48 – Am Ziel: Wörter, Worte und Sätze

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Wir strahlten so sehr, dass die regennasse Fahrbahn unter unseren Füßen trocknete. Quebec-City zog uns in einer Weise an, als hingen wir an einem vorgespannten Gummiseil. In einer nicht vorhersehbaren Art und Weise war mit einem Male unsere lange Reise abgeschlossen. Sie war Geschichte. Wir schrieben Geschichte. Der bemerkenswerte und merkwürdige Tag gipfelte in einer Party.

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Frühstück

Standardprogramm wie immer und doch ganz, ganz anders. Wir schliefen in hervorragenden Betten und jeder von uns hatte ein eigenes, großzügig eingerichtetes Zimmer. Wir hatten am Vorabend so richtig gut gegessen und getrunken, richtig Europäisch. Und jetzt waren um 6 Uhr schon die Vorbereitungen im Gange zum richtig guten Frühstück. Was gleich war wie immer war das frühe Aufstehen, das Zusammenpacken aller Dinge für die Weiterfahrt und das Anziehen der gelben Cross-Canada-Trikots.

Ziemlich zeitgleich waren wir Drei in der Küche bei Emmanuel, der sich nicht unterstützen ließ und im Alleingang ein feines Frühstück am Terrassentisch kredenzte, mit Spiegeleiern, Speck und Zwiebeln drauf, mit reichlich Toast und gutem Kaffee. Da saßen wir nun, im Wissen, dass diese letzte, kurze Spazierfahrt jene zum definitiv finalen Ende sein wird. Die letzten Tage schon rochen wir penetrant das nahende Ende. Jetzt war es da. Und es schmeckte gut. Es schmeckte das Frühstück gut und auch das nahende Ende, bedeutete es doch ein Happy End, einen Schlussstrich unter einer in jeder Hinsicht unglaublichen Reise und körperlichen Leistung.

Die letzten Tage empfand ich als einen einzigen, starken Rückenwind. Zur Belohnung aller Strapazen war es jetzt immer leichter und leichter geworden, eigentlich so leicht, dass einem am Ende gar kein Stein vom Herzen fallen kann, weil es so eine lockere Spazierfahrt sei. Wir hatten ja wirklich Rückenwind und es war flach. Die Tagesleistungen schraubten wir zurück. Ja, es war ein Abfallen am Ende. Aber das war notwendig wegen Frederics extremer Schwäche und Müdigkeit. Und jetzt hier bei Emmanuel und dessen Familie zu sein war ein ganz großes Glück. Wir hatten Fans, die uns betreuten. Das heißt, jetzt betreute uns einmal nur Emmanuel, später auch seine Frau Stephanie. Wir hatten erstmals so etwas wie einen Support. Das machte uns deutlich, wie tüchtig wir die letzten sieben Wochen gewesen waren. Wir hatten alles, wirklich alles, selbst gemacht. Und wir hatten es gut gemacht.

Stephanie

Als sich das Frühstück dem Ende neigte, kam Stephanie hinzu. Sie stellte sich vor. Gestern war sie ja mit ihrer Mutter in Quebec-City bei einem Celine Dion Konzert. Deshalb war sie jetzt auch noch sehr zerknittert und verschlafen. Sie passt zu Emanuel, denn beide sind sehr aufgeweckt, nett und extrem gastfreundlich. Stephanie ist Kanadierin, während Emmanuel Franzose ist. Sie lernten sich während ihrer Ausbildung zur Textilkünstlerin in Paris kennen und zogen dann gemeinsam mit den zwei Kindern nach Kanada.

So, genug bei Kaffee und Toastbroten gehockt. Wir hatten es in gewisser Weise eilig, denn laut Wetterbericht sollte es zwischen 11 und 13 Uhr regnen. Wir brauchten trockenes Wetter für die Fahrt und für die Heldenfotos am Ziel. Emmanuel musste auch zur Arbeit und so brach zunächst er auf, gefolgt von uns Dreien.

