44 – Frédérics Fegefeuer-Fahrt

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Wenn einer ein Held ist, dann ist es Frédéric. So viel Pech auf einmal kann man normal nicht haben. Dass er die heutigen 100 Kilometer tatsächlich schaffte, ist kaum zu glauben. Gestern zwei starke epileptische Anfälle, wonach man einen Tag ruhen muss, dann noch ein paar unangenehme Verletzungen, Kraftlosigkeit in den Händen, nicht fähig zu essen und dann noch ein Patschen mitten im Starkregen. Ständige Sehnsucht nach einem Ende der Fahrt und Hoffnung auf ein Bett. Es muss für ihn die Hölle gewesen sein. Er und wir schafften es nach Montreal!

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Juchuu!

Erst nach Mitternacht kam Frederic ins Hotel. Josef und ich schliefen bereits und wurden natürlich munter als er das Zimmer betrat. Welch Freude. Empfangsfeier gab es keine. Klar. Wir wollten alle schlafen und er am allermeisten. Wie komisch wäre es nur gewesen, hätten da zwei Männer im Einbettzimmer am Boden geschlafen und das Bett wäre unbenützt geblieben, um 153 Dollar die Nacht. Naja, das ist nur so eine Nebenbei-Bemerkung. Ich werde nun die Hauptbemerkung machen, da ich Frederics Okay dazu bekommen habe.

Was wirklich war

Frederic leidet unter Epilepsie. So alle zwei Monate hat eine eine Attacke. Die letzte war zwei Monate her. Wir wussten das schon vor unserer Reise, was gut war. Leider kündigen sich seine Anfälle nicht für ihn erkennbar an. Er hat auch nie kurz davor ein komisches Gefühl, sodass er reagieren könnte. Von einer Sekunde auf die andere bekommt er Krämpfe und weiß von nichts. Daher darf er auch nicht Auto fahren. Frederic erzählte mir schon vor einigen Wochen, dass es immer dann passiert, wenn es ihm besonders gut gehe und er Angst hat in Kanada, eben weil es ihm so gut gehe. Mir fiel ja am Vorabend seines Anfalls auf, dass er übertrieben gut drauf war, eigentich ohne ersichtlichen Grund. Das war der Abend, wo er das Hotel bezahlte und uns erst gar nicht fragte, ob wir mit dem Preis einverstanden wären und er wie verrückt am aufband 14 km/h rannte und diese dann auch noch mit dem Tacho seines Rollers prüfte. Ja, da war mir aufgefallen, dass er auffallend gut drauf war. Nur konnte man da wohl den kommenden Anfall nicht mehr abwenden. Natürlich ahnte ich an jenem Abend nichts. Rückblickend ist mir aber alles klar.

Ich will jetzt nicht ins Detail gehen, wie der Anfall ablief, aber es war schauderhaft und es war gut, dass ich in der Nähe war. Frederic meinte beim Frühstück gestern, dass dieser Anfall ein ganz ein starker gewesen sei und er unbedingt schlafen müsse, am besten den ganzen Tag. Ein zweiter Anfall würde nicht mehr kommen. Leider irrte Frederic. Der zweite Anfall war womöglich noch stärker und es kam ihm niemand zuhilfe. Beim ersten biss er sich auf die Zunge und prellte sich am Arm, beim zweiten stieß er wo mit Lippe und Schneidezähnen auf, fiel auf den Kopf, auch die Nase hatte etwas abbekommen.

Während des Anfalls ist es wirklich nicht lustig. Frederic hat nie eine Erinnerung vom Geschehen. Danach ist er sehr konfus. Und jetzt konnte er nicht einmal reden. Endlich waren wir im Französischsprachigen Teil Kanadas und Frederic hatte geschwollene Lippen und Schmerzen im und um den Mund.

