pärchen aus Vancouver. Die beiden befragten mich zuerst über Österreich und dann über mein Crossing Canada. Glücklicherweise reden sie untereinander nur Chinesisch und ich bin beim konzentrierten Schreiben weniger irritiert.

Philosophisch möge mein Blogeintrag heute werden. Das bekomme ich hin, denke ich. Gestern machte ich eine kleine Runde um den Flughafen und überlegte, warum ich beim Fußballspiel eher zu den Franzosen halte und nicht zu den Deutschen, wo mich doch mit den Deutschen die Sprache und vieles andere verbinde. Spontan fiel mir ein, dass es mir ein paar Französische technische Schöpfungen immer schon angetan hatten, etwa die DS von Citroen oder der CX und SM von Citroen. Wenn ich an den SM denke, fällt mir automatisch die Concorde ein. Ja, die Concorde ist irgendwie so etwas wie das Überkapitel. Doppelt so schnell als andere Passagierflugzeuge, einzigartig und schräg, mit einer Kippnase als Besonderheit aller Einmaligkeit. Frankreich bringt ja auch tolle Filme, Musik, Weine und dann vor allem die Sprache. Der eine Tag in Paris letztes Jahr hatte mich sehr beeindruckt, wobei ich Hamburg und Berlin auch liebe. Knappe Entscheidung also für Frankreich vor Deutschland. Nur so nebenbei: Frankreich siegte dann auch in der gestrigen Begegnung, wie ich erst heute von Christine erfuhr. Gestern schlief ich viel zu früh ein.

Concorde am Flughafen ParisZurück aber zur Concorde. Beim Einstiegen in den Airbus A330 stand doch glatt eine Concorde der Air-France in unmittelbarer Nähe. Ein Ausstellungsstück, denn seit einigen Jahren fliegen diese Überschallflieger nicht mehr. So ein Zufall irgendwie, wo ich gestern sehr intensiv an dieses Flugzeug dachte und es heute aus nächster Nähe sah. Zufall oder Bestimmung oder irgend so ein Wink, der mir etwas sagen will? Keine Ahnung. Ich mache mir keine Gedanken über solche möglicherweise großen Zusammenhänge. Genauso könnte es einen Sinn geben, warum ich einen Tag am Flughafen festsitzen musste. Auch kann es einen höheren Sinn haben, Frederic nicht am Flughafen getroffen zu haben. Und wunderbar habe ich in das Philosophische hineingefunden. Die Schultern sind jetzt schon verspannt vom Hocken auf einem halben Meter Breite. Auch eine Prüfung eines höheren Wesens, einer Gottheit, dem Universum? Mag sein. Ob es nun das Warten auf den Anschlussflug war, die Nicht-Begegnung mit Frederic oder die verkrampfte Körperhaltung eben jetzt, es regt mich zum Nachdenken an und das ist gut so. Die Körperhaltung und die Verspannungen wollen mir sagen, dass es körperlich unangenehm werden wird die nächsten Tage und Wochen. Alles ist zu ertragen und gehört zum großen Ganzen.

Mich freut, dass mein Blog viele interessierte Leserinnen und Leser hat und ich auch Rückmeldungen bekomme, durchwegs positive, aber auch skeptische. Einige meinen, ich möge mich nicht so sehr auf das Schreiben konzentrieren und viel mehr das Reisen intensiv genießen. Mir entginge etwas. Dem kann ich nur zustimmen und trotzdem werde ich das Berichten nicht lassen. Ich mache es für mich und für die wirklich geschätzten Mitlesenden, Mitfühlenden, vielleicht auch Mitleidenden, sicher aber auch Mitfreuenden. Und dann gibt es einen ganz, ganz spannenden Effekt, der ganz sicher eintreten wird. Mein Berichten wird sich sichtlich ändern, weil sich auch meine Sicht ändert, weil sich in einer Weise mein Leben ändern wird. Ich selbst finde diesen Gedanken genauso spannend wie die Hard Facts dieser Abenteuerreise. Irgendwann, nach sieben bis zehn Tagen wird das Kickbiken durch das weite Land eine Normalität erreicht haben. Wir werden in einen Rhythmus gekommen sein. Es werden ganz andere Dinge wichtig, was zur Folge hat, dass so manches unwichtiger geworden sein wird.

Momentan stelle ich mir das Bloggen im Zelt sehr romantisch vor. Ich sitze dann im Zelt, ganz alleine, viele Milliamperestunden in den Akkus, Garmin-Aufzeichnung abspeichern, Gesamtkilometer und andere statistische Zahlen addieren, Bilder vom Fotoapparat überspielend, digital optimierend, kommentierend, Web-Album erstellend, Bericht schreibend, dies alles offline, nicht durch die Anwesenheit meiner Kollegen gestört, eremitierend mich mit mir unterhaltend. Dann wird alles wohl ganz anders sein. Wahrscheinlich sind wir ermattet von den Strapazen des Tages, kommen erst spät zu einem Zeltplatz und haben in erster Linie mit lästigen Stechmücken zu kämpfen. Es kann leicht sein, dass wir gerade am Ende des Tages zusammen sein wollen. Vor allem aber kann es ebenso leicht möglich sein, dass ich auf die Garmin-Aufzeichnungen verzichte oder Bilder nicht nachbearbeite oder Berichte nur in Stichworten schreibe, mich kurz und knapp fasse. Alles ist möglich, nichts ist auszuschließen.

Diese romantische Vorstellung vom Tippen im Zelt „Ein Mann und sein Tagebuch“ erinnert mich an die romantische Vorstellung vom Tippen im Airbus. Dies entpuppt sich im Augenblick als ganz anders denn in meiner ursprünglichen Vorstellung. Mir macht das alles nichts, denn die Anpassung ist das Spannende. Einer meiner Blogleser meinte, ich sei leidensfähig. Nein, konterte ich ihm, ich sei stressresistent. Genau das ist es. Mich stresst es nicht, wenn ich zusammengezwickt meine philosophischen Ergüsse tippend digitalisiere. Mich stresst es nicht, wenn ich zwei oder drei Tage nicht online bin und aus welchen Gründen auch immer nicht ausreichend zum Tippen komme.

