34 – Im Land der Amish People den 4.000er getreten

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Schlagartig wurde die Landschaft unscheinbar und grau, verstärkt durch den grauen Himmel. Der Tag bestand aus Highwayfahren und keiner Entschädigung durch Seen, Flüsse oder Wälder. Völlig unvorbereitet trafen wir auf Amish People und zur großen Freude knackten wir die 4.000km-Marke. Schattenseiten gab es auch, nämlich betreffend des Teams und des Miteinanders.

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Guter Start

Nach diesem Ruhetag ging alles viel besser. Vom Weckerläuten um 5:30 bis zum ersten Kick um 6:30 ging es aber genauso stressig wie immer zu. Ich schaffe es einfach nicht, mir am Vortag alles zurecht zu richten. Heute kam aber noch etwas dazu. Es war wieder eine von Krämpfen in den Beinen durchlöcherte Nacht. Um etwa drei Uhr sah ich nach so einem depperten Krampf auf mein Handy und las eine Nachricht von Hadschi Bankhofer. Mein Beitrag wirke zu künstlich, da er heruntergelesen ist und das höre man. Glaube ich aufs Wort. Ich könne ruhig schneller sprechen, in jedem Fall frei, Scherzerln dazwischen seien gestattet und erwünscht.

Also ging ich um sechs Uhr vor das Haus und besprach alles noch einmal. Drei oder vier Versuche unternahm ich. Dann lud ich die Datei hoch. Rein technisch gesehen dauerte das alles enorm lange.

Grauer Tag

10 km östlich von Sault Sta. Marie, Ontario

10 km östlich von Sault Sta. Marie, Ontario

Vom heutigen Tretrollertag gibt es leider landschaftlich nichts Tolles zu berichten. Wir sind verwöhnt von den letzten Tagen und Wochen. Jetzt war alles recht flach und damit meine ich „flach“ in seiner ganz umfassenden Bedeutung. Links und rechts des Highways tat sich einfach nichts. Keine Seen, keine Berge und paradoxerweise als Gegenmodell auch keine Prärie. Hinzu kam, dass der Himmel grau in grau war und dieses Grau sich über einfach alles ergoss.

Anfangs machte das Tretrollern Spaß, denn es war Windstille, mitunter manchmal sogar leichter Rückenwind. Die Luft hatte vielleicht 15 bis höchstens 20 Grad, später knapp über 20. Vor allem knallte die Sonne nicht direkt auf einen und so zogen wir die Kilometer unter uns durch. Zirka 140 sollten es heute werden.

Die meiste Zeit fuhr ich vorne, dann war es Josef. Die erste Pause legte er nach 48 Kilometern an. Das war schon sehr spät. Meine Vorstellung wäre gewesen, Pausen alle 35 km. So hatte ich nämlich echt schon Hunger. Beim 48ten Kilometer gab es eine Tankstelle. Hier tranken Frederic und ich Kaffee und wir alle aßen Selbstmitgebrachtes. Ich nahm dummerweise nur eine Banane zu mir und ein paar Nüsse, dabei hatte ich meinen wasserdichten Beutel zum Bersten voll mit Lebensmitteln.

Bruce Mines

Pause in Bruce Mines, Ontario

Pause in Bruce Mines, Ontario

Genau aus diesem Grund pochte ich nach 20 Kilometern wieder um eine Pause. Die machten wir dann in Bruce Mines, einem Örtchen, das sich damit rühmt, die erste Kupfermine in Kanada gehabt zu haben. Bruce Mines liegt am St. Joseph Channel. So setzten wir uns ans Ufer auf zwei Bänke und packten unsere Jausen aus. Dies tat nicht nur mir gut. Das genossen wir alle drei. Einzig der Reiseschnitt sank. Als wir fertig waren, packten wir zeitgleich zusammen, hatten dann etwa gleichzeitig unsere Helme auf und verließen die parkähnliche Umgebung. Aufgrund des Himmelgraus war es nicht einmal am Meer schön heute und der kleine, örtliche Hafen sah schäbig aus.

Nach den ersten Metern am Highway zog uns Josef davon. Wir hatten ihn fortan immer in Sichtweite. Vor dem nächsten größeren Ort, nämlich Thessalon, gab es eine Gabelung des Higways. Hwy 17 führte um den Ort, Hwy 17a durch den Ort. Josef bog einfach nach links ab. Nun war Thessalon, wie uns die Reklametafeln im Vorfeld zeigten, ein letzter größerer Ort für längere Zeit. Auch wenn wir bei km 100 die nächste Pause machen wollten, war es klug, jetzt bei km 92 zu pausieren, auch wenn wir schon zwei kurze Pausen hatten.

