Die A-Strecke der Salzkammergut Trophy mit dem Tretroller

Startnummer 2017

211 Kilometer und 7100 Höhenmeter in unter 16 Stunden! Eine extreme Herausforderung für jeden sehr gut trainierten Mountainbiker. Noch nie in der 20-jährigen Geschichte der Trophy wagte sich ein Tretrollerfahrer an den Start. Im Jahr 2017 waren es gleich zwei Crossrollerfahrer. Niklas aus Deutschland und Guido aus Österreich wollten es genau wissen. Jetzt wissen sie es: es ist ziemlich unmöglich!

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Die Trophy

„Es ist der größte und härteste Mountainbike-Marathon Europas“, sagt Cheforganisator Martin Huber, der in den 90er-Jahren die Idee dazu hatte. Gemessen an den Startern gibt es mit dem Linz-Marathon gar nur eine größere Sportveranstaltung in Oberösterreich. Die Trophy ist ein perfekt organisiertes, großartiges Event im wunderschönen Salzkammergut. In diesem Jahr findet sie zum 20. Mal statt. Acht unterschiedliche Strecken stehen den ambitionierten Mountainbikern zur Verfügung. Immer geht es über Asphalt, Schotter und Trails. Die kürzeste Distanz beträgt 22,1 Kilometer und führt über 688 Höhenmeter, die längste, das ist die legendäre A-Strecke über 210,2 Kilometer und 7119 Höhenmeter.

E-Strecke am ungefederten Kickbike, 2014

E-Strecke am ungefederten Kickbike, 2014

Vor drei Jahren war ich erstmals bei der Salzkammergut Trophy dabei. Ich war meines Wissens nach der erste Tretrollerfahrer, der dort an den Start ging. Es war die E-Strecke über 53,5 Kilometer Länge, mit 1473 Höhenmetern rauf und  runter, die ich in 4:26:06 schaffte. Von 925 Finishern belegte ich den 686. Platz. Damit zeigte ich mir und vielen Anderen, dass man mit einem Tretroller nicht so langsam ist und mehr als ein Viertel aller Mountainbike-Fahrer hinter sich lassen kann. Ein Jahr später fuhr ich die B-Strecke und kam ins Ziel. Das war wirklich eine beachtliche Leistung, denn es ging über 119,5 Kilometer und 3848 Höhenmeter. Von etwa Tausend Startern kamen 879 ins Ziel. Ich belegte Platz 721. Meine Zeit: 9:23:33.

Als ich im Ziel war, im Juli 2015, fasste ich den Entschluss, als nächstes die A-Strecke zu fahren. Ein unglaublich ambitioniertes Vorhaben. Die Drop-Out-Quote liegt bei 50%. In einem Jahr fielen sogar 65% der Starter aus. Dazu muss man wissen, dass nur wirklich sehr gut trainierte Sportlerinnen und Sportler an den Start gehen. Das musste ich mit dem Roller probieren! Das musste ich schaffen!

Meine Vorbereitungen

Im Jahr 2016 setzte ich aus, da ich den ganzen Sommer über mit dem Tretroller Kanada querte. 2017 stand die A-Strecke auf meiner Agenda. Lange Zeit war ich mir sicher, der einzige Tretrollerfahrer ab Start zu sein. Als Niklas Rother aus Spelle (Deutschland) von diesem Vorhaben erfuhr, war er sofort Feuer und Flamme für diese wahnsinnige Sache. Im Dezember 2016 waren wir dann beide angemeldet für das Rennen am 15. Juli 2017. Niklas ist ein verdammt schneller und verdammt ausdauernder Rollerfahrer. Er ist einige Klassen ober mir. Okay, er ist auch nur halb so alt, aber er ist wirklich saustark. So fuhr er 2016 mit dem Cross-Roller beim Alfsee-24h-MTB-Rennen mit und kickte 345 Kilometer offroad in 24 Stunden. Damit belegte er den sensationellen Platz 11 unter 120 Radfahrern! Bei der Salzkammergut Trophy würde ich also die Zweite Geige spielen.

Kein Weg zurück. Und das war gut so. Monatelang bereitete ich mich nun auf das Ereignis vor, teilweise auch mit Bergläufen, da ein Gutteil der Strecke der Roller bergauf geschoben werden müsse. Insgesamt liefen meine Vorbereitungen in vielen Belangen schlechter als geplant. Aus materialtechnischer Sicht war es am schlimmsten. Mein Traczer-Roller, mit dem ich die Trophy 2015 fuhr,  wurde mir im Oktober 2016 gestohlen. Der Hersteller schaffte es leider nicht einen neuen Rahmen nach meinen Vorgaben zu fertigen. Ich weiß bis heute nicht, ob es nur sprachliche Barrieren gab beim Ordern oder ob er einfach nur an die Kapazitätsgrenzen seiner Fertigung gestoßen war. Es nervte jedenfalls, dass ich über viele Monate hingehalten wurde, um dann letztlich den Auftrag zu stornieren. Dankenswerter Weise stellte mir dann David seinen Roller zur Verfügung, ebenfalls ein Traczer-Rahmen, doch insgesamt schwerer als mein Vermisster. Mein Traczer von 2015 hatte eine supergute und superleichte Federgabel, die man an zwei Höhen fixieren konnte. Diese Gabel ging mir am meisten ab. Da David selbst ein begeisterter Crosser ist und der Traczer sein einziger Cross-Roller ist, konnte ich das gute Ding erst zwei Wochen vor der Trophy bekommen. Somit blieb mir nicht viel Zeit zur Eingewöhnung. Ein paar Kleinigkeiten änderte ich noch am Roller. Ich verpasste ihm Ergo-Griffe und einen zweiten Flaschenhalter. Die Bremsen quietschten wie verrückt, was mich extrem nervte und auch beunruhigte. Zweimal ließ ich sie von einem Radmechaniker „reparieren“, doch trat nach einigen Kilometern immer wieder das Quietschen auf.

Mir fehlte es definitiv an Offroad-Praxis. Ersatzweise fuhr ich Höhenmeter mit dem Rennroller am Asphalt. Von 1. Jänner bis zur Trophy kam ich so auf 54.000 Höhenmeter und 4.000 gefahrene Kilometer. Das heißt, dass ich für das Bergauffahren ganz gut vorbereitet war, nicht aber für das technische anspruchsvolle Bergabfahren.

Es wird Regen geben!