Abfahrt mit vollem Gepäck

Ein bissl abgefahren war es freilich schon, dass wir mit vollem Marschgepäck die 35 bis 40 Kilometer nach Quebec-City fahren würden für einen kleinen Zwischenstopp, um dann alles mit allem Gepäck wieder zurückzufahren. Zelte, Schlafsäcke, Bekleidung, Werkzeug, ja, sogar Essen und Trinken. Das war eine Frage des Prinzips. Ganz oder gar nicht. Zumindest sahen Josef und ich die Sache so. Frederic tanzte brutal aus der Reihe. Er fuhr nur mit seiner großen, roten Tasche, die ziemlich leer wirkte. Ich denke, er hatte nur eine Regenjacke und Werkzeug für den Notfall drinnen, also bestenfalls fuhr er mit zwei Kilogramm Gepäck und wir mit 16 bis 18. Ganz ehrlich war es gar nicht so selbstverständlich, ob Josef überhaupt mitfahren würde zum echten Ziel. Er war da ein bisschen komisch. Er meinte, das echte Ziel könne nur der Atlantik sein und unser Quebec-City entspreche eben nicht einem echten „Crossing Canada“. Wir hätten das einfach so festgelegt und er legte dann Neuville als Ziel fest, da er jetzt bei seinem alten Freund war und Kanada eh gequert hatte. Müde sei er außerdem. Okay, er beugte sich dann dem Gruppenzwang und wir ließen ihn mit leichtem Gepäck fahren. Schließlich war er von seinen beiden Epilepsie-Anfällen immer noch angeschlagen.

Regen!

Neuville, Quebec

Neuville, Quebec

Pünktlich zum Start begann es zu regnen und nach nur sehr kurzer Zeit hatten wir alle unsere Regensachen an. Ja, es schüttete richtig und sah nicht nach einer kurzen Laune der dunkelgrauen Wolken aus. Wenigstens hatten wir Rückenwind. Innerlich strahlten wir so stark, dass die regennasse Fahrbahn unter uns auftrocknete. Die Stadt Quebec holte uns an sich, als wären wir von einem vorgespannten Gummiseil gezogen. Einfach nur am Trittbrett stehen, die Landschaft, in diesem Fall nass und grau, vorbeiziehen lassen, Steigungen, die durchaus stark waren, nicht wahrnehmend.

Bungee

Neuville, Quebec

Neuville, Quebec

Wie das bei einem Gummiseil aber so ist, lässt die Spannkraft, die Zugkraft, mit der Zeit, mit der Distanz, nach. Nicht anders war es bei uns. Es gibt keinen zutreffenderen Vergleich als den mit dem Gummiband. Weniger als zehn Kilometer vor dem Ziel wurden wir sukzessive langsamer und fünf Kilometer vor dem Ziel standen wir beinahe. Dies geschah ganz automatisch und von keinem absichtlich erwirkt. Es muss so gewesen sein, als wolle ein jeder für sich die Zeit anhalten, wollte das wirklich Ende hinausschieben. Das war wirklich zu tiefst unbewusst.

Quebec-City, Quebec. Aufgenommen von "La Station des Cageux"

Quebec-City, Quebec. Aufgenommen von „La Station des Cageux“

Komisch zu beobachten, wie oft wir stehen blieben, um die Regenjacken auszuziehen, dann wieder um sie anzuziehen, dann fuhren wir zu einer Aussichtsplattform am Sankt-Lorenz-Strom, dann fotografierten wir dies und das, wo es doch optisch gar nicht so toll war. Wir trödelten dann am Ufer des Stromes herum und versuchten gute Fotos vom Berühren des Wassers zu machen.

Quebec-City, Quebec. Touch down am Sankt-Lorenz-Strom

Quebec-City, Quebec. Touch down am Sankt-Lorenz-Strom

Symbolisch sollte der Strom dann so ein klein wenig der Atlantik sein, damit die Geschichte einen schönen Anfang und jetzt ein schönes Ende hatte. Die Kanada-Fahne signierten Frederic und ich jetzt auch noch. Sie war nur zu feucht und es klappte nicht. Feucht waren auch die großen, schwarzen Steine am Ufer. Ich rutschte aus und tauchte mit einem Fuß ins Wasser. Auch schon egal.