Dicke Luft in Thessalon

Also wir lernten in der Schule noch "Johannas", "Bäckerei", "Kaffee", "meinst Teesalon".... (Thessalon, Ontario)

Also wir lernten in der Schule noch „Johannas“, „Bäckerei“, „Kaffee“, „meinst Teesalon“…. (Thessalon, Ontario)

Frederic und ich blieben an der Gabelung stehen und sahen wie Josef die Steigung hoch fuhr. Wir beiden Alten waren uns einig, hier zumindest auf einen Kaffee zu gehen. Zumindest auch deshalb, da es mittlerweile 13:30 war. Zeit zum Essen. Auf Frederics Landkarte war zu sehen, dass die Gesamtstrecke über 17a sogar kürzer war als die über 17. Dies schrieben wir Josef. Er gaubte uns nicht und fuhr weiter.

Wir beide blieben bei unserem Vorhaben und fuhren durch das Örtchen, vorbei an einem Sandstrand, der bei gestrigem Wetter jetzt auch viel hübscher geleuchtet hätte, so aber ein einziges Grau-in-Grau-Bild abgab. Den Einkehrschwung machten wir bei einem der von außen sauber wirkenden Restaurants. Das war eine gute Wahl. Freundlich, preiswert, sauber. Hier tranken wir beide Kaffee und Wasser im Nachschenkmodus und ich nahm mir auch eine große Portion Pommes Frites, wo ich mir reichlich Ketchup nachgoss. Die Pommes Frites waren aus Erdäpfeln, die teilweise ungeschält waren, handmade zubereitet und schmeckten ausgezeichnet.

Frederic war mächtig angefressen auf Josef, da ähnliche Fälle immer wieder vorkommen. Josef verrät nie seine Pläne. So einfach wäre es, könnte man vereinbaren, man bleibe immer bei Kreuzungen stehen oder man bliebe automatisch bei einem konkreten km-Punkt stehen. Frederic sagte ihm das gestern und heute bereits. Josef macht trotzdem sein Ding. Mich stört so etwas wirklich nicht besonders. Ich verstehe solch ein Handeln nicht, würde es daher selbst anders machen, doch bewegt es mich nicht sehr. Irgendwie würden wir schon wieder auf ihn treffen. Schließlich schrieb er, in der nächst größeren Stadt würde er auf uns warten. Das wäre dann Iron Bridge.

Thessalon, Ontario

Thessalon, Ontario

Ganz anders Frederic. Er meinte, es sei kein Team, wenn man nur für Fotos zusammen sei und sonst jeder alleine fahre. Er könne ganz gut alleine fahren, 200 Kilometer am Tag, und er würde auf Toronto und die Niagara-Fälle verzichten. Stattdessen würde er so schnell als möglich nach Quebec, nämlich die Provinz Quebec und er würde dann gerne auch mehr Tage in Quebec City verbringen. So war es ja auch ursprünglich geplant. Toronto kam ja nur dazu, da ich unbedingt zu den Niagara-Fällen wollte und immer noch will. Es willigten alle ein zur Planänderung. Tretrollern bis Toronto und von dort mit einem Leihwagen zu den Wasserfällen und wieder zurück.

Jetzt war Frederic aber ganz am Ego-Trip, stellte das Team in Frage. Mir war klar, dass damit auch ich angegriffen war. Gestern nämlich hätte es Frederic gerne gehabt, wären wir alle drei ein Sault Sta. Marie in die Innenstadt gefahren. Ich aber blieb im Motelzimmer. Für mein vieles Schreiben hat er nicht so viel über. Naja, irgendwie gab es jetzt dicke Luft. Frederic schrieb während meiner Pommes Frites eine Nachricht an Josef, dass er nicht nach Toronto wolle und am liebsten alles alleine mächte.

Tja, so war das jetzt zu mittag. Von den Leuten der Nachbartische wurden wir wieder auf unsere Roller angesprochen. Ein doch schon recht alter Herr begleitete uns raus. Er meinte zu Toronto, dass dorthin die Highways echt gefährlich und sehr stark befahren wären.