Auch wenn bis jetzt schon viel geschrieben ist, so ist in Wahrheit noch nichts passiert. Zwar stecke ich mittendrin in der gelebten Vorgeschichte von „Crossing Canada“, doch bin ich noch gar nicht im Lande, fahre noch nicht mit dem Tretroller und kenne meine Mitstreiter immer noch nicht. Ich schreibe von Alltäglichkeiten. Es dreht sich um das Einpacken, Auspacken, Hotelbesuche, Büffet-Labungen und Fremdsprachschwierigkeiten. Ich schreibe über das Schreiben, tippe über das Tippen. Ich bin in der Stadt der Liebe, ziehe es aber vor, im Hotelzimmer zu bleiben mit Blick auf das Rollfeld. Und es geht weiter in dieser Tonart. Beispielsweise nahm ich von der Toilette meiner Pariser Bleibe eine volle Rolle Klopapier mit. Häuslpapier wollte ich mir erst in Vancouver zulegen, doch jetzt bin ich voll ausgestattet. Sicher ist sicher. Meine Güte! Das sind vielleicht Geschichten…

Erzählen kann ich auch von der heutigen Morgengestaltung. Am Ticket stand, dass das Boarding ab 09:15 sei und nicht, wie gestern mitgeteilt, schon um 07:00. So gestaltete ich den Morgen gleich viel entspannter und genoss ein Frühstück in mehreren Gängen. Danach mühte ich mich wieder mit dem Einpacken ab. Die gestrige Spazierfahrt bereute ich mittlerweile. Am besten wäre alles so verpackt geblieben wie es in Wien Schwechat war. Keine Spur von zunehmender Übung im Einpacken. Es lief immer schlechter. Socken in die Schuhe stopfen um Platz zu gewinnen? Oder Socken extra verpacken um die Schuhe plattdrücken zu können? Das sind essentielle Fragen. Man glaubt es kaum. Um die Spannung nicht ins Unermessliche zu überhöhen: die bessere Variante war das Schuheflachdrücken.

Und genau darum geht es mir, wenn ich vom sich ändernden Schreibstil, vom sich ändernden Sein, schreibe. Ich schließe nicht aus, dass Themen wie Klopapier oder Einpacken ein großes Thema bleiben oder ein noch größeres werden. Daher warte auch ich mit großem Interesse, mit einer indiskreten Neugier, wie die Geschichte weiter gehen mag. Deshalb und genau deshalb ist mir das heutige, ausgedehnte Schreiben im lokal engen Airbus so wichtig. Ich möchte festhalten was jetzt wichtig ist, wie ich jetzt alles sehe, was ich erwarte, worauf ich gespannt bin. Wünschenswert ist es, wenn ich am Rückflug ähnlich in mich gehe und dann schreibe wie es für mich gewesen war. Jetzt gerade liegt von links die Chinesin halb auf mir. Die wird beim Rückflug nicht an mich gekuschelt lehnen. Sie ist gerade am Rückflug ihres Europa-Urlaubs.

Diese Reise, dieses Abenteuer, dieses außergewöhnliche Projekt ist in vielschichtiger Weise interessant. Ein paar Facetten will ich nun aus heutiger Sicht beleuchten, gerade jetzt irgendwo zwischen Schottland und Island und in weiterer Ferne über Grönland, gerade auch im Übergang vom Leben im geregelten, vertrauten Alltag in ein Leben in der Wildnis, begleitet von körperlichen Strapazen und unterschiedlichen Gefährdungen und Einflüssen. Die Facetten will ich wie folgt benennen, ohne Überlegungen zur Reihenfolge:

A.) Wer bin ich?
B.) Physische Herausforderung
C.) Psychische Herausforderung
D.) Herausforderung Touren und Campen
E.) Gruppe und Gruppendynamik
F.) Kanada und wie ich es sehe
G.) Lebenssituation eines Privilegierten
H.) Zweifel und Ängste
I.) Was erhoffe ich mir?

Wer bin ich?

Also, wer ich bin, weiß ich schon. Das muss ich mir in einem Reisetagebuch nicht erklären. Mein Blog, mein Reisetagebuch, schreibe ich aber öffentlich und da kann diese eine Facette durchaus von Interesse sein. Ich glaube ich bin mittlerweile ein Leistungssportler und wahrscheinlich auch ein Extremsportler. Ganz wichtig ist das Wörtchen „mittlerweile“, denn ich wurde nicht nur nicht als Leistungssportler geboren, ich war auch zwanzig Jahre meines Lebens völlig unsportlich und eigentlich auch ungesund lebend. Was Extremsport anlangt waren mir alle Protagonisten höchst suspekt. Heute sehe ich das anders, zumindest im Ausdauersport.

Ganz vorsichtig formuliert würde ich mich also als „normal“ bezeichnen, als durchaus sehr durchschnittlich. Nach wie vor bin ich die „Faule Sau“ von damals und verspüre nie den Drang, Bewegung machen zu müssen. Warum bewege ich mich dann pro Woche durchschnittlich zehn bis fünfzehn Stunden in einem Belastungsbereich der mich immer schwitzen lässt? Weil es mir körperlich sehr leicht fällt, weil ich mir gerne Ziele setze und bei deren Erreichung mich selbst überrasche und mich über mich selbst freue.

Ein wirklich ganz starker Antrieb kommt aus den Erinnerungen an die Zeit meiner sehr schweren Erkrankung vor acht Jahren als ich insgesamt neun Monate wirklich krank war und über einen längeren Zeitraum so schwach war, dass ich keine 200 Meter aus eigener Kraft gehen konnte. Auch das Treppaufgehen war Schwerstarbeit und das bei nur 52,5 kg Gewicht, wahrscheinlich gerade deshalb. Wenn man sagt, der Glaube kann Berge versetzen, so bewies ich mir selbst, dass diese Aussage stimmt. Ich möchte als Beispiel und Vorbild für alle dienen, die in irgend einer Weise am Tiefpunkt sind oder die glauben, dass sich an Situationen nichts wesentlich verbessern ließe.