Alles ist ungwiss

Frühstück gab es um 7:00 und wir hatten ziemlich frei von Konversation in der halben Stunde davor alles zusammengepackt und uns reisefertig gemacht. Es stand also unausgesprochen für alle fest, dass heute die Reise weiterginge und wir am Ende des Tages in Montreal wären. Der arme Frederic konnte nichts essen und auch das Trinken ging nur mit Strohhalm. Drei Fruchtjoghurts nahm er irgendwie und sehr mühsam zu sich, mühsam auch, da ihm schon seit etwa zwei oder drei Wochen die Kraft in den Händen fehlt. Er tut sich schwer beim Abziehen der Deckfolie des Joghurtbechers. Diese Kraftlosigkeit kommt vom Tretrollern. Jeder von uns hat eine andere Körperhaltung und bei Frederic lastet mehr Gewicht an den Handflächen. So wurden durch die Dauer der Belastung wohl Nerven beleidigt. Ich habe das auch ganz leicht, wobei es sich in einer Art Taubheit der Fingerkuppen bemerkbar macht, angenehmerweise aber nur während der Fahrt und danach nicht mehr.

Josef stellte fest, dass es heute nur 100 km seien. Frederic meldete sich erstmals zu Wort. Er meinte, sie habe gesagt 80 km. Sie ist sein Garmin-Navi. Dieses Navi gibt leider immer die Luftlinie an. Frederic wirkte ernsthaft so, als gingen nicht mehr als 80 Kilometer. Dann meinte er noch, von Montreal nach Quebec-City müssten wir drei Etappen machen und nicht zwei, wie ursprünglich geplant. Es dreht sich um 300 Kilometer Fahrt von der einen Großstadt zur anderen, die zugleich Ziel unserer Reise ist. Was blieb Josef und mir anderes übrig als zuzustimmen. Für Josef war der Verlust von zwei Tagen jetzt schon bedrohlich für sein Zusatzprojekt. Er will ja von Quebec-City weiterfahren an den Atlantik, also zusätzliche 680 km. Und das muss sich schließlich zeitlich auch ausgehen. Noch geht es sich aus.

Unglaublich, den starken Frederic so schwach zu erleben! Immer wieder sagte er mir, dass er gerne 200 km pro Tag fahren würde und ihm das Tempo zu langsam sei, es ihm aber im Sinne der Gemeinschaft gar nichts ausmache. Nächstes Jahr werde er von Helsinki nach Gibraltar alleine fahren mit mindestens 200 jeden Tag. Wenn nicht nächstes Jahr, dann übernächstes, aber sicher 200 km täglich. Nächstes Jahr will er durch China fahren. Da ist dann sowieso alles anders. Ja, und eigentlich könnte Josef, wie wir alle, auf Muss jetzt auch 300 km in einem Zug fahren, also von 6 in der Früh bis 22:00 oder 23:00 am Abend, quasi Montreal nach Quebec-City in nur einem Tag.

Nun aber saß er da wie ein kleines Kindergartenkind, das jammern wollte weil von ihm zu viel verlangt würde. So wie Frederic nun auf uns wirkte, schien die heutige Fahrt wie die Fahrt ins Ungewisse. Und überhaupt schien alles ganz anders. Von einen Tag auf den nächsten müsse man bangen wie es weitergehe und ob es weitergehe. Wahnsinn eigentlich so knapp vor dem Ziel. Definitiv hatten wir das Schlimmste an Strecke hinter uns, und das Längste sowieso.

Fahrt ins Ungewisse

Provinz Quebec. Sympathisch: in Notfällen wird ein Porsche geliefert

Provinz Quebec. Sympathisch: in Notfällen wird ein Porsche geliefert

Schließlich ging es los. Wir nahmen Frederic in die Mitte. Josef hatte sein Handy mit der Route über Radwege in Quebec bei sich und fuhr deshalb vorne, dann folgte Frederic und dahinter ich, um sofort einzugreifen, wenn es etwas geben sollte. Ungewohnt langsam fuhren wir. Frederic machte kurze, schnelle Kicks. Daran erkannte man, dass er sehr kraftlos fuhr. Er fuhr gleichmäßig und hatte keine Gleichgewichts- oder Orientierungsprobleme. Der Arme! Die paar Stunden im Spital kosteten ihm 1.300 Dollar. Wenn alles gut geht, bekommt er 100% von seiner Versicherung refundiert. Einmal in Mexiko, so erzählte er uns später, hatte er 10.000 Euro zu zahlen gehabt. Seiner Kreditkarte tut so etwas freilich nicht gut.

