05 – Okanagan Lake

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Der See begleitete uns den halben Tag und er beeindruckte unnachgiebig. Die vielen Steigungen und Gefälle hatten wir nicht auf der Rechnung, eben so wenig die starke Hitze, den starken Wind und das aufziehende Gewitter. „Tritt zu dritt“ funktioniert hervorragend, am Trittbrett und in den restlichen Stunden der langen Tage.

Zu viel Gepäck

Sehr gut hatte ich geschlafen. Mittlerweile ist das Schlafen im Zelt weder aufregend noch ungemütlich. Es ist etwas ganz normales. Wieder hatten wir Glück und es hatte nicht geregnet. Aus sehr unterschiedlichen Gründen kamen wir erst um 08:00 weg, also um eine Stunde verspätet. Hauptgrund war wohl ich. Wieder hatte ich die brutalen Packprobleme. Zeltabbau wahnsinnig schnell, ebenso das Verstauen von Schlafsack und Matte. Aber dann! Gestern hatten wir noch Essen eingekauft und alles zusammen passte nicht in meine Taschen. Mit Tricks und Kniffen band ich dann alles irgendwie an, also Sandalen außen und dann noch die Solartankstelle, die Zusatztasche von Walmart sowieso und dann auch noch ein Einkaufssackerl und zu guter Letzt den Bären-Pfefferspray. Für gewöhnlich werden die Taschen mit Dauer der Reise immer kleiner, da man Dinge aufbraucht oder sie einfach wegschmeißt. Bei mir werden die Taschen immer größer und im Falle eines Regens würden Gegenstände nass die nicht nass werden dürften.

DSC04423Josef hat das alles im Griff. Er ist dreimal so schnell wie ich am Morgen und isst dann genüsslich sein Frühstück. Ich währenddessen früstücke nicht oder nur so nebenbei ganz komisch, so wie heute eben. Obwohl bei Josef alles so 100% passend aussieht, wird es so sein, dass er ein paar Tage nach Banff seine Freundin treffen wird und ihr so einige Gegenstände mitgeben wird, die er nicht mehr braucht. Das brachte mich auf die Idee, überflüssige Gegenstände mit der Post nach Hause zu schicken. Mit dieser Überlegung war ich in stillen Minuten oder stillen Stunden des Dahintretens beschäftigt. Ein Paar Laufschuhe schicke ich sicher heim, dann auch den Edelstahlteller und den Edelstahlbecher. Wir essen immer alles mit den Händen und trinken immer aus den Fahrradflaschen. Daran wird sich nichts ändern. Und ein paar Bekleidungsstücke werden auch vorzeitig nach Wien geschickt.

Mitten in Kanada und nicht einfach „ums Eck“

DSC04434Jetzt aber zum Tag. Wir blieben noch viele Stunden am Okanagan Lake. Interessant, dass man in Kanada „Lake“ hinter den Namen schreibt, in den USA jedoch davor, wenn ich an den Lake Michigan denke. Oder ich täusche mich und kenne einfach zu wenig von der Welt. Von West Kelowna ging es lange leicht bergab bis Kelowna, immer Autobahn. Dann aber führte uns Josef sehr abenteuerlich von der Autobahn runter, einmal links, dann rechts, dann irgendwo unten durch und schon waren wir auf einer Landstraße. Der Bursche hatte sich echt etwas überlegt bei der Planung unserer Route! Wir fuhren entlang des Westufers bis ans Ende dieses sehr langen Sees. Gleich zu Beginn offenbarte sich nach einer undurchsichtigen Kurve das wofür Kanad bekannt ist, nämlich Holz und zwar Riesenholzstämme, die im Seewasser gelagert waren und auch mit einem Boot gezogen wurden. Dies alles war sehr neu für uns und Sonne und Wolken tauchten die Landschaft in abenteuerlich bunte Farben. Somit blieben wir immer wieder stehen um zu fotografieren.

DSC04441Warntafeln gab es betreffend frei laufenden Wilds. Auch das mussten wir fotografieren und insgeheim hofften wir, bald Elche oder zumindest Langhornziegen zu sehen. Leise genug wären wir ja um uns ihnen unauffällig zu nähern. Nicht so leise waren allerdings die Autos in beide Richtungen, mehrheitlich Pick Ups und gerne mit Motorbooten hinten dran oder Camping-Aufsätzen. Wir sahen den ganzen Tag kein wildes Tier.

