21 – Ein Ruhetag in Winnipeg

Höchst an der Zeit war dieser Ruhetag. Er verlief noch besser als erhofft. So bewegte ich mich großteils alleine durch die Stadt und ließ mich so dahintreiben. Dies tat Körper und Seele enorm gut. Wie ein kleiner Schock war der Umstieg vom Landleben auf das Stadtleben.

 

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Ultrakurz-Etappe

Ausschlafen

Ein Eis verdient! The Forks. Winnipeg, Manitoba

Ein Eis verdient! The Forks. Winnipeg, Manitoba

Dieser Tag war wirklich ganz nach meinem Geschmack! Er kam zur genau richtigen Zeit und war besser als erwartet. Wir schliefen bis zum natürlichen Munterwerden so gegen 07:30. Bis zum endgültigen Räumen des Zimmers ließ sich jeder ein wenig treiben, meist im eigenen Bett. Das heißt, die beiden Burschen waren mit den Handys im Internet und ich mit meinem Laptop. Dazwischen frühstückte jeder irgendwann irgendwie, auch machte man sich im Badezimmer schön, wusch Wäsche oder sortierte Dinge in den Taschen. Kaffee aus der eigenen Kaffeemaschine gab es auch.

Trennung für ein paar Stunden

11:00 Start. Die Sachen konnten wir im Gepäckraum lassen und nur mit unseren Rollern die Stadt besichtigen. Das nächste Quartier lag 5,5 km entfernt in Fahrtrichtung Osten. Zeitplan hatten wir keinen richtigen. Klar war nur, dass Josef und Frederic gemeinsam etwas unternehmen und ich alleine. Die beiden wollten etwas aus dem Sportartikelgeschäft MEC. Ich wollte fotografieren und nicht gehetzt sein dabei. So gingen wir zunächst gemeinsam in einen kleinen Supermarkt und kauften Proviant für den Tag. So lebt es sich billiger als immer bei Hunger wo einzukehren. Danach zog ich ab und war frei in der großen Stadt, die schon mittäglich sonnendurchflutet und warm war.

Museum for Human Rights

Museum of Human Rights. Winnipeg, Manitoba

Museum of Human Rights. Winnipeg, Manitoba

Mich zog es zum Museum for Human Rights. Den Tipp hatte ich ja gestern von einem brandaktuellen Freund bekommen, nämlich Patrick aus Winnipeg. Am Museum kommt man aber sowieso nicht vorbei. Es ist ein beeindruckendes und sehr frei stehendes, spannendes Riesenbauwerk. Es steht am Areal das sich „The Fork“ nennt, wo die beiden Flüsse Assiniboine River und Red River zusammen kommen.

Unglaublicher Kontrast zum Landleben

Curiosités (2012), Francis Montillaud. Winnipeg, Manitoba -- so eine Frechheit!

Curiosités (2012), Francis Montillaud. Winnipeg, Manitoba — so eine Frechheit!

Ein Leben war hier! Unglaublich! Vor allem, wenn man gerade vom Lande kommt. Noch nie in meinem Leben ist mir der Unterschied Stadt und Land so überdeutlich aufgefallen wie jetzt. Mit dem Auto muss es einem ja noch ärger vorkommen, wenn man 20 Minuten zuvor in der Menschenleere ist und dann mitten im Ameisenhaufen der sommerlichen Freizeitleute ist. Überall Gastronomie, überall Kunst, überall etwas zu entdecken. Nein, es muss anders sein. Wir mit unseren Rollern erlebten sehr intensiv viele Tage und Nächte hindurch die Menschenleere. Das macht wohl das große Erstaunen jetzt aus. Das Staunen machte große Freude. So nahm man jedes noch so kleines Detail als Wunder wahr.