Da mir der Sport sehr leicht fiel, erhöhte ich nach und nach die Dosis. Nie ging ich über irgendwelche Grenzen. Schön zu erleben war, dass das Trainieren Früchte trug. Obwohl ich mit jedem Jahr älter wurde und die Leistungskurve nach unten gehen musste, ging sie bis zum heutigen Tag stetig nach oben. Anfangs waren 14 Kilometer eine tolle Leistung für mich, dann 42, dann 50, schließlich 100. Ab Hundert gibt es dann praktisch keine Grenzen. Heute bin ich an einem Punkt angelangt, wo die Grenze bei mittlerem Spazierfahrtempo gesetzt wird durch die Notwendigkeit, auch hie und da zu schlafen. So kann ich also Tag für Tag fahren, vom Frühstück bis zum Nachtmahl. Vor ein paar Jahren hätte ich jeden der so etwas macht für verrückt erklärt. Heute sehe ich das anders; nicht nur, da ich mir selbst gegenüber immer sehr tolerant bin, nein, ich weiß aus meiner eigenen Geschichte quasi aus erster Hand, dass man durch stetige Verbesserung der Form in Bereiche kommt, die Höchstleistungen erlauben ohne sich dabei zu quälen oder zu schädigen. Irgendwie bin ich heute einer der ich nie zu werden gewagt hatte, und das im positiven Sinn.

Jan Vlasek, Vorsitzender des Internationalen Tretroller-Verbandes und mit mir sehr freundschaftlich verbundener Sportskamerad, meinte über mich einmal „From Zero to Hero“, da ich erst mit 40 Jahren überhaupt mit Sport begonnen hatte und jetzt mit der Weltspitze mitfahre. Weltspitze bin ich nicht, auch nicht in meiner Altersklasse, doch hat Jan nicht unrecht, denn ich kann mit den wirklichen Top-Fahrern ganz gut mithalten. Wenn ich mich so aus der Distanz betrachte, muss ich sagen, dass es mich selbst wundert, welch Steigerung ich hinlegte. Für die Neulinge im Tretrollersport sei erwähnt, dass die wirklich guten Spitzenfahrer aus dem Bereich der Leichtathletik kommen, dort Spitzenplatzierungen erzielten und erzielen, und vor allem seit Kindertagen kontinuierlich Leistungssport betreiben.

Was hängenbleiben soll von meinen Worten hier ist die Feststellung, dass man vom schwächelnden Nobody auch in höherem Alter zu einem international bekannten und teilweise bewunderten Leistungssportler werden kann. Kleiner Nachsatz: Dies natürlich als Nicht-Profi, also wenn Beruf und Familie ganz normal „weiterlaufen“.

Physische Herausforderung

Komischerweise bewegt mich dieses Thema am allerwenigsten, dabei werde ich auf das Körperliche am häufigsten angesprochen. Ja, es ist eine ganz enorme Belastung, 5.300 Kilometer mit dem Tretroller zu fahren, durchschnittlich 130 km am Tag. Bei einem Schnitt von 17 km/h, der wahrscheinlich nicht zu halten sein wird, sind das mehr als 7,5 Stunden am Tag. Mit anderen Worten gibt es tagaus, tagein eine hohe körperliche Leistung in der Dauer eines normalen Arbeitstages. Für Nicht-Sportler ist das nicht vorstellbar, auch weil es mit Quälerei und Schinderei verbunden wird. Ausdauersportler, und deren kenne ich viele, zweifeln an der Durchführbarkeit dieses Vorhabens. Zuletzt äußerte Hannu Vierikko seine Bedenken, nämlich in einer E-Mail, die er mir gestern schickte. Hannu ist ja „Mister Kickbike“, Gründer der Firma Kickbike, einst Marathonläufer und danach Spitzenfahrer am Kickbike, Mediziner, mein Sponsor und großer Freund von Ausdauer-Extremleistungen. Er gab mir den Rat, vorzeitig heim zu fliegen, wenn es denn nicht mehr ginge. Dies sei keine Schande. Auch Alpo Kuusisto, mein leuchtendes, ganz großes Vorbild, gab einmal bei einer USA-Durchquerung am Kickbike auf. Das stimmt mich schon ein wenig bedenklich. Macht aber nichts. Es spornen mich solche Worte an und gleichermaßen beruhigen sie mich, jederzeit auch abbrechen zu können.

So ultralange Distanzen kann man nicht im Training simulieren. Es passieren im Körper unvorhersehbare Dinge. Durch Dauerbelastungen schmerzt es an Stellen, die man nie auf der Rechnung hatte. Auch kann es Verletzungen geben, die während der Belastung nicht heilen oder sogar schlimmer werden. Ich denke da an so triviale Erscheinungen wie Blasen an den Füßen. Untrennbar mit dem Physischen verbunden ist das Psychische, also mache ich gleich weiter bei der nächsten Facette.

Psychische Herausforderung

Weiter oben schrieb ich, dass ich nicht „leidensfähig“ sei sondern „stressresistent“. Das passt als Einstieg. Ich erlebe an mir immer wieder, wie mir Störungen nichts anhaben können. Störungen gibt es immer bei Mehrtagesreisen. Das beginnt beim Wetter und geht über technische Gebrechen, aber auch medizinische, gesundheitliche bis hin zu zwischenmenschlichen Reibereien. Diesen Störungen sehe ich gelassen entgegen und sie alle werden mich nicht zu schnell zum Aufgeben bringen.

Unklar ist für mich auch der Einfluss der Monotonie. Auch hier kenne ich mich als sehr schmerzlosen Zeitgenossen. Tagelang, wochenlang kann ich dieselbe Speise essen und es stört mich nicht. Meine Trainings sind sehr oft, unbewusst oder bewusst, eintönige Stunden. Es macht aber schon einen Unterschied, ob die Eintönigkeit einen halben Tag andauert oder vier Wochen. Vielleicht bin ich nach vier Wochen knapp am Durchdrehen. Ich glaube es nicht, kann es aber auch nicht ausschließen.