DSC04439Das Besondere und zugleich äußerst Brutale an dieser Uferstraße war, dass sie zwar entlang des Sees verlief, allerdings den Berg gerne auskostete und so ging es zwanzig Meter oder mehr hinauf und dann wieder hinunter. Das war ziemlich kräfteraubend und so auch nicht erwartet. Unser Reiseschnitt sank ziemlich, wohl auch wegen des Fotografierens. Aber irgendwie wollte nicht so recht eine Geschwindigkeit zusammenkommen. Vielleicht lag es an der Hitze. Angeblich hatte es kurz 34 Grad, glaube ich aber nicht. Wegen des großen Gewichts am Vorderrad, bremst dieses stark und man hat einen höheren Reibungswiderstand. Wegen der großen Packtaschen hat man einen höheren Luftwiderstand. Beides merkt man beim Bergabfahren. Man kommt auf kein gutes Tempo und hat man es einmal doch, so schaut das Weiterrollen nie sehr aufregend auf. Bergauf ist es mit dem Mehrgewicht ohnedies nur ein Krampf. Na, und von der Ebene will ich nicht reden. Jeder Kick ist dazu da, um den Roller wieder ein wenig auf Speed zu bringen. Einziger Vorteil: der Roller verhält sich bei hohen Geschwindigkeiten viel ruhiger als ohne Gepäck. Manchmal denke ich mir, man könnte freihändig fahren.

DSC04446Die Kilometer wurden nur langsam mehr, da wir eben nicht schnell waren, aber die Art und Weise wie sie mehr wurden, war genau nach meinem Wunsch. Es war genau wie in meinen Vorstellungen. Wir drei sind annähernd gleich stark, wahrscheinlich ist Frederic der Langsamste, doch kann er fallweise ganz erstaunlich zulegen. Dieses annähernd gleiche Leistungsniveau ist einfach ein Traum. Petr würde jetzt nicht mehr hier her passen. Großartig wie wir so durch die Landschaft zogen und großartig auch wie die Landschaft an uns vorbeizog. Stehenbleiben wann und wo auch immer. Ein Luxus, den man beim Autofahren nicht hat und beim Mitfahren in einem Reisebus schon gar nicht. Dort wo wir fuhren, konnte ein Reisebus ja gar nicht hin.

Pause fällig

DSC04427Sehr bald machten wir unsere erste Pause. Das war mir echt wichtig, denn es war das mein Frühstück. Die zweite Pause ließ sehr lange auf sich warten. Josef fuhr vor mir und schlug eine Pause vor. Ich meinte, diese sollte in der nächsten halben Stunde sein. Josef blieb aber nicht und nicht stehen und er war bereits außer Hörweite. Frederic war noc weiter hinter mir als Josef vor mir war. Also musste ich kicken und kicken bis irgendwo Josef stehen würde. Das kam aber nicht. Heiß war es und irgendwie steppenartig trocken. Mich lenkte immer wieder nur die Schönheit des Sees und seiner umliegenden Landschaft ab. Tolle Wolken gab es obendrein. Die Straße führte oft sehr hoch hinauf. Von hier oben sah man die wuchtige Größe des Sees und konnte überhaupt erahnen, wie unglaublich groß das Land sein müsste. Ich dachte an das Waldviertel zuhause und an den Edlesbergersee mit seinen 14 Hektar, der mit dem Slogan wirbt „Kanada ums Eck“. So schön die Gegend um den Edlesbergersee auch ist, so lächerlich kam mir gerade das ganze Waldviertel vor. Von Kanada hatte ich noch nicht viel gesehen, doch war mir jetzt schon klar, wie faszinierend weit hier alles in alle Richtungen ist.