Neun Tage vor dem Rennen checkte ich die Wetterprognose. Regen! Gut, neun Tage sind eine lange Zeit, doch sagte die Prognose Regen davor, währenddessen und danach. Vier Tage Regenwetter also. Die Motivation sank ganz gewaltig. Meine Form am Papier war so, dass ich das Zeitlimit von 16 Stunden gerade noch schaffen würde, wenn wirklich alles perfekt laufe, also keine Nässe, perfekter Roller und 100% Gesundheit meinerseits, richtiges Essen, ausreichend Schlaf. Aber der Regen wäre das Allerärgste. Man wird am Roller viel schneller und viel intensiver nass als am Fahrrad, man rutscht beim Abtreten aus und muss mehr laufen und bergab ist es gefährlicher, weshalb man langsamer fahren müsse.

Düstere Prognosen

Zum erstenmal in meiner Laufbahn schätzt ich die Wahrscheinlichkeit zu finishen auf unter 10% ein. Mit anderen Worten war die Wahrscheinlichkeit zu scheitern bei über 90%. Wie soll man sich da motivieren? Das fiel mir ziemlich leicht. Das Scheitern bei dieser Strecke und diesen Bedingungen und Voraussetzungen sei keine Schande. Vor mir schaffte sowieso noch kein Mensch die A-Strecke am Roller und Niklas würde es bei Regen auch nicht schaffen. Es ging also nur um den Versuch es zu schaffen.

Der Tag X kam näher und die Wetterprognosen änderten sich nicht. Ich konnte jetzt einfach nur schauen, alles richtig zu machen was in meiner Macht stand. Und ich machte es richtig! Da der Start des Rennens um 5:00 sei, änderte ich meinen Tagesrhythmus und ging um 21:30 schlafen und stand um 04:30 auf. Die letzten Tage schonte ich mich und fuhr nur wenig und langsam mit dem Roller, auch trank ich viel mehr Wasser als sonst, um irgendwie die Zellen mit Wasser aufzufüllen. Mag auch sein, dass das nur Aberglaube ist, aber ich fühle mich gut, wenn ich mir Wasserdepots anlege.

Anreise und Ankunft

Am Freitag, dem Tag vor dem Rennen, fuhr ich um zehn von Zuhause los nach Bad Goisern. Ich hatte alles Erforderliche mit und noch mehr. Das heißt, ich hatte verschiedenste Arten an Bekleidung mit. Neu im Gepäck war auch eine Rolle Taping-Band, um mir vorab die Fußknöchel zu tapen, da ich mir diese immer beim hinteren Schnellspanner anschlage und ich keine Verletzungen brauchen konnte und dann wollte ich mir auch noch die Schultern und den Bereich neben den Achselhöhlen tapen, da ich erstmals mit Rucksack fahren würde und die Träger an diesen Stellen scheuern. Kurzum: ich war perfekt vorbereitet.

Um kurz nach zwei war ich in Bad Goisern. Die Sonne schien und es war warm. Später war es sogar heiß. Schon zum dritten Mal wählte ich das Bike Camp als Bleibe. Der Sportplatz ist hier umfunktioniert als Campingplatz. Man hat tolle sanitäre Anlagen und wenn man braucht auch Strom. Zwei Nächte sollten es diesmal sein. Ich zahlte EUR 22 und bekam einen sehr schönen Platz für meinen Van. Ich schnappte jetzt meinen Roller und fuhr ins Zentrum zur Technischen Überprüfung, die bei der A-Strecke vorgeschrieben ist, und zur Startnummernausgabe.

Bike Check und Startnummernausgabe

Startnummernausgabe 2017

Startnummernausgabe 2017

Trubel in Bad Goisern. Jedes Jahr ein einziges Riesenfest. 80 Aussteller boten ihre Ware feil. Ich musste mich durchfragen um zum Bike Check zu gelangen. Etwa zehn Leute waren vor mir und warteten. Die Räder wurden genau auf ihre Tauglichkeit gecheckt. Bei mir war es dann lustig, da der Herr Radmechaniker schnell fertig war. Keine Tretlager, keine Pedale, keine Sattelstützen, keine Ketten, keine Kettenwerfer. Alles in Ordnung bei mir. Er wünschte mir viel Glück. Dann holte ich mir die Startnummer. Dies dauerte länger. Etwa 30 Minuten stand ich in der Schlange ehe ich mein Überprüfungsprotokoll herzeigen konnte und das Sackerl mit der Startnummer ausgehändigt bekam. Die Leute der A-Strecke hatten einen eigenen Bereich im Turnsaal der örtlichen Volksschule. Da gab es einen schwarzen Felsbrocken nachgebildet mit der Aufschrift „Einmal Hölle und zurück“ und in diesem Felsen war ein sehr niedriger Durchgang mit schwarzen Bändern, die herunterhingen. So wurde mein einzeln in die Höhle (oder Hölle) gebeten.

Draußen vor der Schule montierte ich dann gleich meine Startnummer. A120. Gelbe Schrift auf schwarzem Grund. Jetzt war das Murren und Murmeln noch größer rings um mich. Ich schob mich durch die Menschenmengen. Wortfetzen wie „Roller“, „Tretroller“, „210 Kilometer“, „lange Strecke“ hörte ich hinter und neben mir. Immer wieder wurde ich auch fotografiert. Zwischendurch rief mich Niklas an. Er wäre noch unterwegs aus München.

Die Startunterlagen und die vielen Gratis-Zeitschriften, die ich mir gekrallt hatte, brachte ich nun zum Auto. Ein paar Brote mit Schinken verzehrte ich nun. Einerseits musste ich morgen ja Energie haben, andererseits sollte ich nicht Stuhldrang bekommen wegen des vielen Essens. Nicht einfach. Der Plan war, ab ca. 18:00 nichts mehr zu essen und am nächsten Morgen dann noch kräftig frühstücken mit Müsli und Marmeladebroten. Diese Jause nahm ich unter der offenen Heckklappe sitzend ein. Die Heckklappe war mein Regenschirm, denn es begann nun zu tröpfeln. Grau und schwarze Wolken ringsum. Es sollte also losgehen. Laut Wetterbericht ginge es um 14 Uhr los und von da an bis nächsten Tag um 14 Uhr. Der Wettergott hielt sich nicht an die Prognose, denn es war schon nach 16:00.

Chillen

Nachmittags vor dem Rennen (2017)

Nachmittags vor dem Rennen (2017)

Um 16:30 traf ich mich im Festzelt mit Julia, einer langjährigen Facebookfreundin, die in Bad Goisern wohnt. Wir sahen einander zum allererstenmal, da es sich bei meinen vorherigen Trophy-Teilnahmen nie ausging. Wir hatten es lustig und nett. Genau so entspannt hatte ich mir den Tag vor dem Rennen vorgestellt, einfach akklimatisieren und den Körper bestmöglich schonen, zugleich entspannt und locker sein. Ich begleitete Julia dann noch zu ihrem Mann Adam und bewegte mich dann wieder zurück zum Auto. Da war es 18:45. Um 19:00 gab es im Festzelt die Vorstellung der Fahrer. An sich wollte ich nicht mehr zurück ins Zentrum, doch dachte ich, es könnte die versammelten Sportler interessieren, wenn auch ich mich kurz vorstelle. Wie immer in solchen Fällen sind es 10% Eitelkeit die mich hintreiben und 90% der Wille, den Tretrollersport bekannter zu machen und um Leute zu inspirieren, vielleicht sogar zu faszinieren.

