43 – Stillstand in Hawkesbury

Hôpital Général de Hawkesbury (HGH), Hawkesbury, Ontario

Frédéric hatte körperliche Probleme und wir mussten den Tag zum Ruhetag erklären. Zu Mittag wurde er ins Spital gebracht, wo er blieb. Josef und ich sorgen uns um ihn. Zugleich haben wir keinen Plan wie es weiter geht. Dabei sind es nur drei Tages-Etappen bis zum Ziel, locker zu treten, Zeitreserven haben wir auch noch. Die Stunden verleben wir im „Quality Inn“ in Hawkesbury.

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Statistik

(zählt nicht zu den Gesamtkilometern von Crossing Canada)

Schock am Morgen

unsere Bleibe: "Quality Inn", Hawkesbury, Ontario

unsere Bleibe: „Quality Inn“, Hawkesbury, Ontario

Josef war gerade irgendwo, Frédéric am WC und ich wollte noch nicht aus dem Schlafsack. Die Nacht empfand ich nämlich als ziemlich kalt und so freute ich mich über eine kleine „Verlängerung“ der Bettphase. Die Nacht war ja wegen meiner Tipperei sehr kurz, die Erholung schwächelnd. Eh nur 100km und den Tagesstart mit einem Hotelfrühstück. Es mag zirka 6 Uhr 30 gewesen sein als ich Frédéric vom Häusl aus ganz komisch brüllen hörte. Mir war sofort klar was los war.

An dieser Stelle baue ich eine bewusste Lücke ein, da ich nicht weiß, ob Frédéric es gerne hat, wenn über Krankheitsgeschichten geschrieben wird.

Ich leistete Erste Hilfe. Josef kam auch hinzu. Er lief zur Rezeption, diese rief die Rettung, die erstaunlich schnell zur Stelle war. Nach einer halben Stunde schien alles normal. Man konnte es verantworten, ihn sich selbst zu überlassen. Eine Weiterfahrt heute sei möglich, auch von Frédéric aus. Er war nur sehr müde. Die Frage war, ob jetzt schlafen und dann frühstücken oder umgekehrt. Wir wogen ab. Jetzt frühstücken war das Bessere.

Tolles Frühstück

Welch Überraschung! Das Frühstück hier war wie man es aus Österreichischen Viersternehotels gewöhnt ist. Eierspeise, gebratene Erdäpfelwürfel dazu, ein paar Würstchen, die nichts anderes waren als klein gerolltes Faschiertes, ähnlich Cevapcici, nur nicht so scharf. Klar gab es wieder eine Waffelmaschine und einen Toaster. Verschiedenste Mehlspeisen standen zur Auswahl und Kaffee, Tee und Fruchtsäfte sowieso. Cornflakes, Müsli, Äpfel, Orangen… Ja, es war das erste echte Frühstück. Gut war es, zu wissen, erst so gegen 11 zu fahren, nach Frédérics Ausruhen. So konnten wir ordentlich Essen einwerfen. Der Bauch würde später nicht drücken und der erste Hunger käme auch erst später. Himmlisch!

Eine weitere Nacht, bittesehr!

Frédéric legte sich nach nur ganz wenig Essen hin. Josef und ich, vor allem aber ich, schmissen ein wie die Firmlinge. Dann zeigte ich Josef den Computerraum für Gäste. Dieser kam gut an. Wir beide waren die nächsten beiden Stunden im online-Kammer. Um 11 müsse das Zimmer geräumt sein. Mittlerweile war klar, dass Frédéric heute unmöglich kicken könne. Zu müde war er und die 100km in den sechs Stunden schienen ihm heute einfach nicht machbar. Josef und ich hatten schon durchüberlegt, wie wir weiter machen könnten. Einen Tag hier bleiben war fast die erste Option. Wir lagen ja so gut im Zeitplan. Um 10:15 war klar, wir blieben noch einen Tag hier. Josef ging zur Rezeption, um noch eine weitere Nacht zu ordern.