Mit Sicherheit wird es zu inneren Monologen kommen, nein, zu inneren Diskussionen und Streitgesprächen. Innen drinnen wird eine Stimme sagen, dass das alles eine einzige große Schnapsidee sei und ich besser jetzt abbrechen sollte als nur eine Minute später. Eine andere Stimme wird dem entgegen halten, dass es geradezu lächerlich sei, sich mehr als ein halbes Jahr körperlich und mental vorzubereiten, Geld auszugeben, auf vieles zu verzichten, um einfach irgendwo auf einem anderen Kontinent aufzugeben, nur weil im Augenblick irgend etwas zugegeben sehr stark nicht passe.

Ich kenne solche inneren Streitgespräche wirklich sehr gut und jedesmal gewann die Seite des Nicht-Abbrechens. Beispielsweise wollte ich bei der 24h-Rekordfahrt nach 60 Kilometern aufgeben. Letztlich wurden es 406 km. Die Diskussionen mit mir gingen von Kilometer-Nummer 60 bis einen Kilometer vor das Ziel. Keine Frage, es war keine knappe Entscheidung. Die Durchhaltestimme war immer lauter, doch fallweise war die Handtuch-Schmeiß-Stimme ziemlich gut drauf.

Was wird mich in schwierigen Phasen wirklich motivieren? Ganz ehrlich ist es neben dem üblichen und sehr vertrauten Willen, es fertig zu machen, die große beobachtende Fan-Gemeinde im Netz. Dieses starke Nach-Außen-Tragen geschieht nicht unbeabsichtigt. Es ist wie Publikum bei einem Rennen, das vom Straßenrand anfeuert. Ich brauche das wirklich und ich weiß nur zu gut um die beflügelnde Wirkung klatschender Gäste am Streckenrand. Im konkreten Fall ist niemand physisch zugegen und manchmal werde ich auch nicht online sein können, somit auch keinen Beifall lesen können. Trotzdem höre ich ihn, dauernd. Vor dem Scheitern fürchte ich mich nicht, denn es wird kein Auspfeifen geben. Das weiß ich. Und auch dieser Umstand beruhigt und spornt an. Einmal schrieb ich jemanden, dass mein starkes, selbstdarstellerisches Hinausplärren nur zu 10% Narzissmus ist und zu 90% der Eigenmotivation dient. Das sehe ich noch heute so. Klar ist Narzissmus dabei, klar bin ich stolz auf mich und will dies von anderen erkannt und anerkannt wissen. Trotzdem dient es mir eindeutig und überwiegend der Motivation.

Vor der Herausforderung habe ich echt allergrößten Respekt. Noch nie setzte ich mich einer auch nur annähernd großen Sache aus. Wenn ich mir die Kanada-Karte mit den kleinen Österreichkarten vergegenwärtige, wird es mir echt ganz schwummerig, vor allem wenn ich mir vorstelle, wie oft es nass und nasskalt sein wird. Und dennoch ist mein heutiger Tipp, dass ich es 100:0 schaffen werde.

Herausforderung Touren und Campen

Gerade wo ich diese Zeilen tippe sind wir mit dem Flugzeug über Grönland. Wie geil ist das denn? Und es passt auch zum Thema. Der eigentliche Wahnsinn für mich persönlich ist, dass ich null Erfahrung im Tourenfahren und im Campen habe. Völliges Neuland für mich. Und dann mache ich eine Tour, die so umfangreich, so groß, so brutal ist wie sie die meisten Tourenfahrer und Camper sich im Traum nicht vorstellen können. Alle Ausstattung kaufte ich mir neu und kam nicht zum Testen. Das Zelt stellte ich ein einzigesmal im Stiegenhaus unseres Innenstadtwohnhauses auf, ohne Heringe selbstverständlich. Den Schlafsack rollte ich einmal aus. Fertig. Und zwei Ausfahrten mit dem voll beladenen Roller machte ich, um mich irgendwie an das Fahrgefühl heranzutasten. Vom Packen habe ich keine Ahnung und vom tatsächlichen Tun im Walde habe ich nicht den leisesten Schimmer. Da ist bestimmt noch ganz viel mit dem ich nicht rechne. Die Ausrüstungsgegenstände werden bald schmutzig sein, vielleicht sogar zerstört, defekt, Teile werden verloren und es muss improvisiert werden. Auch am Roller kann so einiges kaputt gehen. Leider bin ich alles andere nur kein Bastler. Reifenaufpumpen geht noch gerade. Mit dem Ordnunghalten ist es auch so eine Sache. Ganz sicher muss ich selbst im Schlaf genau wissen, welchen Gegenstand ich wo untergebracht habe und mit einem Griff hervorzaubern könne. Momentan ist das nicht so, wie ich im Hotel wieder merkte. Da waren die Reservebremsbeläge bei den Einwegrasierern. Das Geld splittete ich auf, um es an mehreren Orten verteilt zu horten, nur vergaß ich die Orte und war dann ganz überrascht, 300 Kanadische Dollar bei den Seilen und Gummispannern zu finden.

Für mich ist dieses Organisieren tatsächlich eine echte Herausforderung und aus Erfahrung kann ich sagen, dass ich in diesen Belangen sehr lernunfähig bin. Trotzdem bemühe ich mich, ein souveräner Tourenfahrer und Camper zu werden. Vielleicht an dieser Stelle etwas, das vielen Mitleserinnen und Mitleser die Hand auf die Stirn knallen lässt. Ich habe kein Kartenmaterial mit, nur ein paar Ausdrucke unserer gesamten Route, um so halbwegs die Hauptrichtung eines jeden Tags zu wissen. Dann habe ich noch immer keine Liste in Papierform mit Notfallsadressen. Meine Apotheke besteht nur aus Kopfwehpulverln und einem leichten Schmerzmittel. Die Überlegung ist die, dass ich zuhause auch nicht mehr brauche. Klar habe ich zwei gut gefüllte Erste-Hilfe-Packerl dabei und extra alle möglichen Pflaster. Tabletten zum halbwegs Trinkbarmachen von Wasser habe ich auch. Trotzdem: die Apotheke ist spärlich ausgestattet.