Im Rampenlicht

Der ORF-Sportchef Adi Niederkorn war nahe der Bühne. Ich schob meinen Roller zu ihm und stellte mich vor. Er könne mich ruhig auf die Bühne bringen, da es schon etwas Kurioses oder Besonderes sei, mit einem Tretroller die A-Strecke zu fahren. Ihm gefiel die Idee und schnell kritzelte er meinen Namen auf seinen Stichwortzettel und bereitete mich darauf vor, beim vierten Block dabei zu sein, wenn die Tandemfahrer vorgestellt werden. Bingo! Schade irgendwie, dass jetzt Julia und Adam nicht hier waren. Das mit dem Auftritt vor Publikum war ja nicht geplant. Sehr schade auch, dass Niklas noch nicht hier war. Dann wären wir zu zweit auf die Bühne gegangen.

Die Show ging los. Im ersten Block kamen einige Sieger der A-Strecke vergangener Jahre auf die Bühne. Im zweiten Block waren es die Siegerinnen der A-Strecke. Jeweils großer Applaus, immer mehr Leute im Zelt. Der Regen machte wieder Pause. Im dritten Block waren echte Sportstars im Rampenlicht. Andi Goldberger, der schon mehrmals dabei war, doch heuer nur die C-Strecke fahren wird, und Christian Hoffmann, der ebenfalls die C-Strecke in Angriff nehmen wird. Beide Sportler waren zu ihrer Zeit internationale Größen für Österreich, Goldberger im Schisprung und Schifliegen, Hoffmann im Skilanglauf, unter anderem Olympiasieger 2002 über 30km Freistil.

Wow, in kleines Bisschen gehöre auch ich zu dieser Familie. Der vierte Block. Mit mir stand nun ebenfalls eine echte Sportlergröße auf der Bühne. Gerhard Gulewicz, mehrfacher Teilnehmer beim Race Accross America, zweimal Zweiter, zweimal Dritter, und auch sonst höchst erfolgreich und bemerkenswert im Extremsport und Ausdauersport, vor allem bei 24h-MTB. Herr Gulewicz macht bei der A-Strecke den Pace-Maker und zwar in der Weise, dass er genau zu jedem Kontrollpunkt in der dafür vorgesehenen Maximalzeit kommt. Hat man ihn also hinter sich, kommt man durch alle Kontrollpunkte in der Zeit.

Dann standen neben mir auch noch die beiden Tandemfahrer David Haslauer und Peter Kammerer aus Bad Goisern, die es sich zum Ziel gemacht hatten, die A-Strecke schneller als Andi Goldberger zu fahren. Da Goldberger diesmal die C-Strecke nehmen würde, gilt es für die beiden Goiserer 12:25:00 zu unterbieten.

Als erstes von uns Vieren war ich am Wort. Adi Niederkorn ist ein echter Profi und stellte ad hoc sehr gute Fragen, etwa wie das so sei bei Regen. So konnte ich dem interessierten Publikum erklären, wie verdammt erschwert es im Regen sei mit dem Durchrutschen und der Notwendigkeit noch mehr schiebend zu laufen als sonst. Kurz erzählte ich auch von der E- und der B-Strecke und dass nun eben die A dran sei. Adi -wir duzten uns gleich- wollte meine angepeilte Zeit wissen. 15:59. Während Gerhard und die beiden Tandemfahrer interviewt wurden kam Niklas von der Seite ins Zelt. Winke, winke.

Applaus, Handshake und Ende des Auftritts. Nun ging ich zu meinem Spezi. Niklas und ich, so scheint es, treffen einander immer nur bei den wirklich schrägen Herausforderungen. Crossing Cyprus, Giro d’Italia und jetzt die Trophy. Sofort fiel mir sein Roller auf. Ein umgebauter Race Max 28 mit zwei 26-Zoll-Tubeless-Reifen und einer Starrgabel. Das ist vielleicht mutig: Salzkammergut Trophy ohne Federgabel! Niklas schwört darauf. Bei ihm zuhause ist er damit auch downhill schneller als die Mountainbiker. Wir gingen raus vor das Zelt wo es leiser war und beplauderten alles rund um den morgigen Tag.

Niklas kommt an

Niklas ist einer, der immer alles sehr locker und entspannt sieht. Auch wenn es morgen stark regnet werde er mit kurzer Hose fahren. Es schreckte ihn nicht als ich meinte, es würde beim Start 13 Grad haben und pro 100 Höhenmeter um einen Grad kälter werden. Das Schlafen sei auch kein Problem für ihn. Sein Auto parkte er ganz normal, also nicht am Campingplatz, und dort werde er dann auch schlafen. Was mir aber gänzlich neu war, war was er denn so von mir in sportlicher Weise hielt. Er war sich nämlich ganz sicher, dass er ab 150 Kilometern nachlassen werde und ich dann einfach im selben Tempo weiterfahren würde. In Zypern bewunderte er meine Lockerheit am Ende der Strecke, wo es ihm schon richtig schwer gefallen war. Komisch, denn ich hätte nie vermutet, dass er sich auf Zypern auch nur irgendwann angestrengt hätte. So hatte jeder von uns vor des anderen Leistungen großen Respekt. Das ist witzig, aber das ist auch sehr schön. Mich drängte es nun schon zum Schlafengehen und so schlug ich vor, den Tag zu beenden. Vorschlag angenommen. Ich rollerte zum Sportplatz.

Gute Nacht

Mein Abendprogramm verlief überhaupt nicht nach Plan. Ich wollte mir noch alle Bekleidung für morgen herrichten und sogar die Frühstücksbrote schmieren, vor allem wollte ich mich gewissenhaft tapen, um keine Scheuerstellen zu bekommen. Einzig was ich noch machte war das Aufladen des Garmin-Radcomputers und des Handys. Es war blitzartig dunkel und ich war ebenso schnell sehr müde. Isomatte aufblasen, Schlafsack ausrollen und ab in die Kiste namens Renault Grand Espace. Tretroller und ich waren nun im Trockenen. Es regnete nämlich schon wieder. Den Wecker stellte ich mir auf 04:10. Dass jedermann bei den Scheiben hereinschauen konnte, störte mich kein bisschen. Schnell schlief ich ein. Um 1:00 und um 2:15 wurde ich munter, konnte aber schnell wieder einschlafen.