Mit langem Gesicht kam er zurück. Kein Zimmer mehr. Es gab sehr wohl noch ein Einbettzimmer und zwar zum selben Preis. Um spätestens 11 müssten wir aus dem Zimmer draußen sein. Das kleinere Zimmer gäbe es dann ab 12. Was blieb uns diesmal anderes übrig? Nichts, definitiv nichts. Und der arme Frederic musste aus dem Schlaf gerissen werden, um irgendwo dann eine Stunde auf das nächste Bett zu warten, in einem Zustand, den sich unsereins gar nicht vorstellen kann.

Highway 17, Hawkesbury, Ontario

Highway 17, Hawkesbury, Ontario

Unser Zimmer war dann um 10:45 geräumt und Frederic machte seine Aussiedlung schnell wie immer. Josef ging zum Computer und ich saß mit Frederic am Sofa im Foyer. Draußen war es schön. So schlug ich vor, raus zu gehen. Da gab es einen Tisch und zwei Bänke in der Sonne. Wir wechselten nach draußen. Ich genoss es, Frederic hoffentlich auch. Bald legte er sich ins Gras, verwendete meine Elektronikzeugstasche und meine Jacke als Polster. Keine 50 Meter von uns entfernt führte die Autobahn vorbei und ich sah einen Klassiker aus den 60ern vorbeifahren. Da kam mir eine glänzende Idee, die ich sogleich umsetzte.

Fotos von Autos in freier Wildbahn

Highway 17, Hawkesbury, Ontario

Highway 17, Hawkesbury, Ontario

Ich schnappte meine Kamera, ging auf die andere Straßenseite und fotografierte besondere Fahrzeuge, die aus Osten kamen und auch welche, die aus Westen kamen. Von diversen Pickups und Wohnmobilen und verrückten Fahrzeugen hatte ich geschrieben und nie fotografiert. Jetzt hatte ich endlich die Chance dazu. Niemand wartete auf mich. Im Gegenteil. Ich wartete. Irgendwie war ich wie Jean Penn als Emmet Ray in Woody Allens „Sweet and Lowdown“, wo Emmet Ray am liebsten fahrende Güterzüge beobachtete. Zwar träumte ich jetzt nicht wehmütig und sentimental vom Reisen, doch beobachtete ich eine halbe Stunde die Autobahn. Zwischendurch verschwand Frederic wieder im Hotel. Meine Sachen hatte er fürsorglich mitgenommen.

Highway 17, Hawkesbury, Ontario

Highway 17, Hawkesbury, Ontario

Die Autos hier faszinieren mich mehrfach. Neben den großen Pickups, die ständig etwas zu schleppen und zu ziehen haben und neben den polierten Juwelen der Automobilgeschichte prägen das Straßenbild durchaus auch viele Japanische Auto neuerer Zeit und die Modelle und Baureihen kenne ich alle nicht. Unsere Japanischen Autos gibt es hier nicht und die hiesigen Japanischen Autos wird man wiederum in Österreich nicht finden. Hochinteressant. Fotografiert hatte ich die dann allerdings nicht mehr. Hier endet mein Fanatismus.

Tippen im Hotel

Highway 17, Hawkesbury, Ontario

Highway 17, Hawkesbury, Ontario

Um 11:45 ging ich ins Hotel. Josef und Frederic waren schon im Zimmer. Josef gab mir einen Zimmerschlüssel und schon ließen wir Frederic im abgedunkelten Zimmer weiterschlafen. Josef und ich gingen in den ersten Stock, wo Josef mit dem Handy online war und ich mit dem Laptop. Aus den unzähligen Bilder, die ich mit Dauerfeuer schoss, wählte ich jetzt die besten aus und bearbeitete sie. Nach einer halben Stunde fuhr Josef dann in die Innenstadt Essen für sich kaufen. Ich widmete mich meinem Blog.