Romantische Vorstellung vom Augenblick der Ankunft

Quebec-City, Quebec. Radweg am Ufer des Sankt-Lorenz-Stroms. Künstlicher Nebel

Quebec-City, Quebec. Radweg am Ufer des Sankt-Lorenz-Stroms. Künstlicher Nebel

Lethargisch ging es im Urgroßmuttertempo weiter. Die letzten fünf Kilometer kamen mir vor wie eine Dreiviertelstunde. Wahrscheinlich liege ich mit meiner Einschätzung richtig. Immer noch Regen. Aus meinen Augen regnete es auch. Wie die letzten Tage fuhr Josef vorne, gefolgt von Frederic und ich machte das Schlusslicht. So sah niemand, dass ich immer wieder Freudentränen hatte. Ich musste mich nun zusammenreißen, denn verschwollene Schlitzaugen wollte ich nicht haben, wenn wir Fotos für die Ewigkeit schießen. Meine Sorge war jetzt eher die, dass ich am Ziel mich nicht einkriegen würde und einfach nur weinen würde. So visualisierte ich die Situation des Triumphes, mit strahlendem Siegerlächeln. So unglaublich schön stellte ich es vor, wie wir die vielen Minuten nach der Ankunft posieren würden. Jeder würde einmal von den beiden anderen hochgehoben, auf deren Schultern sitzen, die Arme in die Höhe. Wir würden unzählige Fotos machen mit uns Dreien drauf und den drei Rollern. Das Gepäck würden wir runtergeben und die nackten Roller in die Höhe reißen, mit gestreckten Armen wären sie über unseren Köpfen. Herrlich! Auf Postergröße aufblasen und in meinem Lehrerzimmer aufhängen. Die beiden Kollegen Walter und Heinrich hätten nichts dagegen, weil das Foto eben so schön sei und auch eine Wirkkraft habe. Und für mich wäre es überhaupt das Schönste. Tränen der Rührung könne ich locker anschließend und jahrelang vergießen.

Quebec-City, Quebec. Altstadt, wenige Minuten vor dem Ziel aller Ziele

Quebec-City, Quebec. Altstadt, wenige Minuten vor dem Ziel aller Ziele

Diese Gedanken halfen mir wirklich. Das Gesicht trocknete und der Regen der Wolken machte auch Pause. Das Gummiband zog uns steile Pflastersteinstraßen den Berg hinauf. Die Altstadt besticht durch steile, gepflasterte Straßen, Häuser mit Steinfassaden in bestem Zustand. Ganz anders als in Montreal gibt es hier wirklich eine Innenstadt, die nur aus alten Häusern besteht. Richtig mittelalterlich wirkt alles und sehr gepflegt.

Quebec-City, Quebec. Altstadt, wenige Minuten vor dem Ziel aller Ziele

Quebec-City, Quebec. Altstadt, wenige Minuten vor dem Ziel aller Ziele

Wir kamen aus dem Schauen und Staunen nicht heraus. Ich dachte an Wien, an Graz, an Salzburg. Nichts war mit der Altstadt Quebecs vergleichbar. Die Fotos, die wir Tretroller-Touristen nun schossen waren wetterbedingt nicht so toll. Ich freute mich schon sehr auf morgen. Der Wetterbericht prognostizierte bestes Blauhimmel-Fotowetter.

Am Ziel!

Quebec-City, Quebec. Altstadt, wenige Minuten vor dem Ziel aller Ziele

Quebec-City, Quebec. Altstadt, wenige Minuten vor dem Ziel aller Ziele

Eine Linkskurve noch die Roller hochschiebend und wir waren am Plateau vor dem Castle. Hier war das Ende unserer Reise!! Unzählige Menschen waren hier. Jeder zweite hatte eine Kamera vor dem Auge oder zumindest ein Handy zum Fotografieren. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Das war ja höchst unromantisch! Das Wetter wollten wir so auch nicht haben. Immer wieder tröpfelte es leicht. Und dann war da noch Josef, der gleich einmal abriss, um Fotos von seinem Roller zu machen mit dem Castle im Hintergrund oder neben einer Statue oder neben den Blumen.

Quebec-City, Quebec. Chuck Jelen am Ziel

Quebec-City, Quebec. Chuck Jelen am Ziel

Ja, klar, jeder ist Sieger für sich. Ich schreibe meinen Blog auch deutlich mehr in der Ich-Form als in der Wir-Form. Aber jetzt wollte ich das große WIR haben. Mir ging es ganz stark auch um das Bekanntmachen unserer Leistung auf Facebook, hauptsächlich auf der IKSA-Seite, also auf der Seite des Internationalen Tretroller-Verbandes. Viele zweifelten ja an der Umsetzbarkeit unseres ehrgeizigen Vorhabens und viele wissen gar nichts von unserem Projekt.

So trommelte ich alle zusammen und irgendwie gelangen uns dann sehr halbherzige Fotos. Vom Licht her und auch vom Regen war es ja sowieso problematisch. Glücklicherweise war Frederic in der Mitte, fasste von jedem die Hand und riss sie triumphierend hoch. Letztlich haben diese Fotos durchaus ihre gute Wirkung. All die von mir angedachten Posen blieben aus. Nix also mit Roller über die Köpfe heben. Diese Bilder bleiben als Wunsch in meinem Kopf.