Hundewetter am frühen Morgen

4:10. Der Wecker riss mich aus dem seichten Schlaf. Erster Eindruck: Starkregen. Zweiter Eindruck: Reges Treiben draußen. Mein Auto stand nahe den mobilen Toilettenlagen, die hell beleuchtet waren. Immer wieder gingen Männer in den Container und wieder heraus. Sie hatten schon Trikots an und Helme auf. Hä? Wann mochten denn die aufgestanden sein? Das stresste mich ein wenig. Ein innerlicher Kampf entbrannte in mir, denn ein Teil in mir sagte, dass es wirklich das Beste wäre, einfach weiter zu schlafen und auf diesen ganzen Scheiß zu verzichten. Dieser eine Teil in mir war so groß wie noch nie vor einem Rennen. Immer wieder stellt man sich die Frage, warum man sich manchen Dingen freiwillig stelle. Diesesmal fragte ich mich echt, ob ich noch zu retten sei. Es steht fest, dass ich bei diesem Wetter nie und nimmer ins Ziel kommen würde. Von den ersten Metern an wäre ich nass und nach einem Kilometer bereits durchnässt und dann hat es mitunter nur 3 Grad an den höchsten Erhebungen.

Die Stimme der Unvernunft gewann und ich machte mir meine Scheiben Weißbrot mit Marillenmarmelade. Diese mampfte ich in mich hinein. Für das Müsli mit Sojamilch blieb keine Zeit mehr, denn ich suchte im kärglich beleuchteten Auto erst nach der richtigen Bekleidung und ich packte auch jetzt erst meinen Rucksack. Das hätte ich echt alles schon gestern machen sollen! Nun war es schon 4:26. Um 4:50 wollte ich am Start sein, Anreisezeit gute fünf Minuten. Viel Zeit blieb nicht mehr. Verdammt! Ich zog mich komplett an und tapte meine Knöchel. Der Schulterbereich ging sich einfach nicht mehr aus. Dann ging auch ich zur Toilette und merkte, dass das Treiben am Campingplatz abgenommen hatte. Die meisten waren schon am Weg zum Start. Mein Handy hatte ich in einen Winterhandschuh gegeben, den ich für den Fall extremer Kälte mit hatte und diesen Handschuh hatte ich in einem wasserdichten Sack und diesen im Rücksack. So hatte ich keine Ahnung wie spät es war. Ein schneller Toilettengang in großer Weise, was gut ist, will man 16 Stunden durchhalten. Beim Verlassen des Containers sah ich ein großes Schild „Kein Trinkwasser!“ beim Wasserhahn des Handwaschbeckens. „Meine Gute!“, gestern vor dem Schlafengehen hatte ich dort meine beiden Trinkwasserflaschen vollgefüllt. Zu spät, um dies noch zu ändern. Hurtig ging ich noch einmal alles durch. Ja, ich war komplett. Das Auto sperrte ich ab und den Schlüssel versteckte ich in einer kleinen Nische des angrenzenden Gebäudes.

Zum Start!

Helm zu, Lichter an, Handschuhe an. Los ging es. Dunkel war es und nass. Nasser Boden und Regen von oben. Ich fühlte mich ganz gut adjustiert. Drei Lagen hatte ich oben an. Ein Kurzarm-Shirt, ein Langarmtrikot und darüber eine Regenjacke, übrigens die zweite Regenjacke, die ich heute anzog. Bei der ersten wurde nach dem Schließen des Zipps ebendieser kaputt. Wie gut, dass ich diesmal alles doppelt und dreifach mit hatte! Gut im Feeling fuhr ich über die Wiese des Sportplatzes zum kleinen Asphaltweg, der mich zum Startplatz brachte. Drei Mountainbiker überholten mich und so gaste ich ein wenig an. Oh, was war das? Plötzlich war ich im Schritt sehr nass. Nasskalte Eier! Fuck, was soll denn das? Über der langen Radhose hatte ich eine Regenhose. Und nach zwei, drei Minuten des Fahrens war ich bis durch die Unterhose nass? Da bekam ich schon ein wenig die Panik. Nass im Schritt von Anfang an? Und dann noch Temperaturen um die 3 Grad?

Schnell war ich im Startbereich. So am Rande bekam ich mit, dass es so ungefähr 4:50 war. 768 Starterinnen und Starter gab es hier. Niklas sah ich nirgendwo. Er meinte tags zuvor, dass er sich eher vorne aufstellen werde, da er hinten immer so schlechte Erfahrungen macht. Ich war eher hinten. Nach mir kamen aber noch über hundert Leute. Die übliche Aufregung beim Start. Ich fühlte mich überraschend gut, war nicht müde, musste nicht aufs Klo, hatte weder Hunger noch ein Drücken im Bauch. Alles passte. Ein paar Schlucke nahm ich aus einer der Trinkflaschen. Klar dachte ich an die Aufschrift „Kein Trinkwasser!“. Auch schon egal.

Startschuss

Um etwa 5:05 erfolgte der Startschuss. Trotz Regens war Bad Goisern voll von Zuschauern. Sensationell. Jubel, Trubel. Wie ein langer, rollender Wurm zogen wir uns durch die aufgeblasenen Durchfahrtsbögen und durch den Ortskern. Anfeuernde Rufe des Platzsprechers, Blitzlichtgewitter. Sehr bald waren wir im unbebauten Gebiet. Fast niemand hatte das Rad beleuchtet. Die Helligkeit der Morgendämmerung reichte schon aus um genug zu sehen. Der Regen ließ jetzt etwas nach. Die Geschwindigkeit war mir viel zu hoch und so zogen die Radler, die hinter mir waren allmählich an mir vorüber bis ich Letzter war.

Den Ausdruck mit dem Höhenprofil hatte ich in einer wasserdichten Tasche am Lenker. Ich hätte die Tasche öffnen müssen um zu sehen, wo ich mich befand. Die ersten Punkte hatte ich aber auswendig gelernt. Nach einem Kilometer würde der Anstieg beginnen für die nächsten 10 Kilometer, mit einer Höhendifferenz von 900 Metern. Die erste Labestation wäre nach 20 km und der erste Zeit-Kontrollpunkt nach 36km. Nicht länger als 3 Stunden dürfe man dafür benötigen.

Ich fuhr nicht nach Geschwindigkeit oder Höhenmeter, sondern nach meiner Herzfrequenz. Nicht über 160 oder 165 wollte ich anfangs kommen. Erfahrungsgemäß geht dann der Puls nicht mehr runter, wenn er zu Beginn so hoch wäre. Shit, ich hatte jetzt schon 175, noch vor dem Anstieg. Offenbar ließ ich mich hetzen. Niklas musste irgendwo weit vorne sein. Ich kam nun zum Anstieg, der anfangs noch einen Asphalt-Untergrund hatte. Bald sah ich Gerhard Gulewicz in seiner Funktion als Pacemaker etwa 50 bis 100 Meter vor mir. Sein Helm hatte ein großes, rot blinkendes Dreier drauf und sein Rad eine rote Fahne hinten. Ihn zu erreichen peilte ich nun an. Der Blick zum Pulsmesser drosselte mich aber immer wieder.