Frederic ist im Spital!

Highway 17, Hawkesbury, Ontario

Highway 17, Hawkesbury, Ontario

Nach einer weiteren Stunde kam die Dame von der Rezeption zu mir und fragte, ob ich vom Zimmer 101 sei. Ich bejahte. Sie berichtete mir, Frederic sei im Emergency Room im Spital, das ganz in der Nähe sei, nur für eine Stunde, ich möge ins Zimmer gehen. Das tat ich. Ja, das Zimmer war leer. Irgendwie verstand ich nicht, was da jetzt los war. Ich schrieb es Josef und dann fragte ich nach wo das Spital sei. Josef war dann am Weg ins Hotel. Ein wenig nützte ich die Zeit des Wartens mit Schreiben. Als Josef dann da war, fuhren wir auch gleich ins Spital. Dieses Hôpital Général de Hawkesbury (HGH) war nur zwei Kilometer vom Hotel entfernt. So ein Glück aber auch. Glück im Unglück. So oft waren wir in der Einöde. Was hätten wir da nur gemacht in diesem Fall?

Highway 17, Hawkesbury, Ontario

Highway 17, Hawkesbury, Ontario

Frederic hatte schon so ein schickes Nachthemd an. Er lag sehr schlapp im Bett, hatte zwei Infusionsflaschen angehängt und klagte über Schmerzen hier und da. Die Lippe war stark geschwollen und blutig.

Josef und ich waren 3,5 Stunden im Wartezimmer, immer wieder mit kleinen Unterbrechungen wo wir fragen gingen, ob denn der Test schon ausgewertet sei. Am Ende gab es ein gutes Resultat, doch würde Frederic erst in drei Stunden heim gehen können, also so gegen 21:00. Die Infusionen brauchen einfach noch länger. Ich gab ihm Bargeld fürs Taxi und Sonstiges, denn er hatte nur die Kreditkarte bei sich. Die Schwestern und Ärzte hier wirken sehr kompetent, bemüht und freundlich. Der Arzt erklärte Frederic alles ganz genau auf Französisch und uns auf Englisch.

Superbillige Supermärkte

Highway 17, Hawkesbury, Ontario

Highway 17, Hawkesbury, Ontario

Zwischendurch, dies sei noch schnell erwähnt, war ich ganz in der Nähe shoppen, Essen für heute und morgen. Ich war da in einem Supermarkt namens „Fresher.Cheaper“ und staunte nicht schlecht. Der war so groß wie der Independent-Markt, also mit extrem großer Auswahl. Die Preise waren hingegen putzig klein. Teilweise waren es dieselben Hersteller und Produkte. Wahnsinn! So etwas kenne ich von Österreich nicht. Ich zahlte für einen ziemlich vollen Korb knapp 14 Dollar, also zehn Euro.

Highway 17, Hawkesbury, Ontario

Highway 17, Hawkesbury, Ontario

Die Sache ging weiter. Es kam zu einer Steigerung, denn nebenan gab es einen Shop mit Namen „Dollar Tree“. So eine Art Ein-Euro-Shop. Ich ging rein, da ich eine feste Einkaufstasche wollte, denn mit den dünnen Sackerln vom Fresher.Cheaper war der Gedanke an die Heimreise nicht witzig. Im Dollar Tree kaufte ich neben der praktischen Tragetasche noch eine Lesebrille und drei Brillenetuis, dazu noch eine Doppelpackung Twix und zahlte 8 Dollar, also unter 6 Euro. Wie ist das möglich? Bei uns kosten billige Lesebrillen zehn Euro und das ist schon wenig Geld. Hier zahlte ich für eine Lesebrille genau in der üblichen Art 1,25 Dollar, also unter einen Euro. Ic h finde es noch immer totalen Wahnsinn.