Quebec-City, Quebec. Diese Bild ging um die Welt und wurde binnen weniger Stunden 20mal geteilt

Quebec-City, Quebec. Diese Bild ging um die Welt und wurde binnen weniger Stunden 20mal geteilt

Macht nix!!! Wir waren SIEGER. Ich war Sieger. Ich wollte ein Selfie von mir und Chuck Jelen machen. Da eilte ein netter Mann auf mich zu und fotografierte uns beide. Dieses Foto hat, wie ich finde, auch eine ganz starke Wirkung. Ja, die Bilder wirken nicht durch schönes Wetter oder tolles Licht, geniale Bildkomposition oder feinste Aufnahmetechnik. Nein, sie wirken, weil sie echt sind, weil sie Zeugen eines historischen Augenblicks sind.

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Quebec-City, Quebec. YESSS

Quebec-City, Quebec. YESSS

Wieder war Josef irgendwo als es erneut zu regnen begann und ich einen Einkehrschwung in den Starbucks machte. Frederic ging mit mir und die Roller ließen wir prominent davor stehen, sodass uns Josef nicht übersehen konnte. Im Starbucks gab es WLAN und das war mir im Augenblick das Allerwichtigste. Und es gab auch ein gemütliches Sofa, das frei war. Hier ließ ich mich mit Fotoapparat, Garmin, Laptop und den notwendigen Kabeln nieder. Das soeben geschossene Gruppenbild wurde so gut es ging qualitativ verbessert, die letzte Etappe lud ich hoch und wertete alle relevanten Daten aus. Dies lud ich dann auf Facebook hoch. Frederic hatte uns indessen große Kaffees geholt. Ich ließ meinen auskühlen und vervollständigte den Blog-Eintrag auf tritt.at. Die Phrase „Mir fehlen die Worte. Vielleicht finde ich sie morgen.“ trug ich schon drei Wochen mit mir. Das war wohl so wie Neil Armstrong mit seinen Worten des kleinen Schrittes für einen Mann und des großen Schrittes für die Menschheit. Dieser Spruch wird ihm sicher nicht erst beim Aufsetzen seines Fußes am Mond eingefallen sein. Den hatte er Monate mit sich herumgetragen. Darauf wette ich.

Quebec-City, Quebec. Chuck Jelen am Ziel

Quebec-City, Quebec. Chuck Jelen am Ziel

Josef kam auch des Weges, kaufte sich etwas, setzte sich zu uns. Nach wenigen Minuten war von meiner Seite aus alles erledigt und ich packte wieder zusammen, kaufte mir auch noch zwei Kuchen zum Kaffee. Jetzt saßen wir da und hatten es wirklich geschafft. Kein Zwischenfall könnte jetzt kommen, weil die Sache einfach vorbei, erledigt und abgeschlossen war. Der Starbucks war zum Bersten voll. Kein Tisch war frei. Da meinte ich zu Josef, dass diese Leute hier alle nicht wissen, dass am Sofa, ganz in ihrer Nähe, drei echte Helden säßen. Ihn kümmerte dies wenig. Komisch.

Hunger Stillen im Restaurant

Quebec-City, Quebec. Altstadt, wenige Minuten vor dem Ziel aller Ziele

Quebec-City, Quebec. Altstadt, wenige Minuten vor dem Ziel aller Ziele

Wir wechselten den Schauplatz, denn wir hatten Hunger. Ein Restaurant müsse es sein und nicht irgend ein billiger Laden. Es regnete stärker. Wir traten weiter bergauf, durch das Tor der Stadtmauern hinaus aus der Altstadt. Schade eigentlich, aber morgen würde ich eh kommen und mich ausgiebig der Schönheit der Stadt widmen. Warum nur raus? Sind es die Preise, die Josef vom Zentrum vertrieben? Warum nur beim Regen so lange fahren? Der Grund war ein simpler und guter. In der Stadt hätten wir keine Sicht auf die Roller, wenn wir drinnen säßen. Draußen gab es dann Lokale, wo man genug Platz hatte für die Roller und wir im Freien unter Schirmen sitzen konnten, die Roller stets im Auge. Kalt war es nämlich nicht, nur regnerisch.