Nach 20 Kilometer machten wir die erste Pause an einer unhübschen Tankstelle mit einem Shop, in dem ich kein einziges Ding fand, das ich mir hätte kaufen können, außer ein Tüteneis, das ich nun so gut es ging genoss.

Zwei Harleys kamen zur Tankstelle, jeweils ein Fahrer und eine Beifahrerin, wie so oft im Alter 50plus. Sie sprachen Französisch und interessierten sich für uns und unsere Roller. Frederic war sicher unglücklich, da er mit seinem Mund nicht reden konnte. Seinem Gesicht entnahm ich aber, dass ihn alles anwiderte. Er wollte wohl in einem Bett sein und schlafen. Ganz ehrlich widern uns die Fragen mittlerweile auch schon an. Immer dasselbe. Die Leute sehen den Roller und fragen, ob er einen Motor habe oder wie man hier sitzen kann. Irgendwann entdecken sie dann, dass Pedale fehlen. Dann kommen sie nicht von selbst drauf, dass man damit wie mit einem Microscooter fährt und sind mehr als erstaunt, wenn man ihnen erklärt, dass man hier nur stehe und tritt. Sie glauben es dann meist nicht und warten bis wir losfahren.

Immer diese Fragen…

Campingbus für zwei Leute (Roland und Denise), irgendwo am Weg nach Montreal, nördlich Ottawa River, Quebec

Campingbus für zwei Leute (Roland und Denise), irgendwo am Weg nach Montreal, nördlich Ottawa River, Quebec

Das nervt mittlerweile, auch mich, wo ich doch so einen missionarischen Willen habe, alle auf den Geschmack zu bringen. Schön ist es jetzt nur jedesmal, wenn wir erwähnen, dass wir in Vancouver gestartet sind. Dann entfachen wir wirklich immer volle Begeisterung. Ja, fast hätte ich es vergessen. An dieser Tankstelle war schon wieder einer, der uns in die Zeitung bringen will. Der Dritte mittlerweile. Er machte Fotos und meinte dann, dies komme in die Zeitung. Ich wollte wissen, ob es eine online-Ausgabe geben werde. Ja, wahrscheinlich. So gab ich ihn eine Karte mit Josefs Kontaktdaten und der Webadresse zu Facebook-Seite.

Weiter ging es. Wir fuhren eine Zeit lang entlang schöner Radwege. Irgendwann aber kam der dritte Abschnitt mit Schotterstraße und der schien sehr lange. So wechselten wir auf einen Highway, einen wenig befahrenen allerdings. Ob die Strecke dadurch sehr viel länger wurde, wussten wir nicht. Schneller als am Radweg waren wir allerdings. Bei Kilometer 50 so etwas wie eine Halbzeitpause, nur eine ganz kurze an einem Supermarkt um Essen zu kaufen. Nur Frederic kaufte etwas. Josef und ich hatten genug Essbares im Gepäck und wir hatten üppig gefrühstückt. Es begann zu tröpfeln, nach einigen Minuten der Weiterfahrt ging es in Regen über.

Dauernd Starkregen und Wind

Quebec, etwa 50 km vor Montreal. Immer wieder gibt es Entfernungsangaben von exakt 230 Metern.

Quebec, etwa 50 km vor Montreal. Immer wieder gibt es Entfernungsangaben von exakt 230 Metern.

Wir zogen uns die Regenjacken über, Josef zog sich auch die Regenhose an. Mir schien das übertrieben. Tja, schließlich schüttete es noch und wir hatten starken Seitenwind, manchmal auch schräg von vorne, mehrheitlich von der Seite. Mah, wie muss es Frederic jetzt ergangen sein. Er sah nur das Ziel vor sich, nämlich ein Bett und Ruhe. Und da peitschte der Wind von der Seite Millionen kleiner Regentropfen uns ins Gesicht, die wie Nadelstiche wirkten. Die Schuhe waren auch schon innen nass, manchmal ging es nicht anders als in zwei Zentimeter tiefe Lacken zu treten.