Starker Frederic

Wir fuhren nach Iron Bridge. Mittlerweile gab es unangenehmen Gegenwind und so fuhr ich in Frederics Windschatten. Der Bursche ist wirklich unglaublich stark. Er legte an Kraft massiv zu von Tag zu Tag. Die allerersten Tage war er echt verzweifelt und richtete seiner Frau am Telefon jammernd aus, dass er nicht wisse, was er hier mache. Alle anderen seien so stark. In den vier Wochen nahm er 9 Kilo ab und gewann wohl an Muskelmasse. Er ist eindeutig der Stärkste hier, genau wie ich eindeutig der Schwächste bin. Trotzdem lässt sich ein gutes, gemeinsames Tempo finden.

Amish People

Lokales Verkehrszeichen östlich von Thessalon, Ontario

Lokales Verkehrszeichen östlich von Thessalon, Ontario

An diesem wirklich unspektakulären Tag gab es zwei Highlights. Einmal die „Amish People“, deren Wirken und Werken uns fast den ganzen Tag begleitete und dann das Überschreiten der 4.000km-Grenze. Irgendwann fielen mir Verkehrszeichen mit Pferdefuhrwerken auf, die sehr altertümlich aussahen. Ich dachte mir nicht viel dabei. Ja, eigentlich dachte ich mir nur, dass ich das nächste dieser Schilder fotografieren würde, auch wenn jedes Foto unseren Reiseschnitt senken würde. Dann sah ich uns einen sehr alten Pferdewagen entgegen kommen, wie aus einem historischen Film. Der junge Mann sah auch aus, als habe er in der Requisitenkiste der Waltons gewühlt. Hose mit Hosenträgern, wallendes Hemd, großer Hut. Wir grüßten ihn. Er winkte freundlich zurück. Das muss ein Amisher gewesen sein.

Nach und nach sahen wir immer mehr Pferdefuhrwerke und auch diese mittelalterlich wirkenden Leute, die am Straßenrand Handwerksgegenstände, Obst und Eier feilboten. Von zwei Fuhrwerken machte ich im Vorbeifahren Fotos. Soviel ich weiß, wollen diese Leute nicht fotografiert werden. Wird wohl so sein. Als ein Wagen kam mit zwei alten Männern vorne und zwei Frauen hinten und ich die Kamera auf sie richtete, schauten alle ganz starr nach vorne. Eine der Frauen richtete sich noch schnell die Haube.

Straßenverkauf der Amish People, Echo Bay, Ontario

Straßenverkauf der Amish People, Echo Bay, Ontario

Felder sah man, die nicht von Landmaschinen bearbeitet wurden sondern von Hand aus. Das waren ihre Felder. Die Highways hier waren anders als sonst, wohl speziell für ihre Fuhrwerke. Neben dem Fahrstreifen gab es unseren Radfahrstreifen, der meist nur 40 cm breit war und rechts davon war dann ein 3 Meter breiter Kiesstreifen, in welchem Spuren der Fuhrwerke waren.

Für uns hieß dies Obacht geben. Links von uns gab es viel Verkehr, rechts von uns eine Kiespiste, die unsere Vorderräder zum Einsinken und uns damit zum unverhofften Bremsen oder gar Stürzen gebracht hätte. Die Autos wechselten nicht mehr die Spur beim Überholen, da es permanent Gegenverkehr gab. Daher fetzten sie sehr knapp an uns vorbei. Wirklich nicht lustig diesmal.

Planänderung in Iron Bridge

MacDonald's hat eben auch einen Food Market. Iron Bridge, Ontario

MacDonald’s hat eben auch einen Food Market. Iron Bridge, Ontario

Wir kamen in Iron Bridge an und hatten 117 km am Kilometerzähler. Laut meinen Berechnungen hatten wir bei km 115 die Viertausendermarke überschritten. Das galt es irgendwie doch zu feiern. Vor der Esso-Tankstelle lehnte Josefs Roller. Wir parkten uns auch dort ein und gingen rein. So richtig ernste Worte sprechen wir nie, wohl wegen der Fremdsprache Englisch über die wir alle kommunizieren.