DSC04436Josef entfernte sich mir immer weiter. Er war wohl in einer ganz besonderen Tritt-Welle. Einmal gab es eine Baustelle mit einer händischen Regelung des Verkehrs. Josef fuhr gerade noch durch. Ich musste warten. Und sein Vorsprung wurde immer größer. Mutterseelenalleine war ich im Nirgendwo. Das wurde mir erstmals so richtig bewusst und zugleich fühlte ich mich in diesem Umstand pudelwohl. Soll man mir doch den Reisepass stehlen und das Handy wegnehmen. Egal. Irgendwie komme ich überall durch. So eine Art Unverwundbarkeit umgarnte mich. Immer wieder gab es Siedlungen, denn Dörfer waren das noch nicht. Vor einer dieser Siedlungen ging es schön bergab mit einer 50er-Beschränkung. Ein stationäre Geschwindigkeitsmessanlage zeigte blinkend 71 km/h an. Nett. Diese Geschwindigkeit brauche ich aber, denn immer gibt es eine Gegensteigung und die will ich möglichst mit wenig Kraftaufwand bezwingen. Ich erinnerte mich an meine Tretroller-Seminare, wo ich den Teilnehmern immer erkläre, das Wort Tretroller bestehe aus „treten“ und „rollen“. Man müsse ihn also auch rollen lassen. Das tat ich nun. Bergauf schwitzt man wie Sau, bergab kühlt einen der frische Fahrtwind wieder auf erträgliche Körpertemperaturen.

DSC04453Endlich Pause. Wir saßen auf großen Steinen und warfen Essen und Trinken ein. Frederic kam auch bald. Er war ziemlich geschafft. So legte er sich einfach hin für viele Minuten und machte gar nichts. Klar, er kommt aus Paris und kennt keine Berge. Gestern meinte ich einmal, dass wir nach dem nächsten „hill“ eine Pause machen würde. Er war dann ganz entsetzt wie lange es zur Pause dauerte. Es sei dieser „ill“ ein „mountain“ gewesen. Für einen Pariser sei jeder Mugel schon ein Berg. Nun blieben wir hier mindestens 20 Minuten. Ich cremte mich zum Zweitenmal mit Sonnenschutz ein. Heute fuhr ich erstmals auch mit kurzer Hose. Das war gut so. Ursprünglich dachte ich, an den Fotos, die so Tag für Tag gemacht werden, erkenne man den Lauf der Zeit an meiner Haarlänge. Seit heute weiß ich, dass der Schwärzungsgrad meiner Haut eine viel deutlichere Sprache spricht. An den Armen und im Gesicht habe ich jetzt schon eine recht gesunde Farbe, dabei war es doch sehr oft bewölkt.

Beim Chinesen

DSC04457In einer recht angenehmen Weise ging es nach der Pause weiter. Einmal blieb ich stehen, da ich mir frisches Wasser aus einem naturklaren Bach nahm. Frederic ließ ich weiterziehen. Eine Flasche trank ich gleich neben dem Bächlein aus. Eiskalt war das. Herrlich! Dann füllte ich meine zwei Trinkflaschen auf und nahm beschwingt meiner Fahrt auf. Die beiden anderen hatte ich bald. So fuhren wir lange als Gruppe weiter. Bei einem Chinesischen Restaurant blieben wir stehen und kehrten ein. Eine spontane Idee Josefs, die von uns beiden liebend gerne angenommen wurde. Überraschend billig kam uns dieses späte Mittagessen. Klimatisiert war das Restaurant. Schön kühl. Wasser gab es gratis und in Mengen. Frederic und ich tranken nach dem Essen Kaffee. Der schmeckte nicht gut, doch ließen wir uns von der Kellnerin gerne nachschenken. Josef trinkt keinen Kaffee. Er trinkt auch keinen Alkohol. Überhaupt lebt er wahnsinnig gesund. Frederic und ich sind da anders. Wir bemühen uns gesund zu leben, machen aber bei Kaffee und Wein oder Bier sehr gerne eine Ausnahme. Das gemeinsame Mittagessen tat sehr gut. Wir erfuhren sehr viel aus dem Leben der jeweils anderen.

Unwettergefahr

DSC04459Beim Zahlen sagte uns die Kellnerin, dass es bald stark regnen würde. Hä? Wir gingen raus und merkten keinen Temperaturunterschied zwischen dem heruntergekülten Restaurant und der trockenen Hügelland-Hölle die es zuvor noch war. Sehr starker Wind ging und tatsächlich zogen von Westen her bedrohlich dunkle Wolken auf. Was nun kam war echt sensationell. Wir fuhren als wäre es ein Wettkampf, stets so um die 20 km/h, einer zog den anderen mit, immer wieder Himmel und Wind beobachtend. Wir fuhren den schlechten Wetter davon. Einfach war das nicht, denn der Wind wehte ganz ordentlich.