70 Kilometer hatten wir und da fuhren wir unter ein Vordach eines Restaurants, das keines war. Es war eine noble Hütte, ein Hotel, das für seine Gäste ein Restaurant hatte. Hier machten wir unsere private Ess-Stätte und packten aus, aßen und tranken im Trockenen. Der Regen wurde nicht weniger. Der Parkplatz stand unter Wasser. Frederic sprach nichts und auf die Frage, wie es ihm ginge, deutete er mit dem Daumen nach unten. Ihm entkam kein Lächeln. So kenne ich ihn nicht. Sein Gesicht war emotionslos wie das von Buster Keaton und seine Oberlippe war die von Duffy Duck. Leider war das gar nicht witzig und ich mache mich mit diesen Vergleichen nicht lustig über ihn. Ich hatte Mitleid, unendlich großes Mitleid. Jetzt riss noch seine Literpackung Kakao an einer Naht aus und verklebte Teile seiner Tasche und mitunter lief auch einiges davon in die Tasche. Heute lief aber auch alles schlecht für ihn. Doch es sollte noch schlimmer kommen als durch das Auslaufen der klebrigen Milch.

Unglücksrabe Frederic!!!

50 km vor Montreal, Provinz Quebec. Oft haben Häuser schrille Farben am Dach. Typischer Stil hier mit Garagen und einem Postkasten vor dem Haus.

50 km vor Montreal, Provinz Quebec. Oft haben Häuser schrille Farben am Dach. Typischer Stil hier mit Garagen und einem Postkasten vor dem Haus.

Wir waren nach dieser kurzen Pause wieder unterwegs im Starkregen. Die Formation war unverändert und plötzlich ließ sich Frederic ausrollen. Er hatte vorne einen Patschen. Gerade er! Gerade jetzt und hier! Dreißig Meter vor uns war eine Hauseinfahrt mit einem Tor. Dorthin schob er seinen Roller. Josef merkte dies bald und drehte um. Frederic war verzweifelt und mich ergriff das auch gleich, obwohl es mir heute körperlich und auch sonst wunderprächtig ging. Ich vermied es, ihm in die Augen zu schauen. Ich dachte, er müsse dem Weinen nahe sein. So machten Josef und ich gemeinsam ein Spezialservice und wechselten flink den Schlauch. Dies ging fast wie bei „Wetten dass…?“ Im Nu war das Vorderrad knallhart vollgepumpt wieder montiert. Wir konnten weiterfahren.

That’s What Friends Are For

Es klingt jetzt abgedroschen, doch ich empfand erstmals so etwas wie „Einer für Alle! Alle für Einen“. Und dann fiel mir auch noch der Titel „That’s What Friends Are For“ ein. Ja, es war eh klar, dass wir nur gemeinsam das Ziel erreichen wollen oder gar nicht. Dieser Gedanke war aber irgendwie auch abstrakt und gehaltlos. Jetzt plötzlich war dieses starke Gefühl einer inneren Überzeugung da. Das hatte schon auch etwas sehr, sehr Schönes.

Die Fahrt ging weiter. Mir kam vor, es ginge etwas schneller als zuvor. Der Wind kam mehr von vorne und ich sorgte mich augenblicklich nur noch um mein Auge. Was ist, wenn es wieder zu brennen beginnt. Dann wäre ich mehr Bremse als Frederic es jetzt sein könnte. Nur nicht dran denken! Sonst kommt es garantiert. Wie macht man ein Nicht-Dran-Denken? Ganz einfach, ich dachte daran, wie ich Wind am besten vermeiden könnte und so neigte ich den Kopf stark nach vor, sodass der kleine Schirm meines Helmes den Augen Windschatten und Trockenheit spendete. Das klappte prima. Ich sah dadurch nur Frederics hinteres Rad. Oberhalb dessen war alles Schwarz vom Helm. Aber es ging. Nur noch 25 km. Von der Restaurant-Pause weg waren es 32.