Gruppe und Gruppendynamik

Was jetzt kommt musste ich schon mehrmals zweimal Erklären. Vorwiegend Frauen warnten mich im Vorfeld, dies könnte das größte Problem werden. Was genau? Nun, der Umstand, dass von uns Vieren kein Einziger auch nur einen der drei Anderen persönlich kennt.

Ganz ehrlich wäre es mir auch viel lieber, ich würde mit dem Team Austria gemeinsam dieses Abenteuer machen. Wir kennen einander gut, sprechen in jeder Hinsicht dieselbe Sprache, womit ich auch Weltanschauliches und Humor meine, und wir hatten schon vieles gemeinsam mit den Tretrollern erlebt. Außerdem haben wir alle fast dasselbe Leistungsniveau und es gibt keine Überraschungen. Wir sind eingespielt.

Bei Crossing Canada ist es aber sehr anders. Was uns vier verbindet ist der Wahnsinn!!! Dies alleine könnte der einzig notwendige Bestandteil der bunten Mischung sein, der zum Erfolg führt. Weil ich fest davon überzeugt bin, sehe ich über mögliche Probleme hinweg. Ich sehe es sogar als einen Vorteil, dass unsere gemeinsame Sprache, nämlich Englisch, von keinem die Muttersprache ist. Da gibt es also ein angenehmes Gleichgewicht. Da ist keiner dabei, der schnell und wortgewandt palavert und alle anderen nur fassungslos schweigen. Da jeder seine komplexe Muttersprache in einfaches Englisch transferieren muss, bleiben keine Möglichkeiten zum Beispiel Beleidigungen über die feine sprachliche Klinge auszudrücken. Umgekehrt kann man auch annehmen, dass man nicht so verstanden wird als wolle man jemanden beleidigen.

Natürlich wird es immer wieder zu Missverständnissen kommen und wenn ich die Feine Klinge erwähnte, so darf nicht vergessen werden, dass es auch die Holzhammer-Methode gibt und man Kameraden mit nur einem Wort unmissverständlich beleidigen kann. Den Gebrauch solcher Worte wünsche ich mir nicht, doch wird er schon notwendig werden können.

Damit komme ich zur Gruppendynamik. Das wird freilich spannend. Es beginnt schon damit, dass in unserem Viererteam zwei sind, nämlich Josef und Petr, die eine gemeinsame Muttersprache, nämlich Tschechisch, eint. So gesehen haben wir eine ganz kleine Untergruppe. Was das bedeutet kann ich jetzt freilich nicht sagen. Vorab habe ich so meine Sorgen, ob ich mit Frederic klar komme. Wir kennen einander virtuell fünf Jahre. Er ist einer der ersten Gleich-Wahnsinnigen meiner Tretroller-Laufbahn. Das verbindet ganz stark, das Wahnsinnigsein und die lange Dauer. Frederic ist auf Ultralangstrecken super drauf und eigentlich überall besser als ich, vor allem im Sprint. Von allen Teammitgliedern kann ich seine körperliche Leistung am besten einschätzen, allerdings hatte er im April eine Meniskus-Operation. Vielleicht ist er doch nicht ganz so fit. Was ich aber erzählen will ist ganz etwas anderes. Frederic gefällt mir in letzter Zeit immer weniger, denn es scheint so als sei er nicht sehr diskussionsfreudig oder kompromissbereit. In den vielen Mails, die wir alle im Vorfeld in Form eines Facebook-Chats schrieben, kristallisierte sich für mich heraus, dass es für ihn immer so zu gehen hat wie er meint. Das will ich jetzt nicht an einzelnen Beispielen erörtern. Auf mich wirkt er momentan jedenfalls so. Für mich ein wenig ein Pulverfass. Zugleich aber bin ich mir sicher, dass im echten Leben alles anders sein kann und er sich nur schriftlich etwas unbeweglich und schroff ausdrückt.

Ich für mich beschloss im Vorfeld so im Stillen, dass es jederzeit ein Exit-Szenario geben kann. Ich wäre bereit im Falle eines Falles auch ganz alleine Kanada zu queren. Dies käme erst so nach zwei Wochen in Frage. Dann nämlich wisse ich wie es laufe als Tourenfahrer und Camper. Dann könnte ich mein Tempo fahren und den Tag gestalten ohne auf andere Rücksicht zu nehmen. Wie komme ich nur auf diese Idee? Ganz einfach. Ursprünglich war Petr nicht dabei und ich kam mit dem Vorschlag, ein Begleitfahrzeug mitfahren zu lassen. Dies könnte ein Wohnmobil sein. Dann wäre alles Zeugs im Auto und essen und schlafen könnten wir auch im Wagen. Zwei Stimmen gegen mich. Als es dann um das Campen ging, redeten die beiden nur vom Wild-Campen, was ja Wahnsinn ist bei den Bären in Kanada. Als später Petr dabei war, war das Thema Wild-Campen noch wichtiger geworden, da der Faktor Geld ins Spiel kam. Die beiden Tschechen meinten dann auch, sie wollen zweimal am Tag kochen. Dies alles geht mir mehr und mehr gegen den Strich. Ich würde jede Möglichkeit ergreifen in einem billigen Hotel zu übernachten, wenigstens aber in einem mit Elektrozaun abgesicherten Campingplatz. Ich würde gar nicht kochen, stattdessen immer wieder in einen Fast Food Laden gehen.