Ich hole Niklas ein

Salzkammergut Trophy, 15-7-2017

Salzkammergut Trophy, 15-7-2017

Was ist das? Eine vertraute Bewegung! Da war plötzlich Niklas neben Gerhard. Niklas war auch ein beleuchtetes Wesen. Uff, ich schwitzte wie verrückt!! Warum mache ich bekleidungstechnisch immer dieselben Fehler bei Rennen. Ich lerne nicht dazu. Immer habe ich zu viel an, weil ich mich dann am Start so wohl fühle und mir nicht vorstellen kann, nach kurzer Zeit schon ein Kraftwerk mit enormer Abwärme zu sein. Die Kälte im Schritt war verflogen. Ganz vergessen hatte ich ja den Hitzestau, der durch den Rucksack entsteht. Und dann hatte ich ja drei Schichten an. Den Zipp der Regenjacke und den Zipp des Langarmtrikots machte ich weit auf. Das half bedingt. Der Regen störte nicht. Der Regen kühlte nicht einmal. Niklas war nun hinter Gerhard. Wir beide beide waren nun die Letzten im Feld. Oh, da war mir plötzlich klar, dass bei der A-Strecke nur starke Leute antreten. Vor zwei Jahren bei der B-Strecke gab es bei diesem Anstieg, dem Rachsberg, eine Menge Leute hinter mir.

Trotz Regenwetters gab es immer wieder Zuschauer am Rand, die begeistert anfeuerten. Das tat unglaublich gut. Niklas hatte ich eigentlich stärker eingeschätzt. Sein Vorsprung verringerte sich zunehmend. Ich sah ihn stehenbleiben. Schnell zog er seine lange Hose und seine Jacke aus. Er war noch nicht fertig damit, da war ich auch schon bei ihm und zog mir auch schnell Regenjacke und Langarmshirt aus, stopfte dies alles in meinen schon sehr vollen Rucksack und fuhr mit dem schwarzen T-Shirt, das eigentlich nur mein Unterleibchen war, weiter. So war es schon viel besser.

Niklas und ich fuhren nun gemeinsam. Ich war sehr bestimmend und sagte, dass jeder sein Tempo fahren solle. Es wäre schlecht, wenn der Stärkere immer auf den Schwächeren warte. Er, Niklas, sei jetzt der Stärkere und mit der Zeit könnte ich ihn dann schon einholen. So ähnlich war es dann auch. Ich fuhr weiterhin nur nach Puls, wobei meine Grenze jetzt zwischen 170 und 175 lag. Niklas fuhr mir langsam davon, immer in Rufweite. Das war voll okay. Irgendwie macht mich das Gleichauffahren immer ein wenig nervös. Mittlerweile waren schon zwei Radfahrer aus technischen Gründen ausgeschieden. Von hinten näherte sich nun ein Radfahrer mit einem E-Bike. Das war einer vom Trophy-Team. Er mache das Schlusslicht bis zum ersten Kontrollpunkt. Um 8:00 fährt der Nächste mit E-Bike vom ersten Kontrollpunkt los und begleitet die Leute bis zum zweiten Punkt. Alle Leute zwischen dem zweiten und dem ersten E-Bike scheiden aus dem Rennen. Ah, das ist wirklich gut durchdacht.

Der Schlusslicht-Mann

Der Typ am E-Bike war sehr nett und unterhaltend. Wir plauderten ein wenig, immer wieder mit Pausen, da meine Lungen nicht mehr sehr viel an Reserve hatten. Er meinte, wir können auch bis zum Ende mitfahren. Wir wären dann eben aus der Wertung, müssten aber deswegen nicht aufhören. Niklas war nun zu uns zurückgefallen. Zu dritt fuhren wir jetzt weiter. Es regnete wieder stärker und es war auch kälter geworden, nur störte das angesichts des Schwitzens gar nicht. Ich empfand die Temperatur und auch die Nässe sogar als angenehm. Was mich einzig störte war das Gewicht am Rücken und das Schwitzen am Rücken, hervorgerufen durch den anliegenden Rucksack. Der E-Biker zollte uns großen Respekt. Er meinte, dass wir von der Zeit her gut lägen. Das war natürlich geschmeichelt, denn wären wir wirklich gut gelegen, wären wir noch vor Gerhard  Gulewicz. Wie es so ist bei starken Steigungen schoben wir immer wieder den Roller.

Ich setze mich von Niklas ab

Salzkammergut Trophy, 15-7-2017

Salzkammergut Trophy, 15-7-2017

Einmal merkte ich an, dass mein Puls 169 sei und ich wollte wissen, in welchem Bereich denn Niklas zu dieser Zeit wäre. Er hatte ebenfalls 169. Von diesem Zeitpunkt an bröckelte meine große Ehrfurcht vor dem jungen, schnellen Super-Kickbiker. Meine immer kleiner werdende Ehrfurcht vor ihm und seinen Leistungen ging so weit, dass ich nach wenigen Minuten schneller wurde. Sobald mein Puls auf unter 170 ging, begann ich langsam zu laufen. Wurde der Anstieg geringer, sprang ich aufs Trittbrett und kickte ein paar Schritte, zwischendurch trank ich immer ein paar Schlucke und inhalierte die kaltfeuchte Luft, fühlte mich wohl. Der Abstand zu Niklas und dem E-Bike-Freund wurde immer größer und als ich mich einmal umdrehte und eine weite Sicht nach hinten hatte, sah ich sie nicht mehr.

Das beflügelte mich noch mehr. Ich glaubte, den höchsten Punkt zu haben. Dort stand in der Kehre eine Gruppe von 5 oder 6 Leuten. Sie feuerten mich begeistert an. So kickte ich, obwohl es noch steil war einige Meter. Dann lief ich schiebend weiter. Wo sollte ich mir die Regenjacke anziehen? Es regnete wieder stärker. Ich war sehr nass und bergab dürfe man nicht frieren. Die Durchschnittsgeschwindigkeit lag bei 8,4 km/h. Verdammt wenig. Rein rechnerisch konnte ich es mir nicht mehr vorstellen, zum Kontrollpunkt einen Schnitt von 12 km/h zu haben. Aber ich gab mein Möglichstes.