Noch ein Patschen

Josef ließ sich zurückfallen. Er war hinter mir. Ich drehte mich um, um zu sehen, ob er Probleme hätte. Scheinbar nicht. Wahrscheinlich wollte er nur kurz pinkeln und uns nicht extra aufhalten bei dem Sauwetter. Es war leider anders. Auch er hatte einen Patschen und wechselte den Schlauch. Jetzt hatte er vier Patschen, ich fünf und Frederic sechs. Die heutige Fahrt war aber wirklich ein Alptraum und da spreche ich hauptsächlich für Frederic. Wahnsinn, dass er durchhielt!

Mein Gefühl: „unkaputtbar“

Mir ging es erstaunlich gut. Gerade jetzt nach diesen beiden Patschenpausen und gerade als der Regen am stärksten war und ich ebenfalls meine Regenhose anhatte, fühlte ich mich so, als könne ich ewig weitertreten, ohne zu essen, ohne zu trinken, ohne zu schlafen, völlig schmerzfrei, ermüdungsfrei und unkaputtbar. Ja, so Zustände gibt es! Ich bin dann immer sehr skeptisch und frage mich selbst, ob ich gerade in einen Wahn gekippt bin, einer massiven Wahrnehmungsstörung zum Opfer falle. Keine Ahnung. Es war kein Wahn, denn ich war nicht in irgendwelchen Grenzregionen durch starke Anstrengung. Nein, es hatten einfach die leichten Schmerzen im linken Knie, die ich bis zur letzten Pause hatte, komplett nachgelassen und alles andere funktionierte sowieso super, auch das Auge war im Trockenen. Für mich war dieser Tag definitiv nicht die Hölle. Im Gedanken war ich sehr stark bei meinem Vordermann, für den der Tag definitiv die Hölle war. Weil Fegefeuer, gemeinsam mit „Fahrt“ und „Frederic“ so einen schönen Stabreim bildet, verwendete ich nicht „Hölle“ für die heutige Überschrift. Ich weiß nur nicht, warum der gute, liebe Frederic jetzt im Fegefeuer zu schmoren hatte.

Noch etwas Erschwerendes

9 km vor dem Ziel. Handy funktioniert nicht mehr. Navigation nicht mehr möglich. Starkregen. Nahe Montreal, Quebec

9 km vor dem Ziel. Handy funktioniert nicht mehr. Navigation nicht mehr möglich. Starkregen. Nahe Montreal, Quebec

Manchmal, wenn man glaubt, ganz unten zu sein und es nicht mehr schlimmer werden könnte, gibt es nach Unten noch eine Steigerung. Im heutigen Fall war das Josefs Handy, das im Regen einfach nicht mehr seinen Dienst versehen wollte. So waren wir 9 Kilometer vor dem Ziel nahezu völlig orientierungslos. Die Zieladresse war in einer Facebook-Nachricht und die auf seinem Handy.

Dadurch verzögerte sich unsere Ankunft, die es doch tatsächlich gab, um eine Dreiviertelstunde. Wir fuhren nach Gefühl weiter, kamen an einen Punkt mit WLAN, dort schaffte ich mit meinem Handy einen schlechten Empfang. Das Einloggen mit Josefs Daten wollte nicht gelingen, denn nun spinnte aufgrund der Feuchtigkeit auch mein Handy. Ich erspähte einen Subway in der Nähe. Nun fuhren wir dorthin unser Online-Glück zu versuchen. Kalt war es uns zwischenzeitlich, obwohl es 21 Grad hatte, aber die Nässe durch und durch und der anhaltende Wind waren grausig zu uns. Hier ging das Internet eine Spur besser und nach vielen Versuchen, auch mit Trockenwischen mittels Subway-Servietten, fanden wir die Adresse und den Weg dorthin. Letztes Stückerl! Josef nahm mein Handy und führte die kleine Truppe wieder an. Gegen Ende gab mein Handy auch wieder auf. Vorsorglich hatte Josef zuvor die Adresse vom Display mit seinem Fotoapparat abfotografiert.