Der Gipfel war für mich aber das Thema Niagara-Fälle. 3:1 gegen mich. Wenn ich schon einmal in Kanada bin und mir, wie geplant, die tollen Nationalparks im Westen anschaue, dann will ich mir mit einem kleinen Umweg im Osten auch die Niagara-Fälle anschauen. Vielleicht wäre die Route um 300 Kilometer länger, aber gemessen am Ganzen wäre das nichts, zudem würde dieses monumentale Ausflugsziel den wohl eher eintönigen Osten ungemein aufpeppen. Nein, die drei anderen wollen nicht. So reifte in mir die Idee, mich eventuell nach etwas mehr als 30 Tagen von ihnen abzuseilen. Wenn es in der Gruppe ganz schlimm sein sollte, was ich ganz und gar nicht hoffe, so könnte meine Einzelfahrt schon früher sein. Vorstellbar ist auch, dass mit mir ein Zweiter abhaut oder auch ein Zweiter und ein Dritter. Alles ist völlig offen.

Ja, alles ist offen, denn auch die Leistungsniveaus können sehr unterschiedlich sein. Aus der Ferne betrachtet ist Petr der Schwächste und wohl auch Unerfahrenste. Bitteschön, ich kann mich auch schwer täuschen. Denkbar ist, dass wir alle zugleich in Quebec ankommen, denkbar ist auch, dass niemand dort am Roller ankommt und alle Zwischenmöglichkeiten sind auch drinnen. Wir alle sind autonom. Von der Ausstattung her braucht niemand den oder die anderen. Für den Fall, dass wir es nicht gemeinsam bis Quebec schaffen, so hoffe ich auf ein gemeinsames Abfeiern ebendort. Was ich wirklich ganz stark hoffe ist, dass sich niemand ernsthaft verletzt und auch niemand schwerer erkrankt. Bei knapp zwei Monaten und vier Personen ist es von der Wahrscheinlichkeit schon so, dass Zwischenfälle dieser Art auftreten.

Kanada und wie ich es sehe

Ach, da gibt es ganz viele Ansätze und Überlegungen. Eigentlich wollte ich genau jetzt in Australien bei den Tretroller-Weltmeisterschaften sein. Im Dezember 2015 kreuzte diese Kanada-Querung meine Australien-Pläne. Weltmeisterschaften sind alle zwei Jahre, Kanada ist nur einmal. Rückblickend wird Kanada mehr ins Hirn gebrannt sein als jede Weltmeisterschaft, selbst wenn ich aus mir unvorstellbaren Gründen Weltmeister werden sollte. Es kamen dann auch wirtschaftliche Überlegungen hinzu, die Australien für mich „sterben“ ließen. Ich wäre nur mit der ganzen Familie und dann für vier Wochen nach Australien geflogen. Das war uns dann einfach zu viel Geld. Alleine wollte ich nicht fliegen. Entweder wäre es mir zu schade wegen dreier Tage so lange im Flieger zu hocken oder ich wäre mir schäbig vorgekommen, alleine einen Vier-Wochen-Urlaub zu verbringen. Hoppla, und was ist mit sieben Wochen Kanada? Das sehe ich nur zum Teil als Urlaub. In erster Linie ist es eine sportliche Wahnsinnsleistung und die kann ich nur ohne Familie machen.

Meine Mutter fragte mich, ob das schon immer mein Traum gewesen sei. Jein. Das mit dem Tretroller ist neu. Kanada aber als Destination für einen Abenteuer-Urlaub ist tatsächlich eine schon recht alte Idee. Als 15-Jährige träumten ein gewisser Earl und ich vom Auswandern nach Australien, zumindest träumten wir vom partiellen Auswandern. Wir redeten täglich von Kanada. Ich erinnere mich sehr gut an eine Federschachtel aus Holz, die ich kanadamäßig verzierte. Künstlerisch gesehen war das eine echte Meisterleistung, ein unheimlicher Glücksfall. Ich malte mit Wasserfarben und zeichnete mit Buntstiften den Deckel der Schachtel voll. Im Dunkel der Nacht saß jemand an einer Feuerstelle und grillte Fleisch, dunkelgrüne Wälder. Dies war links am Deckel und je weiter der Blick nach rechts schweifte, desto mehr ging es ins Rot über und als es knallrot war, ergab sich die Kanadische Fahne mit dem Ahornblatt. Der Federschachteldeckel war so schön, dass ich das Werk konservierte, indem ich ihn mit Klarsichtlack beschichtete. Viele Jahre benützte ich die Schachtel und dachte viel an Kanada und die Jugendträume von Earl und mir.

Dieser Earl heißt Mario und ich schrieb ihn nach über 30 Jahren anlässlich Crossing Canada an. Sein Mail-Account schrieb mir zurück, dass er bis 27.7. auf Urlaub sei. Ich hoffe sehr, dass er mit Interesse meinen Blog lesen wird und wir uns danach Treffen werden. Ein guter Grund also, unbeschadet wieder nach Hause zu kommen. Dann wird er mir auch verraten, ob er nicht Örl heiße. Ich habe nicht die leiseste Idee wie er einst zu diesem Spitznamen gekommen war und ob ihn heute irgend jemand noch so nennt.

Noch eine sehr nette Erinnerung aus sehr weit zurückliegenden Tagen habe ich. Damals war ich 12 oder 13. Es war die Zeit mit dem Rennrad, das ich mir aus eisern erspartem Geld gekauft hatte. Gemeinsam mit meinem Freund Michi träumte ich davon, ein Klapprad vollgepackt, einer mit einem Zelt, der andere mit einem Schlauchboot, zu haben, zusätzlich Schlafsack und Proviant. Mit dem Rad würden wir zu den Hainburger Donau-Auen fahren. Dort würden wir das Schlauchboot aufblasen und die zusammengeklappten Räder und das Zelt einladen. Mit dem Boot ging es dann auf eine Insel, wo wir das Zelt aufschlagen würden, um die Nacht auf der Insel zu verbringen, Feuermachen und Würstel Grillen inklusive.