Regen, Kälte, Downhill

Soweit ich das Profil in Erinnerung hatte, sollte es noch ein wenig eben weitergehen, aufdass es dann länger bergab ginge. Immer wieder ging es leicht bergab und dann wieder hinauf, schotterig war es schon die längste Zeit. Die Bremsen quietschten brutal. Zwinkern musste ich viel, denn ich fuhr ohne Brille. Bei Regen stört es mich immer so sehr, wenn Regentropfen am Glas den Blick verbeulen. In einer Kurve waren zwei Mountainbiker. Ich wollte wissen, ob alles in Ordnung sei. Ja, es war alles in Ordnung. Sie folgten mir. Bergab waren sie manchmal kurz vorne, die meiste Zeit dann aber ich. Kurven im lockeren Schotter waren nicht so leicht zu nehmen. Vorder- und Hinterrad rutschten und es fühlte sich alles recht indifferent an. Wirklich gefährlich war es nie. Richtige Mountainbiker lassen sich da ganz anders runter. Mir fehlte es an der Praxis und ich hatte mich auch nie mit verschiedenen Reifen, Reifendrücken oder Stoßdämpfereinstellungen gespielt. Ich fuhr einfach und achtete sensibelst auf den Untergrund. So fühlte ich mich zwar nicht ganz schnell aber doch recht sicher. Die beiden Radfahrer hatte ich abgehängt. Mir wurde es jetzt zu kalt. Schließlich hielt ich an um mir die Regenjacke anzuziehen. Schwieriges Unterfangen. Zuerst musste ich aus den waschelnassen Handschuhen raus, dann die Jacke anziehen. Die nassen Unterarme wollen nicht in die klebrigen Jackenärmel. Gefühlt gingen zwei Minuten drauf bis ich die Jacke und die Handschuhe anhatte. Die beiden Mountainbiker waren schon längst an mir vorbeigeflitzt. Niklas und der E-Bike-Mann kamen nicht. Mir egal. Ich kickte kraftvoll los.

Labestation

Bald hatte und überholte ich die beiden. Nach kurzer Zeit waren wieder zwei Fahrer am Streckenrand. Beide reparierten einen Patschen. Oh, soetwas konnte ich jetzt wirklich nicht brauchen. Mit klammen Fingern im Regen Schlauch tauschen. Grauenvoll. Nun war ich wieder ganz alleine und irgendwie recht schnell. Erste Labestation. 20 Kilometer hatte ich hinter mir, aber schon deutlich über zwei Stunden Fahrzeit. Bis jetzt hatte ich nichts gegessen, nur zum Frühstück zwei scheiben Weißbrot mit Marmelade. Kein Gel, keinen Energy-Riegel. Getrunken hatte ich auch wenig. Erstaunlicherweise hatte ich jetzt kein Bedürfnis nach Essen oder Trinken. Zeit wollte ich ja auch keine verlieren, um so rasch als möglich zum Kilometer 36 zu kommen. Eine halbe Banane ganz schnell, kurz Small-Talk mit den überraschten Gesichtern dort, dann noch zwei kleine Stückchen Wassermelone. Mmh, schmeckten die herrlich! Der Stop war kurz und ganz nach meinem Geschmack. Zwei oder drei Mountainbiker standen neben den Getränken. Offenbar hatten die alle Zeit der Welt. Meine halbleere Flasche füllte ich nicht nach. Warum denn auch? Die zweite Flasche war ja noch voll und die nächste Labe wäre bei km 32. Kraftvoll kickte ich weiter. Ich fühlte mich, als hätte ich einen gewaltigen Turboschub bekommen von den zwei Stück Wassermelone.

Fotos: ja oder nein?

Bald war ich bei der Ewigen Wand, so einer Art „Wahrzeichen“. Ich hatte in Erinnerung, dass dort viele Fotos von den Fahrern gemacht werden, teilweise von Automaten mit Selbstauslöser, teilweise von Fotografen. Bei mir blitzte aber nichts. Eine Fotografin und ein Fotograf waren zu sehen, doch merkte ich nicht, dass sie meinetwegen abdrückten. Ich fürchte, sie dachten, die A-Leute seien schon durch und die nächsten Fahrer würden erst in einer oder zwei Stunden kommen. Den üblich schönen Ausblick links runter ins Tal gab es nicht. Dichte Wolken verdeckten alles unter mir. Nach der Ewigen Wand ging es durch ein dichtes Waldstück. Das hätte einen schönen Film gegeben. So verwunschen, leicht nebeldurchzogen, feucht und dunkel, aber auch frisch und grün. Märchenhaft. Zweimal wurde ich von Fotografen bildlich festgehalten. Ich hoffe, das waren Leute vom Sportograf und die Bilder sind in ein paar Tagen online zu bestaunen.

Verschlammte Single-Trails

Immer wieder kamen Schilder mit drei schwarzen Pfeilen nebeneinander, die nach unten zeigen. Geschwindigkeit verringern heißt das. Okay, so hoch waren meine Geschwindigkeiten eh nie, aber runterbremsen musste ich immer. Da ging es dann manchmal so richtig brutal in den dunklen Wald, über extremes Wurzelwerk und über das alles noch ein Bächlein aus Wasser und Schlamm. Die Schuhe, die ich wie immer ohne Socken trug, waren sowieso komplett durchnässt, also störte es nicht mehr, einfach in das Bächlein zu steigen. Felsbrocken immer wieder dazwischen. Ständiges Aufsitzen mit dem Trittbrett, wenig Seitenführung. Einer der Mountainbiker mit Schlauchwechsel von vorhin überholte mich. Donnerwetter! Wie kann man nur so schnell und sicher hier durchfahren?! Unbeeindruckt kämpfte ich mich weiter. Einmal wurde es so steil, dass ich absteigen musste. Es war steil und rutschig in einer Weise wo ich ohne Roller, also nur zu Fuß, auch schon meine Schwierigkeiten gehabt hätte. Stillstand. Überlegen, ob links, rechts oder gerade durch. Roller runterschmeißen, um dann irgendwie runterzurutschen? Oder mit dem Roller rutschen? Hinfallen? Kein schönes Gefühl. Ich fragte mich, wie Niklas hier durchkommen würde mit seinen recht glatten Reifen und der Starrgabel, auch ist sein 26/26-Zoll-Roller viel behäbiger als mein kompakter 26/20er. Uff! Ich schaffte es ohne Sturz aber mit sehr großer Anspannung.