DSC04462Dem Okanagan Lake sagten wir nun Lebewohl, wieder ging es bergauf, zuerst mit Rückenwind, dann aber mussten wir wieder einmal auf die Autobahn und in die Gegenrichtung. Das heißt, wir hatten Gegenwind und wir hatten die schwarzen Wolken vor uns. An Bergen in der Ferne erkannte ich, dass es dort ganz gewaltig schütten musste. Als Naturbursche kennt man das und weiß die fahnenartigen schwarzen Schleier am Himmel zu deuten. Nach einer flotten Abfahrt bogen wir ab und fanden Zuflucht in einem Mc Donald’s. Hier konsumiert Josef nie etwas. Ihm ging es nur ums WLAN und um ein Quartier für die Nacht zu checken. Frederic und ich trieben es arg und tranken Cola.

DSC04464Der Regen kam nie. Es wurde nur spürbar kälter, der starke Wind blieb. Ich kann nicht sagen wie lange, aber die Mc Donald’s Pause kam mir wie eine Stunde vor. Es war mittlerweile 17:30 und wir hatten noch 37 km vor uns. Erstmals war ich bei Mc Donald’s und hatte nichts gegessen. Dumm eigentlich, denn etwas an Kraftstoff hätte ich jetzt gut gebrauchen können Wir brachen nämlich auf und fetzten wieder mit hoher Geschwindigkeit. So weit wir kommen würden, würden wir fahren. Der Zielort für heute sei ein sehr kleiner Ort und da wäre es mitunter schwer einen Campingplatz oder ein Motel zu finden. So fuhren wir auch schon mit dem Gedanken los, den Zielort nicht zu erreichen.

Im Packl fahren geht nicht ganz

Gegenwind ohne Ende. Schon einmal wollte ich im Pack fahren, also Windschattenfahren mit Wechsel alle zwei Minuten. Mit Josef ging das sehr gut, nur Frederic wollte nie. Auch jetzt nicht. Er blieb 20 Meter hinter uns, während wir kraftsparend uns abwechselnd Windschatten gaben. Echt interessant. Wenn ich das Zugpferd war, hatte ich einen Pulsvon 150, war ich bei derselben Geschwindigkeit hinter Josef, war der Puls zwischen 130 und 135. Gemeinsam mit Frederic wäre es für alle viel effizienter gewesen. Entweder wären wir bei derselben Geschwindigkeit ausgeruhter oder bei derselben Belastung schneller. Beides wäre besser als einzeln zu fahren. Frederic erklärte uns, dass er sich lieber die Landschaft anschaue als immer auf einen unserer Ärsche starren zu müssen. Argumente halfen da leider nichts. Die Landschaft war momentan nicht sonderlich schön, Autobahnfahrt, und der Regen wartete nur auf seinen Einsatz. Tja, Frederic reihte sich nicht ein.

Tagesende vor dem Tagesziel

Irgendwo, ich hab den Namen vergessen, fanden wir dann ein Motel. Gut zwanzig Kilometer vor unserem Tagesziel. Hier wollten wir bleiben. Schön war es nicht und lange Preise vergleichen wollten wir auch nicht. 90 wollte die Dame für ein Zweibettzimmer plus Taxen. Das war uns zu teuer. Frederic ging dann alleine zu ihr. Er wüsste, wie man billig ein Zimmer bekomme, da wir ja keine Rechnung bräuchten. Triumphierend kam er zu uns und meinte, 80 Dollar ohne Taxen. Die Dame kam dann zu uns dreien. Ich meinte, man könne 80 so schwer durch drei teilen und 75 wären besser. Einverstanden.

Zu unserer völligen Überraschung war das kein Zimmer sondern fast eine ganze Wohnung mit praktischen Kästen und Küche, vor allem aber zwei Schlafzimmern und jedes hatte ein Queensize-Bett. Trotzdem wollte keiner mit einem anderen ein Bett teilen. Das Sofa war zu kurz zum Schlafen. Einer müsse am Boden schlafen. Ich bot mich an. Letztens war es ja Frederic. Nächstens werde es Josef sein. Wir werden in Motels also immer rotieren. Es ist so herrlich unkompliziert. Gemütliches Duschen hintereinander, ein wenig essen und dann ab in die Heia.

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2 Antworten
  1. Harald W.A. says:

    Deine Haar-Vision ist, wie ein Yeti zurück zu kommen? Es sind leider nur die Sommerferien, da wirst Du also auch im September noch diesen Look haben 😉

    Alles Gute und Rückenwind!

    Antworten

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