Das war nichts mehr als eine interessante Spinnerei, technisch nicht durchführbar. Wir träumten eben davon. An diese sehr frühen Träume musste ich jetzt beim Packen meiner Seitentaschen denken. Als 13-jähriger Jüngling hatte ich wirklich keine Idee davon, wie klein und leicht ein Zelt und ein Schlafsack sein könnten. Vielleicht gibt es auch Schlauchboote, die unglaublich klein zusammenzupacken sind und sicher kann man Paddel so zerlegbar gestalten, dass sich die Einzelteile an den Rahmen des Faltrades schmiegen. Ja, die Klappräder von einst sind heute ganz tolle Falträder. Mir scheint, diese Fahrrad-Boot-Zelt-Idee könnte heute umsetzbar sein. Somit werde ich zurück in Wien nicht nur Earl aufsuchen, sondern auch Michi. Mit ihm fahre ich dann in die Stopfenreuther Au nach Hainburg, um auf einer ganz speziellen Insel Bratwürste anbrennen zu lassen.

Lebenssituation eines Privilegierten

Eine der ersten Fragen wenn ich von meinen sieben Wochen Kanada erzähle ist die, ob ich denn keiner Arbeit nachgehe. Schnell erklärt: ich bin Lehrer und habe neun Wochen durchgehend frei. Das weiß ich sehr zu schätzen, nicht nur in diesem Sommer. Ich sehe mich als sehr privilegiert. Wenn sich sonst jemand sieben Wochen frei nehmen kann, ist er entweder arbeitslos, Pensionist, Privatier oder Selbständig mit einer gut gehenden Firma, die auch in seiner Abwesenheit läuft.

Die erste Frage ist aber auch oft was denn meine Frau dazu sage und überhaupt die Familie. Auch hier bin ich sehr privilegiert, denn es lässt sich vereinen, eine Familie zu haben mit der man am liebsten dauernd zusammen ist und die einen auch gerne dauernd bei sich hat und die einen gestattet, eine einmalige Sache durchzuziehen, weil diese Sache einen so stark bereichert. Dieser Satz ist mehr als komisch. Noch einmal, anders diesmal. Christine und ich sind am liebsten dauernd zusammen und wir fördern einander wo es geht. Dieses Fördern kann im gegenständlichen Fall so aussehen, dass ich Kanada alleine mache, weil mich dies wachsen lässt und Christine dies unterstützt. Die Kinder, allen voran Conrad, der bald 13 wird, wurden gar nicht richtig gefragt. Das konnte ich mir erlauben, da es ihnen auch ohne mich gut gehen wird. Hihi, da fällt mir gerade auf, dass ich mit Conrad nach Hainburg radeln könnte, um mit dem Schlauchboot zum Zelten zu paddeln. Nur so eine Idee. Meine Einschätzung ist, dass er nicht so scharf darauf sein wird. Dies liegt daran, dass es meine Idee ist oder die von Michi und mir. Vielleicht hat Conrad eine tolle Idee, die ich dann mit ihm umsetzen kann.

In meinen Vorbereitungen dachte ich auch darüber nach, ob es nicht gescheiter wäre, diese Aktion wirklich erst in der Pension zu machen. Die Kinder wären dann schon groß genug und ich hätte das ganze Jahr über Zeit. Schlechte Idee! Dann nämlich bin ich schon ein alter Knacker und nicht mehr so fit wie heute. Okay, wenn ich mir Jurek und Jelen anschaue, weiß ich, dass man als Rollerfahrer nicht altert. Aber es könnte so viel anderes passieren. Vielleicht sehe ich schlecht oder habe Gleichgewichtsstörungen oder was auch immer. Dann wäre es nichts als ein Traum geblieben. Und überhaupt: die Sache findet definitiv 2016 statt. Das ist schon lange von Josef so vorgegeben.

Es ist und bleibt die beste Zeit genau jetzt und deshalb sitze ich im Airbus und habe soeben Alaska unter mir.

Zweifel und Ängste

Es ist naiv, aber ich habe keine Zweifel. Für mich ist die Entscheidung zu diesem Abenteuer zweifelsfrei richtig in jeder Hinsicht. Ich zweifle nicht an der Machbarkeit. Rückenwind geben mir drei Tretroller-Erlebnisse, wo im Vorfeld, genau wie jetzt auch, viele Berufene sagten, es sei undurchführbar und dann ging es doch. Das waren Kickfrance2013, Paris-Roubaix 2015 und S-N-Austria 2016. Bei Kickfrance2013 zählte auch ich zu den Zweiflern. Sämtliche Etappen im vollen Umfang nur einen Tag vor den Radprofis zu fahren getraute ich damals nur Alpo zu. Und was war? Sechs Männer traten an, sechs finishten!! Ganz ehrlich war ich mir sicher, Vasek würde nach zwei oder drei Tagen aufgeben. Er und ich waren damals am ziemlich gleichen Leistungslevel. Auch Vasek kam mit den anderen in Paris an. Da wusste ich, dass ich es wohl auch geschafft hätte. Die drei Alpenetappen fuhr ich ja auch mit. An einem Tag 210 km, 5 Alpenpässe und 5.500 Höhenmeter. Das sind Werte, die ich mir nie zugetraut hätte.

Paris-Roubaix dann ähnlich. 250 km in einem durch und davon 52 km auf Pflasterstein. Ja, es ging und es ging besser als erwartet. Detto die Österreich-Querung von Süd nach Nord in unter 24 Stunden. Da zweifelte im Vorfeld sogar Piet Groeneveld, Rekordhalter über 24 Stunden und einer meiner ganz großen Helden. Also, auf den Punkt gebracht: keine Zweifel von meiner Seite.

Zugleich aber auch das angenehme Gefühl, dass ein vorzeitiges Beenden keine Niederlage ist.

Nun zu den Ängsten. Die Ängste, die ich zum Tag der Abreise beschrieben hatte, sind jetzt kein Thema. Wirkliche Ängste habe ich vor den Bären. Diese Ängste sind nicht unbegründet. Ängste haben aber auch ihren Sinn. So wird man vorsichtiger. Ich fahre nicht nach Kanada, um endlich einen Nervenkitzel zu haben. Unter Extremsport verstehe ich nämlich nicht das Spazieren an der Grenze zwischen Leben und Tod. Die Bären könnten von mir aus also ruhig ganz weit weg sein, irgendwo oben in Alaska. Wo könnten wir auf Bären treffen? Ganz stark in der Nacht, wenn wir friedlich in unseren Zelten schlafen und die pelzigen Brüder auf Nahrungssuche sind. Nicht lustig diese Vorstellung, echt nicht lustig! Und dann könnten sie plötzlich mitten auf der Fahrbahn stehen oder auch sehr knapp neben der Straße.