The Forks

Irgendwelche großen Vögel. The Forks. Winnipeg, Manitoba

Irgendwelche großen Vögel. The Forks. Winnipeg, Manitoba

Im „The Forks“ schoss ich unglaublich viele Bilder und ging einfach irgendwohin weiter. Einen Stadtplan vom Hotel hatte ich mit. So konnte ich nicht verloren gehen. Wir hatten als Treffpunkt ausgemacht 15:00 beim Infocenter. Mich trieb es von einem Stadtviertel ins nächste und um 13:30 merkte ich, dass die Zeit galoppierend knapper werde. Eigentlich wollte ich noch in den Assiniboine Park und die Fotos nachschießen, die gestern nicht zustande kamen. Ich schrieb Josef eine SMS, ob 16:30 auch ginge. Ja, kein Problem. Herrlich! Ein Päuschen auf einer Parkbank. Wunderbar. So ein schöner, warmer Tag. Die Beine fühlten sich besser an und überhaupt gab es keine Müdigkeit mehr. Das Aufspüren und Abfotografieren machte Spaß.

Feuerleitern

Winnipeg, Manitoba

Winnipeg, Manitoba

Als ich in einer Gegend mit Sichtmauerwerk und Feuerleitern war und nicht aus dem Staunen kam, welche Werbe-Inschriften an den Feuermauern waren, meldete sich Josef schriftlich. Sie seien fertig und wir können doch gemeinsam etwas unternehmen. Wo ich jetzt gerade sei. Ich schrieb, dass ich vorhabe, in den Assiniboine Park zu fahren und jetzt noch in der Downtown wäre. Irgendwie zog es mich dann aber doch zu den beiden und ich fuhr zu The Forks, wo sie dann nicht zu finden waren. So schrieb ich ihm erneut eine Nachricht, dass ich schon hier sei. Es war vor 15:00. Ich kaufte mir ein Eis. Chuck Jelen stellte ich unversperrt vor dem Eissalon ab.

Zwischendurchtreffen

In der Schlange angestellt stehend sah ich durch die Scheibe wie Frederic den Roller entwendete. Ich lief schnell zur Türe „Monsieur!!“ Da lachten wir. Josef saß schon an einem Tisch im Freien und aß selbst Mitgebrachtes. Bald hatte ich mein Tüteneis und gesellte mich dazu. Josef klärte mich auf, dass der Park 12 Kilometer entfernt sei. Das wären dann hin und zurück mit ein wenig Spazierenfahren 30 Zusatzkilometer geworden am Ruhetag. Das gefiel mir dann doch nicht so. Immerhin werden es morgen ja auch wieder 140 km.

Im Sportgeschäft

Wie es denn beim Sportgeschäft war, wollte ich wissen. Gut. Josef hatte die gesuchten Handschuhe bekommen und bei Frederics Tretroller wurden die Bremsbeläge erneuert. Eigentlich brauchte ich auch etwas. Dies war mir eingefallen als wir schon getrennt waren. Einen wasserdichten Sack wie Josef ihn am Roller hat könnte ich gut brauchen. Die Beiden wollten noch hier im Park bleiben und so bekam ich Josefs MEC-Karte, ohne der man nicht einkaufen kann, und fuhr los in den Store. Aus dem Assiniboine Park wurde dann nichts mehr. Schade, aber in Ordnung.

Ich muss sagen, dass MEC dann doch eine super Idee war. Die haben mehr Auswahl als bei uns und Qualität ist bei allen Produkten sichtbar und spürbar vorhanden und die Preise sind fast gering. So kaufte ich mir gleich drei unterschiedliche wasserdichte Taschen, Flickzeug, einen Schlauch, ein Funktionsshirt und Schmiere für die Bremsen. Chuck Jelen leidet ein wenig unter den Strapazen. Ich zahlte 120 Dollar, also knapp über 80 Euro. Alles sehr sinnvolle Anschaffungen für die zweite Hälfte unserer Reise, die sehr nass werden könnte.

Plumpsklo im Store

In einem sehr guten Sportgeschäft, nämlich MEC in Winnipeg, Manitoba, gibt es aus Öko-Gründen ein Plumpsklo!!

In einem sehr guten Sportgeschäft, nämlich MEC in Winnipeg, Manitoba, gibt es aus Öko-Gründen ein Plumpsklo!!

Im Store musste ich auf die Toilette gehen. Die haben dort Toiletten für Kunden. Sehr praktisch. Großes Staunen. Auch hier ein Plumpsklo, aber völlig geruchsfrei. Offenbar fällt hier alles zig Meter in die Tiefe. Genial. Wassersparend. Die Toilette wirkt extrem hygienisch.