Schnell ergab sich, dass wir Toronto auslassen und die Strecke wie ursprünglich geplant machen. Das ist jetzt auch zeitlich viel entspannter. Man weiß ja nicht, was alles noch geschehen möge. Und sicherer ist es auch, wenn die Highways nach Toronto so brutal sein sollen. Laut Josef gibt es in Toronto eh nur den DC Tower, wohingegen Montreal eine wirklich ganz tolle Altstadt haben soll, die man unbedingt gesehen haben soll. Echt überraschend, dies vom Städte-Meider Josef zu hören. Ich war überstimmt und das ist sicher gut so. Es ist gut, dass wir zu dritt sind und es so keine Pattstellung gibt. Die Niagara-Fälle waren immer so eine Idee von mir, doch ich verstehe alle Argumente, warum wir es besser bleiben lassen.

So hatten wir doch irgendwie eine Lösung gefunden und Frederic und ich erklärten Josef eindringlich, dass wir mehr als Team zusammenbleiben sollen. Ich brachte mich selbst ins Spiel und versprach Besserung bei der nächsten Stadt. Dann werde ich nicht die ganze Zeit im Bett bleiben. Ganz ehrlich gesagt interessieren mich Städte eh viel zu viel als dass ich sie nicht begehen oder betretrollern und abfotografieren, sie eininhalieren würde. Sault Sta. Marie war mir ein wenig zu unspektakulär und ich wollte schon lange so vieles am Laptop aufarbeiten. Für mich war es richtig und gut so und das erklärte ich meinen Freunden jetzt auch.

Blind River und 4.022 Kilometer

Unser Motel in Blind River, Ontario

Unser Motel in Blind River, Ontario

Weiter ging es nach Kaffee und Fruchtsaft. Nur 20 km nach Blind River. Immer noch starker Gegenwind, wir alle drei mit hoher Geschwindigkeit dem Ziel entgegen, ich immer ganz schlau ganz hinten im Windschatten beider. Das erste Motel nahmen wir gleich. Es begann leicht zu tröpfeln. Der Besitzer sprach Französisch und war deshalb Frederic sofort mega sympathisch. Der Typ war aber auch Englisch sprechend sehr sympathisch. Nur 70 Dollar kostete das Zimmer. Wir waren sehr zufrieden mit dem heutigen Tag. Gegenwindfahrten sind nie lustig. 137 Kilometer waren es und insgesamt haben wir nun 4.022km. Abgefeiert wurde nicht, aber gegenseitig klatschten wir in die Hände.

Radiobeitrag

Bis zum Einschlafen ging dann alles recht flott. Es regnete immer wieder. Ich nahm draußen vor der Türe meinen zweiten Radiobeitrag auf und sendete ihn ab. Diesmal startete ich mit dem Geklingle meiner Fahrradglocke. Thema waren die 4000 km, die Amishen und das Verzichten auf Toronto. Mir gefällt mein heutiger Beitrag.

4 Antworten
  1. Oskar Jenisy says:

    Servus Guido, so eine 3er Beziehung kann halt irgendwann leicht zerbröseln… Drei verschiedene Charaktäre unter einem Hut zu bringen…. gut, dass ihr euch geeinigt habt. Die Niagara Fälle kannst ja nach dem Zielfinish noch ansehen, hast ja eh Zeit….. günstigstes Flugangebot ca 350 C$ hin & retour, im Falle du die Heimreise von Quebec aus geplant hast….😇
    Bleibt zu wünschen ein guter Tritt, ihr packt das schon…..
    Liebe Grüße, auch an deine Mitstreiter…..

    Antworten
    • Guido Pfeiffermann
      Guido Pfeiffermann says:

      Also drei Leute sind immer noch einfacher als 8 oder 10. Wir einigen uns deshalb so leicht, da wir uns in den ganz großen Dingen einig sind. So Dinge wie Toronto oder die Niagara-Fälle sind Nebenthemen. Ich werde keinen Flieger nehmen. Das ist mir zu viel Action nach all den Erlebnissen der letzten Wochen. Und es ist auch irgendwie teuer. Schade ist es um die Wasserfälle, aber ein paar Verschnauftage in Quebec werde ich sehr genießen… Danke aber für Deinen guten Tipp!!!

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  2. Reinhard Ziegler says:

    Hallo Guido, großartig wie Du uns daheim an Deinen Erlebnissen und Erfahrungen quer durch Kanada teilhaben lässt !
    Durch die vielen Details kann man ein wenig mitfühlen.
    Vielen Dank !
    Ich wünsch Euch ein Gutes Miteinander auf den restlichen Kilometern bis Quebec City !
    Ich pack jetzt meine 7 Sachen und mache mich morgen früh auf zum Salzburgring.
    Alles Gute !

    Reinhard

    Antworten

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