Was tun? Laut sein soll man und keine Angst zeigen, auch nicht davon rennen. Ist ein Bär angriffig und sehr in der Nähe, ist ein Pfefferspray hilfreich. Das heißt, wir haben alle den Pfefferspray griffbereit, immer. Das hat schon eine ganz andere Qualität als das Abwehren von Stechmücken. Also vor den Bären fürchte ich mich wirklich! Statistisch passiert nicht viel, aber was hilft es, wenn ich das nächste Opfer bin?

Das war es zum Thema Angst. Alles andere sind dann eher Bedenken. An erster Stelle liegt hier der Verlust meiner Medikamente. Das würde ich überleben, allerdings weiß ich wirklich nicht in welcher Form. Im besten Fall bekäme ich brutalen Durchfall und Schwäche, könnte aber, sofern es mir kreislaufmäßig gut geht, weiterfahren. Im schlimmsten Fall müsste ich ins nächste Spital und vorzeitig heim fliegen. Wie immer gehe ich vom besten Fall aus und rechne fix damit, dass ich am Tag der geplanten Abreise noch einen gewaltigen Überschuss an Tabletten habe.

Was erhoffe ich mir?

Ich erhoffe mir primär, dass niemandem etwas passiert und am allermeisten erhoffe ich mir das für mich. Selbstverständlich hoffe ich, dass wir alle die gesamte Strecke fahren. Da wir nicht einen abgefahrenen Rekord aufstellen und tausende Kilometer in einem Stadion-Oval fahren, hoffe ich stark, dass für mich das Motto „Der Weg ist das Ziel“ auch gelebt und genossen wird. Momentan, hier im Flieger über Alaska, bin ich ja noch ein Kilometerspuler und Pulsmesser, ohne links und rechts zu schauen. Da wünsche ich mir sehr, dass ich nach ein paar Tagen jeden Meter landschaftlich genießen werde. Ich hoffe auch sehr und glaube auch fest daran, dass Kanada noch größer und noch beeindruckender ist als in meinen Jugendträumen vor über 30 Jahren. Innerlich erwarte ich, dass ich mich und auch meine Grenzen besser kennen lerne und um ein ganz großes Erlebnis reicher weiß, dass nichts unmöglich ist. Es wird ein einziges positives Erlebnis sein und ich werde bis an mein Lebensende, das hoffentlich in weiter Ferne ist, gerne und ausschweifend von diesen sieben Wochen berichten und Groß und Klein ermuntern und bestärken, tolle Dinge einfach zu tun. Dann erhoffe ich mir auch so pragmatische Kleinigkeiten, dass ich nämlich zum Tourenfahrer und Camping-Profi werde und Tricks des Ordnunghaltens in mein restliches Leben übernehme.

So, und als allererstes hoffe ich, dass die drei Burschen nett sind, wenn ich sie in wenigen Stunden treffe.

10 Antworten
  1. Harald W.A. says:

    So ein langer Beitrag, aber lesenswert.

    Ich finde Deine Vorstellung von Dir, von Camping-Reisenden und vom Team echt schräg. Wie ich Dich sehe wirst Du schon sehr unrund, wenn etwas nicht so funktioniert, wie Du es geplant hast (Flughafen) und zwischenmenschliche Spannungen machen Dich -glaube ich- sehr fertig und das ist doch eine positive Eigenschaft. Dafür Dein Bild vom Profi-Camper, der alles blind packen kann. Haha! Die Natur regelt das von alleine: unnützes geht kaputt und wird liegengelassen, selten gebrauchtes wandert von alleine nach unten und wichtiges wird nachgekauft. Einfach ein paar Tage Zelten und alles ist an seinem Platz. Nur das Geld, Handy und den Pass würde ich zusammen an einem Punkt haben. So ist es einfacher, in einen Supermarkt zu gehen und den Roller abzustellen. Als Reserve vielleicht die Kreditkarte bei den Ersatzteilen. Dein Team sind einfach drei andere Herren, die Du nicht kennst. Alle Spekulation über sprachliche Verbündete und Streit sind doch wirklich unnütz.

    Ich denke, die ganze Spekuliererei ist teilweise gut für Dich, um Dich zu beruhigen, kann Dich aber auch fertig machen. Das viele Schreiben hindert Dich sicherlich nicht am Genuss, eher schon die Planerei, wo es nichts zu planen gibt.

    Ob Du Dein „Ziel“ erreichst, egal. Du bist 7 Wochen in Kanada mit dem Tretroller unterwegs. Das ist das Ding! Das ist das Abenteuer. Danach bist Du Reise-, Camping-, Wasserfall- und Bärenexperte.

    Liebe Grüße,
    Harald

    PS: Papa-Bär zu Mama-Bär: „Schau, beim Steak ist schon ein Gewürzspray dabei“

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  2. Norbert says:

    Hallo Guido,
    Bin gerade samt Familie in Bibione, genieße das Strandleben und lese aufmerksam deine Blogs.
    Ich bin ja auch nicht ganz unsportlich, daher verstehe ich deine Motivation für dieses Abenteuer. Ich drücke dir die Daumen, dass du gesund bleibst und auch den Spaß am Rollern die 7 Wochen aufrecht erhalten kannst! Wenn das gelingt, dann wirst du es auch schaffen! Außerdem – wenn ich an die letzten Ferien denke – 7 Wochen vergehen doch wie im Flug :-)) !
    Wegen der Bären würde ich mir keine Sorgen machen – was soll ein Bär mit einem Haufen Knochen anfangen?
    Also – alles Gute für dein Dauerrollern aus dem Burgenland 👍👍!

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