Neuerliche Trennung

Am Rückweg fuhr ich bewusst Umwege, um noch Fotos zu machen. Die Innenstadt hat man schnell durch. Das macht Spaß. Es war noch nicht 17 Uhr und Frederic wollte schon ins nächste Hotel. Josef gefiel die Idee und schlug gleich vor, dass ich nachkommen könne. Sehr gute Idee! Ich möge mir nur noch ausreichend für morgen und eventuell übermorgen Morgen etwas zu Essen kaufen. Er gab mir noch die Adresse vom Hotel.

Winnipeg, Manitoba

Winnipeg, Manitoba

Die folgende Zeit genoss ich fast noch ein wenig mehr als die davor, da ich überhaupt keinen Zeitdruck hatte, außer dem Untergehen der Sonne. Mein erster Weg führte mich zu einer Tim Hortons Filiale, wo ich Kaffee, einen Doughnut und einen scharfen Chickenburger bestellte. Die Verkäuferin fragte mich Dinge, die ich nicht verstand und sie bemühte sich nicht, ihre Fragen irgendwie anders zu formulieren. Egal. Ich hatte was ich wollte und obendrein gratis WLAN. So checkte ich mir gleich einmal den Weg ins neue Hotel und kümmerte mich dann um meine Facebook-Angelegenheiten.

Dann eilte ich zum Supermarkt, deckte mich für den kommenden Tag ein und schoss noch ein paar Fotos. Schließlich ging ich in unser altes Hotel und holte mein Gepäck. Vor dem Gepäck schlichtete ich um und gab die Lebensmittel gleich in den großen, wasserdichten Beutel. Die Hygienesachen gab ich in den mittleren Beutel. Den kleinen ließ ich noch verpackt. Meinen Chuck Jelen sattelte ich neu auf. Nun habe ich auch zwei gelbe Taschen dabei. Es wurde alles besser und kompakter dadurch. Großartig.

Zum nächsten Hotel

Red River. Winnipeg, Manitoba

Red River. Winnipeg, Manitoba

In Sandalen ging es gemütlich zum neuen Hotel, entlang des Highway N° 1. Knappe 6 Kilometer waren es. Zuvor bei meiner Fotosafari waren es knappe 21 Kilometer. So sieht bei mir also ein Ruhetag aus: 27 km tretrollern. Klingt jetzt irgendwie dumm. Diese Kilometer spürte ich so etwas von gar nichts! Es waren über den Tag verteilte Spazier-Kilometer. Keinerlei Ermüdung dadurch.

Einmal musste ich nach dem Weg fragen, da der Screenshot, den ich mir zuvor von der Route gemacht hatte, nicht alle Straßennamen anzeigte. Dann klappte es aber gut. Josef war gerade am Gehen, da er Dinge die er nicht braucht mit der Post nachhause schicken ließ. Frederic nahm gerade ein Bad. Ich akklimatisierte mich erst einmal und riss mir den leeren Vorraum unter den Nagel. Dort verteilte ich all meine Sachen. Diesmal war ich mit dem Am-Boden-Schlafen dran. Das Zimmer war sehr groß, die beiden Betten ebenso. Von Frederic erfuhr ich nun, dass es eine Menge Probleme gab, da Josef sich um einen Tag geirrt hatte und unser Zimmer für den Tag darauf gebucht wurde. Jetzt aber passte alles.

Winnipeg, Manitoba

Winnipeg, Manitoba

Zum heutigen Tag noch eine wichtige Erwähnung. Das Ehepaar Fahlman trafen wir doch nicht, da sie keine Zeit hatten. Für mich war es ein perfekter Tag, auch wenn ich die Fotos vom schönen Park nicht machen konnte. Der Tag war echt erholsam und notwendig, das Wetter war herrlich und mir gelangen einige schöne Fotos. Außerdem bin ich jetzt Besitzer toller wasserfester Säcke.