9 km vor dem Ziel.. Starkregen.. Nahe Montreal, Quebec

9 km vor dem Ziel.. Starkregen.. Nahe Montreal, Quebec

Josef hat einen sehr guten Orientierungssinn und so fuhren wir die letzten drei Kilometer ohne Navi zum Ziel. In der Wohnung einer Freundin würden wir schlafen, da diese ein Examen hat und andernorts lernt und schlafe. Zwei Nächte haben wir ihre Wohnung. Das ist schon extra toll! Die Wohngegend ist für mich ganz besonders. Es gibt unzählige kleine Häuser dort mit zwei oder drei Stockwerken und in jedem Geschoss zwei Wohnungen, die von außen zu begehen sind. Das heißt, jedes Haus hat Außentreppen, die das Straßenbild prägen. Neben jeder Eingangstüre ist die Hausnummer angebracht, wobei „Hausnummer“ falsch ist. Da hat ein Haus beispielsweise die Nummern 1888, 1889, 1890 und 1891. Sichtmauerwerkziegelhäuser sind es meist mit ganz kleinen Vorgärten. Sehr große, schattenspendende Bäume stehen davor. Für ein sensationell gutes Foto wünschte ich mir die Bäume weg. Dann hätte man hundert Treppenaufstiege auf einmal gesehen, wirklich unglaublich dieses Treppen-Überangebot. An Fotografieren konnte ich aus praktischen Gründen nicht denken. Es schüttete und wir wollten schnellstmöglich endlich im Trockenen sein.

Endlich: am ZIEL

Wir waren falsch! Die Hausnummer stimmte, die Straße aber nicht. Drei Böcke weiter. Dann waren wir aber wirklich richtig. Endlich! Der Schlüssel war im vereinbarten Versteck zu finden, die Tür war zu öffnen, ein schönes Loft stand uns Dreien zur Verfügung, in der dritten Etage gelegen. Das Loft schätze ich etwa 5 Meter breit und 15 Meter tief, eher sehr unpraktisch. Eingerichtet ist es irgendwie wie eine Segeljacht. Jeder Stauraum und jeder Winkel wird genützt, da es eng zugeht. Die Wände sind glücklicherweise weiß gehalten, um nicht Platzangst zu bekommen.

in unserer Bleibe in Montreal, Quebec, angekommen. Blick von der 2. Etage auf Frederic und mich. (c) Josef Kvita

in unserer Bleibe in Montreal, Quebec, angekommen. Blick von der 2. Etage auf Frederic und mich. (c) Josef Kvita

Ganz schnell muss ich den Zugang zur Wohnung beschreiben, da ich so etwas von zuhause überhaupt nicht kenne. Vom Gehsteig gelangt man über ein winziges Vorgärtchen zu zwei Türen. Das sind die Türen zu den beiden unteren Wohnungen. Links davon führen Außentreppen in die zweite Etage. Dort gibt es am Balkon drei Türen. Die linke und die rechte führen zu den beiden Wohnungen in dieser Etage. Die mittlere Türe benützten wir. Hinter der Türe führt eine steile, enge Treppe nach oben, wo es links und rechts eine Türe gibt, die jeweils zu einer der beiden Wohnungen in der dritten Etage führt. Unsere Türe war die rechte. Diese Türe befand sich in der Mitte der Breitseite der schmalen Wohnung. Nach rechts ging es zum Wohnzimmer und Schlafzimmer und zum straßenseitigen Balkon, nach rechts zu Esszimmer, Küche, WC und Bad.

Genug der architektonischen Ausflüge. Wir schleppten alles Gepäck nach oben und versperrten unsere Roller am Gartenzaun vor dem Haus. Wir machten alles waschelnass. Das war unvermeidbar. Duschen. Zuerst Frederic. Dann essen und einfach genießen, angekommen zu sein. Handys, Garmins, Laptop und all das andere Zeugs aufladen und hoffen, dass die Besitzerin nicht so bald kommen würde. Hier sah es aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen, eine waschelnasse Bombe. Wirklich schön, sauber und leer war es vor uns. Jetzt hatten wir drei uns auf das Maximale ausgebreitet. Anders ging es aber nicht. Internet gab es leider nicht.