Quebec-City, Quebec. Altstadt, wenige Minuten vor dem Ziel aller Ziele

Quebec-City, Quebec. Altstadt, wenige Minuten vor dem Ziel aller Ziele

So lange fuhren wir gar nicht. In einem netten Lokal nahmen wir Platz, wurden freundlich bedient und bekamen wirklich gutes Essen. Josef lud uns ein und er war aufdringlich spendabel. So nahm ich gerne Suppe, Hauptspeise und Dessert. Frederic schlug zur Feier des Tages Bier vor. Na klar. Er und ich tranken Bier. Für Josef war das total okay. Frederic ließ uns jetzt wissen, dass er mit dem Taxi zurück nach Neuville fahren würde. Ah, deshalb schlug er ein Mittagsbier vor. Das gab es nämlich nie. Wenn, dann nur abends nach getaner Kickerei.

Quebec-City, Quebec. Altstadt, wenige Minuten vor dem Ziel aller Ziele

Quebec-City, Quebec. Altstadt, wenige Minuten vor dem Ziel aller Ziele

Wir alle waren noch immer in einem sehr gedämpften Ausnahmezustand. Lachten nicht. Saßen irgendwie betroffen einfach nur da. Ich kann nicht sagen, was es war. Es war auch irgendwie wie in einem Film wo der Ton abgedreht war und auch alles träger und langsamer abläuft. Ganz eigenartig. Und so wie kaum ein Lachen da war, blieb bei mir auch das Weinen aus. Irgendwie war alles extrem unspektakulär. Aber, und jetzt kommt das große Aber, Josef war total entspannt. Keine Hetze, einfach nur Ruhe. Chillig.

Offen und ehrlich

westlich vor Quebec-City, Quebec. Netter Fuhrpark

westlich vor Quebec-City, Quebec. Netter Fuhrpark

Je mehr wir futterten, desto mehr wurde geredet und wir bestätigten einander, wie froh wir alle seien, da es so gut ging. Und wir redeten auch über Petr, der es wohl nie geschafft hätte und er zum richtigen Zeitpunkt ausgestiegen war und wir drei die Richtigen waren. Erstmals, wirklich erstmals, sprachen wir über unsere Bedenken vor der Reise und den persönlichen Tiefpunkten während der Reise. Uns einte, dass jeder die Sorge vor einem großen Krach hatte. Es war fast erwartet worden, dass es irgendwann einen großen Zank gäbe. Der blieb aus. Wir dachten auch alle, die Sache sei körperlich viel anstrengender, mit mehr Leid und Schmerz verbunden. Einzig Frederics Epilepsie war eine kleine Katastrophe, doch hatte dies nicht ursächlich mit dem Tretrollern zu tun. Insgesamt also war es körperlich eine harmlose Sache. Josef hatte seinen absoluten Tiefpunkt bei der Gegenwindfahrt nach Outlook. Er sei dann noch am nächsten Tag total schwach gewesen. Interessant, dass das erst jetzt zum Thema wurde. Mein schwarzer Tag war der mit dem brennenden Auge und dem Willen, definitiv nicht mehr weiter zu fahren.

Heimfahrt mit Rollertausch

Rückfahrt von Quebec-City nach Neuville, Quebec

Rückfahrt von Quebec-City nach Neuville, Quebec

Es regnete nicht mehr. Josef zahlte und Frederic verabschiedete sich. Er suchte sich ein Taxi. Wohl hatte er dies von Anfang an geplant und deshalb nur das ganz leichte Reisegepäck mit. Wenig später traten Josef und ich die Heimreise an. Auch diese war viel entspannter als die Kilometer der letzten Wochen. Wir blieben immer wieder stehen und redeten auch mehr miteinander. Zum erstenmal, auch das ist unglaublich, tauschten wir für drei, vier Kilometer die Roller. Gegenwind stellte sich uns entgegen und Josef wollte einfach wissen, wie schlimm es mit meinem Roller wäre. Das erkannte er dann sehr bald, eindrucksvoll. Genauso eindrucksvoll war es für mich, als ich mir mit seinem schlanken Roller den Weg durch den Wind schnitt. Zwar war die Körperhaltung für mich ungewohnt und unangenehm, doch sah ich, um wie viel leichter man es sich machen kann, wenn die Aerodynamik passt und das Gewicht weniger ist.