Weiter ging es, wieder ein wenig Schotter, aber bergab, alles sehr nass, immer wieder Kehren mit knapp 180° auf wenig Raum, gerne mit blockierendem Hinterrad. Die Reifen machten mir Sorgen. Stets rechnete ich mit einem Reifenplatzer. Nichts dergleichen. Es ging gut. Immer wieder Wurzelwerk, Schlamm und Felsen, Slalom durch unnachgiebige Bäume. Lautes Quietschen meiner Bremsen. Nun war ich drei Stunden unterwegs. Ich war also schon aus der Wertung. Jetzt ging es mir nur darum zu sehen, wie schnell ich es wirklich bis zum Kontrollpunkt schaffen würde. Meine Armmuskulatur litt schon ein wenig. Ich denke, beim Downhill-Rollerfahren braucht man mehr Kraft in den Armen als beim Radfahren. Da sollte ich gezielt mehr trainieren. Obwohl ich Ergo-Griffe hatte, waren auch schon die Hände und Handgelenke ermattet. Zweimal ging mir hinten auch der Schnellspanner auf und dann begann auch noch die Befestigung des Garmin-Radcomputers zu wackeln. Um mein Garmin unterwegs nicht zu verlieren, nahm ich es vom Lenker und steckte es mir in die Hosentasche. Zu diesem Zeitpunkt waren mir alle Kontrollblicke auf Zeit, Distanz und Herzfrequenz auch schon egal. Das Motto lautete jetzt nur noch: So flink als möglich zum Kilometer 36 kommen und dies ohne Panne und ohne Sturz.

Wassermelonen und Ende des Rennens

Mein Rennen 2017

Mein Rennen 2017

Eine Labestation kam noch. Eigentlich hätte ich ja durchfahren können, doch belohnte ich mich wieder mit Melonen, trank auch noch einen Becher mit Wasser aus. Dann beschleunigte ich voll weg und fuhr nur noch in der Ebene zu meiner persönlichen Ziellinie. Einmal ging es die Steinstiegen runter, die ich schiebend bezwang, da ich Davids Roller nicht so gut im Griff hatte. Es ging noch über eine Brücke zur anderen Seite der Traun und dann dem Fluss entlang zurück nach Goisern. Dies nahm ich mit Dreiviertel meiner Kraft. In meinen Schuhen war Schlamm zwischen Fuß und Sohle. Auf längere Sicht hätten mich diese Höcker gestört, aber das Ziel war ja schon erreicht. Letztlich hatte ich eine handgestoppte Zeit von 3:46:01 beim Kontrollpunkt. Die Überlegungen dazu folgen noch. Jetzt war ich ehrlich gesagt froh, das Rennen zu beenden. Es schmerzte ganz und gar nicht, weil ich eben so weit von der Sollzeit entfernt war. Kurz nach mir kam der E-Biker-Freund daher und sagte mir, dass sich Niklas bei etwa 20 Kilometern schon abgemeldet hatte. Wir wünschten einander einen schönen Tag. Schön war es. Die Dame an der Zeitkontrolle schnitt mir die Kabelbinder der Startnummernbefestigung ab. Ich durfte also nicht mehr weiterfahren. Mir doch egal. Nun hatte ich ja nur noch knappe 2 Kilometer zum Auto.

Entspannung und Erleichterung

Schlamm in den Schuhen (2017)

Schlamm in den Schuhen (2017)

Total entspannt und glücklich rollte ich durch den Regen zum Campingplatz. Dort schnappte ich mir den Wagenschlüssel vom Versteck, sperrte auf, um mir als erstes alles Nasse vom Oberkörper zu reißen. Schnell zog ich mir die tritt.at-Kapuzenjacke an, direkt auf die nasse Haut. Das wirkte wie ein kuscheliger Frottee-Mantel nach dem Duschen. Der Roller lehnte am Wagen, die Heckklappe war offen und ich saß darunter, quälte mich mit dem Öffnen meiner Schuhbänder. Alles verschlammt da unten und meine Finger gefühllos von der Kälte. Da kam ein rettender Engel in Form einer aufopfernden Dame. Sie hatte mich am Vorabend auf der Bühne gesehen als ich vom störenden Regenwetter erzählte. Sie bewunderte mich unendlich für die 36 Kilometer, da ihr Mann aufgrund des Regens erst gar nicht zum Star gegangen war. Sie bot sich an, mir die Schuhe zu öffnen. Höflichkeitshalber lehnte ich dankend ab. Sie ließ es sich nicht nehmen und kniete mir zu Füßen. Schräge Situation mit der blauäugigen Unbekannten. Ich zitterte an den Beinen, nicht aus Erregung sondern weil es mir augenblicklich sehr kalt geworden war so ganz ohne Bewegung. Der gute Engel hatte dann beide Mehrfachknoten geöffnet und ich konnte aus meinen Schuhen raus. Die nette Dame wünschte mir noch einen schönen Tag und eine angenehme warme Dusche jetzt. Oh, da wünschte ich ihr auch einen wunderschönen Tag noch.

Nun schnappte ich mir Handtuch, Duschgel, eine Jeans und trockene Schuhe und ging barfuß zu den Duschen. Beim Entkleiden sah ich, dass meine Unterhose total schlammig war. Jetzt erst war mir alles klar. Die hübsche Regenhose hatte von Anfang an im Schritt einen Riss. Daher war es in dieser Region schon vor 5 Uhr kalt und nass. Die Dusche war herrlich. Das Gefühl in trockenen Gewändern unbeschreiblich gut. Zurück beim Wagen rief mich dann Niklas an. Er war auch schon fertig und so vereinbarten wir ein Treffen im Festzelt. Schnell packte ich alles notdürftig zusammen. Eigentlich wollte ich ja noch eine Nacht hier verbringen, doch stand nun die Heimreise am Programm. Nach zehn Minuten war ich schon mit dem Wagen draußen und fuhr zur Ortsmitte, parkte bei einem Hotel und ging zum Zelt.

Frühes Mittagessen zum Abschied

Niklas und Guido nach dem Rennen (2017)

Niklas und Guido nach dem Rennen (2017)

Niklas wartete schon auf mich. Wir waren happy, es erlebt zu haben und auch happy, es jetzt schon hinter uns gebracht zu haben. Bei Grillhendl, Semmel und Radler bestätigten wir einander beide, dass wir die drei Stunden bis zum ersten Kontrollpunkt auch bei besten Bedingungen nicht geschafft hätten. Wie es denn bei der B-Strecke gewesen sei, wollte Niklas von mir wissen. Ja, da waren die Zeitlimits nicht so brutal und auch die anderen Teilnehmer nicht so stark. Ständig waren Radfahrer neben mir und immer mehr auch hinter mir. Die A-Strecke hingegen fährt man mit dem Roller ganz hinten und mutterseelenallein. Momentan kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, ob irgend ein Mensch mit dem Roller die A-Strecke in der vorgegebenen Zeit fahren könnte. Ich will es aber nicht ausschließen. Mein verrückter Plan: die nächsten vier Jahre die B-Strecke fahren und dann bei der 25. Trophy noch einmal die A bestreiten und zwar mit der festen Absicht, diese zu finishen. Das geht nur mit konsequentem und hartem Training. Mich reizt dies sehr. Niklas hat fürs Erste einmal genug, glaube ich. Wahrscheinlich fahren wir nächstes Jahr als Team die 24 Stunden am Alfsee.