Frederic legte sich auf das ausgezogene Sofa, das dadurch Doppelbettgröße hatte. Ich gönnte es ihm so sehr! Um 19 Uhr etwa legte ich mich auf das Doppelbett, das noch die Überdecke drauf hatte. Einfach zum kurz Ausruhen. Nach mehr als zwei Stunden wurde ich munter. In der Wohnung war es dunkel. Im Esszimmer lag Josef am Boden und schlief in seinem Schlafsack. Frederic hatte Bettzeug und schlief am Sofa. So war das nicht beabsichtigt von mir. Ich wollte diesmal am Boden liegen, nicht weil ich es so gerne mache, sondern weil ich an der Reihe war und Frederic auf jeden Fall das beste Bett brauche. Jetzt war alles anders. Das war mir unangenehm.

Ich zog die Hose aus und schlief dann mit Unterhose und T-Shirt auf der Überdecke des Bettes. Die nächste Nacht möge bitte Josef hier schlafen und soll dann nicht von mir benütztes Bettzeug haben. Schnell schlief ich wieder ein und hatte, wie ich schon voraussagen darf, eine gute Nacht, auch ohne Decke, denn es war wohlig warm.

„Glück im Unglück“

Noch ein abschließender Gedanke zu „Glück im Unglück“. Der Wetterbericht sagte immer nur Regenwetter für diesen einen Tag voraus. Davor und danach regenlos beziehungsweise Sonnenschein. Wären wir planmäßig unterwegs gewesen, also ohne diesem Zwangs-Ruhetag in Hawkesbury, so wäre der Stadtbesichtigungstag in Montreal grauenhaft versauwettert gewesen. Und wirklich: Tags darauf war es trocken und schön!

5 Antworten
  1. KARLSON says:

    Lieber Guido!
    Großsar… packe… mir gehen die Superlative aus!
    Das ist, für mich, mit Sicherheit dein bester Beitrag (bis jetzt)!
    Würd ich’n mit Ludwig v. Beethoven vergleichen (er verzeihe mir) wärst jetzt bei #9;-)
    Frédéric ist ein harter Hund und er hat meine größte Hochachtung!

    Power to You
    Karl

    @ Eugen Göhr (Eintrag aus #45): Würde Guido richtig essen wäre er nicht zu bremsen und Josef würde sich, trotz seines Ernährungsberaters, in die Depression stürzen.

    Antworten
    • Guido Pfeiffermann
      Guido Pfeiffermann says:

      Lieber Karl, danke für das Kompliment! Ich glaube, da kommen noch ein paar gute Lesebrocken, aber ich will nicht zu viel versprechen, denn noch ist alles im Kopf und muss erst geschrieben werden. Konkret geht es um die Betrachtungen danach. Jetzt einmal geht es ums Tagesgeschehen. Danke auch für Deine Einschätzung meine Kraft betreffend. So einfach ist es leider nicht, dass es nur am „Treibstoff“ liegt. Nahezu alles liegt am richtigen Training und natürlich an den Veranlagungen. Klarerweise liegt es auch am Alter. Josef ist einen Monat jünger als meine älteste Tochter…
      Ab ins Finale! Guido

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  2. Horst Frank says:

    Lieber Guido,
    ein ganz toller Beitrag, in jeder Hinsicht.
    Erst wenn es Probleme gibt, und Hilfe nötig ist, zeigt sich richtig der Wert eines Teams, das in dem Moment viel mehr ist, als die Summe seiner Mitglieder. Beste Wünsche für Frederic und weiter Glück bis zum letzten Kilometer.
    LG Horst

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    • Guido Pfeiffermann
      Guido Pfeiffermann says:

      Lieber Horst! Danke für das Lob. Offenbar stimmt es, dass man erst in der Not die Vorzüge eines Teams zu schätzen lernt. Mir widerstreben solche schwarzen und negativen Ansätze und ich wünsche mir, dass man den Wert eines Teams auch in guten Zeiten schätzt. Die gegenständliche Praxis zeigt mir aber, dass vorzugsweise die Not zusammenschweißt. Wir haben nur noch 30 km und sind alle wohlauf!!! LG Guido

      Antworten

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