Zurück ins Hotel

A&W, Hawkesbury, Ontario

A&W, Hawkesbury, Ontario

Zurück aber zur Zeit nach der Warterei im Spital. Josef ging zum Fresher.Cheaper shoppen und ich fuhr zu A&W Abendessen. Es regnete jetzt auch noch. Bei A&W war ich ziemlich vom Konzept angetan und auch vom Geschmack. Es war mein dritter Besuch bei A&W. Ja, hier in Kanada ist alles um Längen besser als Mc Donald’s. A&W rühmt sich damit, nur Bio-Ware zu verwerten. Das schmeckt man. Und man hat ein besseres Gefühl.

Abendliche Überlegungen, wie es weiter geht…

Wieder im Hotel tippte ich im Zimmer weiter. Josef war im Computerraum und kam um acht zurück Schlafengehen. Ganz im ernst. So tippte ich und wartete auf Josef. Das war eine ziemlich beschissene Situation, denn im Spital hatten wir nicht unsere Telefonnummern bekanntgegeben und Frederic hatte keinen Akku mehr im Handy. Es konnte ja ganz leicht sein, dass er heute nicht mehr kommen würde. Ja, die Situation war insgesamt nicht schön. Was wäre, wenn er nicht so schnell genese? Lassen wir ihn zurück und fahren diese lächerlichen drei Fahr-Tage alleine? Das geht doch nicht!! Frederic war immer der große Kämpfer und er ist der Stärkste von uns und er freut sich wahnsinnig auf Quebec.

Highway 17, Hawkesbury, Ontario

Highway 17, Hawkesbury, Ontario

Im Warteraum stundenlang neben Josef, zu 99% schweigend, merkte ich, dass Frederic der Kit des Teams ist. Er ist mit Josef gemeinsam ein gutes Team und er ist mit mir gemeinsam ein gutes Team. Erst durch ihn gibt es eine feste Verbindung zwischen Josef und mir. Ich denke, wenn es bei Frederic wirklich, wirklich nicht geht, dann wird Josef alleine fahren und ich alleine. Jedem ist es wichtig, aus eigener Kraft nach Quebec zu kommen. Aber als Einzelfahrer? Pfui!!! Ich will nicht daran denken. Frederic muss morgen wieder halbwegs fit sein. Könnte ich beten, ich würde es jetzt tun.

6 Antworten
  1. Harald W.A. says:

    Hallo Team!
    Das Glück im Unglück ist, dass das nicht in der Pampa passiert ist und das Krankenhaus nahe ist.
    Wünscht bin tte Frederic gute Besserung von mir und den anderen Daumendrückern. Er wird es fertigkicken. Wann ist egal.
    Liebe Grüße!

    Antworten
    • Guido Pfeiffermann
      Guido Pfeiffermann says:

      Danke, lieber Harald! Ja, es ist wahrlich ein Glück im Unglück!!! Gute Besserung kann Frederic wirklich gut gebrauchen. Ich richte ihm Deine Wünsche aus. Wir schaffen es, auch wenn wir länger dafür brauchen als geplant. Der Ankunftstermin ist wirklich egal, solange er vor dem Abflug ist.Es wird sich ausgehen. Servus Guido

      Antworten
  2. Johannes-Albrecht Geist-Herz says:

    Um Gottes Willen! Habe gerade für Frédéric gebetet. Gute Besserung! Haltet zusammen! In der Ruhe liegt die Kraft! Panta rhe …

    Antworten
    • Guido Pfeiffermann
      Guido Pfeiffermann says:

      Keine Sorge, wir halten zusammen. Frederic geht es drei Tage später noch immer nicht gut. Wir unterstützen uns wo es geht und das hilft garantiert. Ja, in der Ruhe liegt die Kraft. Alles läuft sehr ruhig ab und es geht stetig weiter. Nur noch zwei Kick-Tage. Das ist unfassbar. Dann sind wir alle im Ziel.

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