Tolle und wichtige Gruppenregel

Abendessen und Duschen wie immer chaotisch und so nebenher. Josef war dann wieder zurück und wir alle online beschäftigt und daher schweigend. Dann aus heiterem Himmel begannen die beiden von einer Regel zu erzählen. Wenn einer am Morgen nicht pünktlich zur vereinbarten Zeit fertig ist, spendet er zehn Dollar an Nikolka und Solibad. Passiert der Person dies ein Zweitesmal, so sind es 20 Dollar, beim Drittenmal 30 Dollar und immer so weiter. Ich fand die Regel ausgezeichnet gut, die anderen auch. Natürlich war ich der Angesprochene. Trotzdem galt sie für jeden und zwar ab sofort.

Typisches Einfamilienhaus. Winnipeg, Manitoba

Typisches Einfamilienhaus. Winnipeg, Manitoba

Das Gute bei der Regel ist, dass sie eine Win-Win-Situation ergibt. Sind alle pünktlich fertig, so fahren wir zur vereinbarten Zeit ab, die ja gut überlegt ist, und haben so weniger Stress über den ganzen Tag. Braucht einer oder brauchen mehr länger, so füllt sich die Spendenkasse. Super ist bei dieser Regel auch, dass sie aus der Gruppe heraus entstanden ist und sie jeder versteht und dahinter steht.

Tagesausklang

Wieder blieb ich bis Mitternacht in meinem Nacht-Office, also dem Klo, und schrieb. Dann kroch ich in meinen Schlafsack, ärgerte mich ein wenig über das vom Gang stark hereinfallende Licht, und schlief dann doch bald ein. Morgen geht es dann wieder über 140 Kilometer. Leider konnte ich keine Uploads machen. Am Klo ging das WLAN nicht und im Schlafraum wollte ich nichts mit dem Computer machen. Na, dann morgen während des Zusammenpackens. Den Wecker stellte ich mir für 5:50, die anderen hatten ihre auf 6:00. Ich müsste morgen unbedingt um 7:00 fix und fertig vor der Türe stehen, bereit zur Abfahrt.

Meine Eindrücke von Winnipeg

Winnipeg, Manitoba

Winnipeg, Manitoba

Im Vergleich zu Vancouver gab es weniger ausgeflippte Leute hier. Das war schon auffallend. Zum Glück gab es sie aber, beispielsweise die Verkäuferin im Supermarkt. Sie war tätowiert und gepierct, hatte eine Frisur mit einem Kilo Haarfestiger drinnen, der ihr langes, knallrotes Haar in eine einzige kunstvolle Welle formte. Sie trug sicher ein Mieder, denn ihr Rock war in der Taille extrem eng, sodass sie eine schon fast comicsartige Sanduhrenfigur hatte. Ja, mit ihrer starken Schminke und den Brillen sah sie überhaupt comicartig aus.

Die Leute sind kontaktfreudig, hilfsbereit und freundlich wie bisher überall. Schade, dass ich gar so wenig verstehe. Ich glaube, sie machen immer und immer wieder so kleine Smalltalk-Scherzerln.

Von der Architektur ist zu sagen, dass es viel Schönes gibt. Die sehr hohen Häuser sind meist nicht schön. Sie werden aus den Siebziger stammen. Ältere, mittelhohe Häuser sind durchwegs sehenswert. Dann gibt es abgelebte und weiterbelebte Häuser mit Feuerleitern und gemalte Werbung an den Wänden. Die gefielen mir am meisten. Sehr schön waren auch die neuen Einfamilienhäuser und selbstverständlich die Villen im Assiniboine Park. Apropos Park. Auch sehr auffallend sind die sehr gepflegten Parks, sehr häufig mit vielen Blumen und immer mit auffallend kurz gemähtem Rasen. Für Kunst im Öffentlichen Raum hat man hier auch viel übrig.

Ganz unser Reden... Winnipeg, Manitoba

Ganz unser Reden… Winnipeg, Manitoba

Der Vergleich mit Vancouver ist unzulässig, da ich aus Vancouver eigentlich hauptsächlich ein heruntergekommenes Stadtviertel kenne und in Winnipeg mich nur in den feineren Vierteln herumtrieb. Jetzt bin ich schon gespannt auf die nächsten Städte.

 

2 Antworten
  1. Horst Frank says:

    Das gelb-schwarze Schachbrett-Verkehrszeichen bedeutet angeblich „End of Road“. Das heißt, dahinter war dann keine Straße mehr, und Euch ist es gar nicht aufgefallen. 😉 Um so besser.

    Antworten

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