Bunter Friedhof

Cimetière "Les Jardins Québec", Lépine Cloutier, Quebec

Cimetière „Les Jardins Québec“, Lépine Cloutier, Quebec

Der Heimweg war an Kilometern kürzer. Ein wenig tröpfelte es auch. Bei einem sehr schönen und vor allem für mich einzigartigen Friedhof machte ich halt. Dort waren die Gräber nichts anderes als kleine Platten mit Inschriften, direkt am Rasen liegend und an den Platten waren Vasen mit blühenden Blumen integriert. So war der ganze Rasen übervoll mit bunten, blühenden Blumen in Vasen. Das bot mir ein interessantes Szenario zum Fotografieren. Das bot mir aber auch wertvolle Minuten, um inne zu halten und einfach nur dankbar zu sein, dass sich so eine Sache wie Crossing Canada in meiner Vita ausgegangen ist. Irgendwann liege ich auch unter der Erde beziehungsweise werde ich Asche sein. Dann ist meine Geschichte aus und in meiner Geschichte geschahen viele wunderbare Dinge.

Cimetière "Les Jardins Québec", Lépine Cloutier, Quebec

Cimetière „Les Jardins Québec“, Lépine Cloutier, Quebec

Kanada jetzt gerade eben ist eines der top-top-top wunderbaren Dinge. Ich komme schriftstellerisch hoffentlich noch dazu, in meinem Nachwort auch auf diesen Aspekt zu kommen, nämlich etwas Gewaltiges nicht nur anzudenken, sondern auch rechtzeitig zu tun. Rechtzeitig heißt in jedem Fall vor dem Tod, aber auch vor einer schlimmen Verletzung oder Erkrankung oder überhaupt vor dem altersbedingten Schwächersein. Mordshappy war ich hier am Friedhof, wohl auch, da die Blumen so lebendig waren.

Die große Party

Rückfahrt von Quebec-City nach Neuville, Quebec: "Backbord" und "Steuerbord"

Rückfahrt von Quebec-City nach Neuville, Quebec: „Backbord“ und „Steuerbord“

Zurück im Neuville-Hause gingen wir duschen. Frederic hatte bereits gebadet, dieser Tret-Minimalist und Genuss-Maximierer. Am Programm stand nun die Party. Tja, was soll ich sagen. Das war wohl der größte Reinfall. Es wäre eh eine kleine Party geworden und sie war nicht zu unseren Ehren, sondern man zelebrierte das Mais-Essen. Wegen des schlechten Wetters sagten so ziemlich alle ab. Eine gewisse Melanie war der einzige wirkliche Gast. Sie kommt aus derselben Straße wie Stephanie und pflegt einen offenbar breiten Dialekt, den Frederic so gar nicht versteht. Dann kam später auch noch eine Nachbarsfamilie kurz vorbei. Die blieben aber nur stehen und setzten sich nicht, waren quasi nur am Sprung, kurz hier, um sich uns und unsere Roller anzusehen.

So im Stillen ärgerte ich mich schon über dieses umständliche Pendeln zwischen Neuville und Quebec-City. Ich wusste, dass es in diesem Falle ein Synchrondenken zwischen Josef und mir gab. Dieser Ärger bei mir hielt sich in Grenzen und das hat zwei handfeste Gründe. Hier war es einfach sehr angenehm und uns wurde ein Leben wie in einem Hotel mit All-Inclusive-Club geboten mit ganz reizenden Gastgebern und dann war ich in einer stimmungsmäßigen Müdigkeit, die mich im Augenblick gar keine Stadtbesichtigung machen lassen wollte und ich wollte mich auch nicht um Esseneinkaufen und Motelsuche kümmern müssen. Abgesehen davon sollte das gute Wetter morgen kommen. Also waren wir integrativer Bestandteil der Familie und machten bei einigen Merkwürdigkeiten mit.

Der Mais-Contest

Eine dieser Merkwürdigkeiten war die mit dem Maiskolben-Schälen. Die Attraktion war an diesem Tag das Maiskolben-Knabbern. Die Familie dachte, wir kennen das nicht. Die Gegend um Neuville ist bekannt für den Mais. Da gibt es sogar eigene Feste dazu. Immer wieder haben sie Gäste aus Frankreich und die kennen Mais nur aus Dosen und wissen nicht, dass man den so abknabbern könne. Stephanie und Emmanuel waren mehr als erstaunt, als ich sagte, bei uns koche man den in Salzwasser und knabbere die Körner dann ab, meist mit Butter und Salz. Ja, Donnerwetter! Genau das hatten sie heute auch vor. Tja, wir Österreicher kennen uns eben aus. Huch, das war ja noch gar nicht die Merkwürdigkeit.

Also. Wir stellten uns alle in den Rasen. Die Kinder waren auch dabei. Im Kreis standen wir da. Inmitten des Kreises war ein Haufen ungeschälter Maiskolben. Jeder nahm sich einen Kolben, durfte ihn nicht schälen oder sonst wie verändern. Dann wurde auf Französisch von fünf runtergezählt und bei „zero“ musste man seinen Mais so schnell als möglich schälen. Die Blätter wurden einfach zu Boden geschmissen. Stephanie galt als Favorit.

Bei der ersten Runde wunderte ich mich einfach nur, wie begeistert alle bei der Sache waren. Stephanie gewann, hielt den gelben Maiskolben triumphiernd in die Höhe. Zweite war Melanie, Dritter Emmanuel. Sie alle hielten ihren Mais hoch. Ja, sag‘ einmal, haben die keine anderen Sorgen? So spielten wir drei oder vier Runden. Bei mir ging es dann auch recht schnell, nur brach ich am Ende den letzten Teil des Stengels nicht ab, also galt mein Mais nicht als fertiggeschält. Mein Lieber, da geht es aber echt streng zu!

Die Maiskolben waren nun geschälterweise in einem Korb, die Blätter lagen wild um uns. Schnell sammelten wir die Blätter ein und stopften sie in einen Mistsack. Danach durften wir uns wieder zu Tisch setzen. Was mich glücklich stimmte, war die Aussicht auf die Nachspeise: Hot Dogs!

Nach kurzer Zeit stand ein riesiger Topf mit vom Kochen heißen Wassers am Tisch und die Maiskolben waren fertig. Jetzt futterten wir alle die Delikatesse. Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen. Ich erinnerte mich an meine Kindheit in Burgenland als ich einen Kukuruz, wie man dort gerne sagt, aß und eine alte Frau meinte: „Jo, mei! Wieso gebtsn dem Buam a Sau-Fuatta??“ Der Kukuruz hat in Burgenland imagemäßig also keinen so hohen Stellenwert wie in Kanada.

Das Englische Problem

Lustig fand ich die ganze Zeit über, wie schwer sich alle in der Familie mit Englisch taten. Englisch ist eine unbeliebte Fremdsprache, habe ich das Gefühl. Sie überlegten hin und her, wie Mais auf Englisch heiße. Ich musste ihnen mit „Corn“ helfen. Das ist nur ein Beispiel, wie ungeläufig ihnen die Sprache ist. Emmanuel redete mit mir oft Französisch, ganz langsam und deutlich. Ich verstand durchaus ein wenig und antwortete dann auf Englisch. Die Kommunikation klappte. Josef hingegen verstand kaum ein Wort und sprechen kann er gar nichts auf Französisch.

Das größere der beiden Mädchen, sie ist zwölf, unterhielt sich sehr gerne mit mir. Ihr Englisch war ganz gut. Sie zeigte mir am Handy lustige Videos, die sie mit einer Freundin gedreht hatte und erzählt mir, was sie so bewegt, also von den schiefen Zähnen und der Zahnspange, die sie brauche. Und so weiter.

Interessantes für den Magen

Ah, die Hot Dogs kamen. Herrlich, die Würstel und die Weißbrote dazu wurden am Griller gemacht. In das Brot kam ein wirklich guter Senf und Heinz-Ketchup. Ich verdrückte sechs Stück davon. Salat vom Garten gab es dazu und alten Reis mit Champignons und viel Gewürz ebenfalls. Zu trinken gab es zweimal Cocktail von Stephanie, die das Getränk konsequent Kokko-Te-il nannte. Ich dachte an einen Witz, doch dürfte es auf Kanadisch so ausgesprochen werden. Von Emmanuel gab es Bier, das besser zu den Würsten passte. Und zu allem Überfluss tranken wir auch zwei Flaschen Campagner. Frederic hatte zur Feier des Tages und auch als Geschenk an Emmanuel Champagner gekauft, zwei Flaschen. Emmanuel mag keinen Champagner. So tranken Stephanie, Josef, Frederic und ich ein Glas nach dem anderen. Ja, Josef trank Alkohol. Mehrmals Bier und eben auch Campagner. Wenn kein Sport am Programm steht, trinkt er auch Alkohol. Unglaublich, wie konsequent diszipliniert er ist.

Interessantes für das Ohr

Musik gab es auch zu unserer Party und zwar vom Laptop über Youtube. Es musste abwechselnd jeder von uns drei Kanada-Durchquerern ein Lied aus seiner Heimat auswählen. Wir hatten also eine Tschechisch-Österreichisch-Französische Playlist. Eigentlich eine ganz nette Sache, besser als singend etwas aus der Heimat zum Besten zu geben. So ging auch der späte Abend zu Ende. Josef und ich nützten noch Stephanies Computer zum Austausch unserer vielen Fotos. Jetzt hat Josef meine über 4.000 Bilder in Original-Auflösung und ich habe 1.500 von ihm. Josef verabschiedete sich schon jetzt von den Gastgebern, da er morgen zwischen 6:00 und 6:30 abfahren werde und dann noch alle schlafen.

Ja, und jetzt gingen auch wir alle schlafen, wieder in unsere Einzelzimmer. Und die Mädchen schliefen wieder im Zelt im Garten. Das war also unser allerallerletzter Tag der Tour. Das war die Zielerreichung. Das waren die Hochgefühle oder auch die ausbleibenden Hochgefühle. Das war die Riesenparty anlässlich unseres Finales.

6 Antworten
  1. KARLSON says:

    lieber guido!
    der weg ist das ziel … das gute gefühl hast dann den rest deines lebens, erkauft durch den kater am finaltag! aber das kennst ja eh alles von früher, nur … es steigt die größe des katers mit der gewaltigkeit der unternehmung!
    power to you
    karl

    Antworten
  2. Harald W.A. says:

    Gratulation nochmals, ihr Helden!
    Wieder witzig geschrieben. Ich glaube, alle wussten, dass Du es schaffst, aber ich fand es trotzdem wahnsinnig gefährlich und arg.
    Genieße jetzt Dein Heimkommen,
    LIebe Grüße, Harald

    Antworten
    • Guido Pfeiffermann
      Guido Pfeiffermann says:

      Danke! Schön, wenn es alle wussten. Ich wusste es ja nicht und hoffte einfach. Es hätte ja so viel schief gehen können, wie wir spätestens seit Frédérics Epilepsie-Anfällen wissen. Dir, lieber Harald, danke ich ganz, ganz besonders für das Kommentieren. Du nahmst in prophetischer Weise meine Gedanken vom nächsten Bericht auf. Nicht seten lud ich Berichte hoch und las erst danach Deinen Kommentar vom Vortag. Da gab es immer wieder Deckungsgleichheit mit dem neuesten Bericht. Ja, Du bist eben vom Fach!! Deine Tipps waren allesamt sehr gewinnbringend und wichtig. Alles Liebe, bis demnächst in der Schule. Guido

      Antworten
  3. Horst Frank says:

    Lieber Guido,
    hier nochmal Herzlichen Glückwunsch zur geschafften Unternehmung. Ich habe, wenn ich nichts übersehen habe, alle Deine 48 Blog-Einträge gelesen, soweit Text dabei war, habe jedes einzelne Deiner Fotos angeschaut, und dank Eurer Tour jetzt eine viel konkretere Vorstellung als jemals zuvor, wie Canada, zumindest im südlichen Teil aussieht. Oft habe ich auch Teile der Strecke mit Streetview betrachtet.
    Sehr beeindruckt haben mich aber nicht nur die reinen Fakten der Reise, sondern vor allem auch die Einblicke in Dein persönliches Außen- und Innenleben von Tag zu Tag und wie Du das alles subjektiv erlebt und verarbeitet hast. Dafür ganz herzlichen Dank.
    Das tägliche Verfolgen Eurer Reise, war für mich nicht nur neugieriger Zeitvertreib, sondern hat mir im Laufe der Wochen auch klarer werden lassen, dass ich mich der Endstation der ganz großen Reise viel schneller nähere, als ich noch vor kurzem dachte.
    Ich hoffe, dass sich zuvor noch ein paar Schüttel- und andere Reime ausgehen, und wünsche Dir weiterhin von ganzem Herzen alles Gute, privat und beruflich.
    Liebe Grüße
    Horst

    Antworten
    • Guido Pfeiffermann
      Guido Pfeiffermann says:

      Lieber Horst,

      ich hatte nicht erwartet, dass so viele meine Einträge so aufmerksam und so gerne verfolgen. Über jeden einzelnen freue ich mich und über Dich ganz besonders, auch über diese Deine Worte. Auch wenn ich ein jüngeres Semester bin, so wurde mir auch ganz stark bewusst ist, wie groß die Welt ist und wir klein die verbleibende Zeit hier auf Erden. Zu meinen höchst subjektiven Eindrücken und Einsichten kommen ja noch so einige Texte und im Nachwort, das es ja auch noch geben muss, werde ich auf meine überstandene Krebserkrankung eingehen. Danach werden so einige Leserinnen und Leser alles noch einmal ganz anders sehen. Ja, und jetzt komme ich wieder mehr zum Schütteln. 🙂

      Servus Guido

      Antworten

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