Erkenntnisse

Ich hatte an diesem Tag sehr viel gelernt. Das eine war, dass mir das Aufgeben überhaupt nicht schwer fällt, wenn ich die Chancenlosigkeit auf eine Zieleinfahrt erkenne. Das andere und viel Wichtigere ist, dass ich nun echt eine Vorstellung davon habe, was die A-Strecke wirklich ist und warum das Motto „Einmal Hölle und zurück“ bedeutet. Von den 768 Starterinnen und Startern kamen 14 Damen und 504 Herren ins Ziel. Das sind echte Helden und Stars in meinen Augen. Bis jetzt hatte ich bei allen Radrennen an denen ich mit dem Roller teilnahm keinen gesteigerten Respekt vor den Finishern. Mit dem Radl sei es ja keine Kunst ins Ziel zu kommen, mit dem Tretroller eher schon. Aber bei der langen Strecke der Trophy… Mein Lieber! Das ist wirklich so ziemlich das Härteste. In dreidreiviertel Stunden machte ich tausend Höhenmeter. Das war erst ein Siebtel der ganzen Strecke. Und einfach war dieser erste Buckel im Höhenprofil auch nicht gerade. Respekt allen Finishern! Respekt vor der Strecke! Das muss man echt erst einmal erlebt haben.

Frohes und zufriedenes Grinsen beim Verabschieden. Dann fuhr jeder in seiner Richtung. Schön war es, auch wenn das Wetter echt scheiße war. Als ich dann zuhause in Wien war, war das Rennen noch in vollem Gange. Nach 10 Stunden und 24 Minuten kamen die Sieger an, der Schweizer Konny Looser und der Spanier Joseba Albiuzu Lizaso. Für mich echt unvorstellbar! Online das Renngeschehen beobachtend durfte ich feststellen, dass mein Facebookfreund Daniel mit einer Zeit von 12:38:36 den Platz Nummer 100 belegte. Gratulation! Wahnsinn! Daniel machte seit Jahresbeginn dreimal so viel Höhenmeter als ich und trainierte doppelt so viele Stunden. Anders geht es nicht. Und dennoch ist es nicht selbstverständlich überhaupt ins Ziel zu kommen.

Ausblicke

Beim Zahlenspiel bemerkte ich sehr Interessantes. Für den Anstieg zum Rachsberg benötigte ich jetzt 1:30:16. Im Jahr 2015 mit dem superleichten Traczer und ohne Rucksack und ohne Regenwetter benötigte ich erstaunlicherweise nur 1:16:05. Das heißt, 1:15:00 ist mit dem Roller sicher drinnen. Zum Vergleich: Daniel brauchte in diesem Jahr mit dem Rad 1:07:21. Mit solchen Überlegungen scheint es mir theoretisch irgendwie möglich, unter optimalen Bedingungen mit dem Roller alle Kontrollpunkte zeitgerecht anzufahren. Der Traum lebt weiter…

Weiterführende Links

3 Antworten
  1. Guido Pfeiffermann
    Guido Pfeiffermann says:

    Hier ist der Bericht von Daniel Brunner, dessen Einverständnis zur Veröffentlichung ich mir geholt habe. Ich lerne sehr viel daraus. Dieser sehr schöne, aus den Emotionen heraus geschriebene Bericht zeigt ergänzend zu meinem, was alles notwendig ist an Vorbereitung und Unterstützung, aber auch Überwindung, um es letztlich auch zu schaffen!

    +-+-+-+-+-+-+-+

    Salzkammergut Trophy 2017 A – Strecke „Einmal Hölle und zurück“

    Vorwort
    Im Oktober 2016 beschloss ich, dass ich meinen Vertrag im Fitnessstudio kündige und mich fortan aufs Radfahren konzentriere. Nun musste für die 2017er Saison ein Ziel her. 2016 habe ich die Salzkammergut Trophy auf der B – Strecke relativ gut gemeistert. Dort waren es 120 km und 3800 hm. Vor der A – Strecke hatte ich riesigen Respekt trotzdem beschloss ich diese 2017 zu wagen.

    Vorbereitung
    Über den Winter bestand mein Training hauptsächlich aus „Bike2Work“ und längeren Mountainbikeausfahrten am Wochenende. Durch den verdammt harten Winter musste ich relativ schnell lernen, wie man richtig bei Schlechtwetter fährt, dass dies im Rennen Goldwert sein würde, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Im Februar 2017 dann das 1. Highlight. 10 Tage Gran Canaria. Dem eiskalten Winter in Mitteleuropa entflohen fand ich auf Gran Canaria sehr gute Trainingsbedingungen. Am 1. Tag und 8. Tag wurde ich zwar auf der Nordseite der Insel von einer Kaltfront erwischt, die restliche Zeit war es dafür angenehm warm. Hauptfokus auf Gran Canaria waren die langen Anstiege die zu dieser Jahreszeit in Österreich nur mit „Schneeketten“ befahrbar wären. Am 2. Tag stand eine Inselumrundung am „Plan“. Durch eine Straßensperre wurden es dann 227 km und 4100 hm. Solide 9:30 am Rad, optimale Vorbereitung für die Trophy. Auch die restlichen Tage fuhr ich immer deutlich über 2000 hm. Alles in allem ein toller Radurlaub mit Wiederholungsgarantie.

    13 Wochen vor dem Rennen startete ich dann mit meinem Trainingsplan den ich aus dem Internet heruntergeladen haben. Hauptfokus hierbei war das Training der Ermüdungsresistenz, Fahrtechniktraining am MTB und lange Anstiege (die durch das super Wetter endlich fahrbar wurden). Woche 6-8 vor der SKGT waren reine Umfang Wochen wo ich über 30 Stunden Radtraining abspulte. Die letzten Wochen vor dem Rennen war dann nur mehr ein ungewöhnlicher Mix aus harten Intervallen und regenerativem Training.

    Rennwoche
    9 Tage vor dem Rennen wagte ich es das 1. Mal den Wetterbericht zu checken. Dort stellte sich dann gleich heraus, dass der 15.7.2017 das schlechteste Wetter der letzten Monate mit sich bringen würde. Dies war natürlich ein gewaltiger Dämpfer für die Motivation. Will ich wirklich 14 Stunden im Regen fahren? Die Abfahrten sind ohnedies zu gefährlich und dann im Regen? 14 Stunden sind schon bei Sonnenschein am Rennrad kein Zuckerschlecken mehr….

    Hilft alles nix, starten werde ich auf alle Fälle. Aufgrund der extrem schlecht ausgestatteten Labestationen bei der SKGT kann man so ein Rennen nicht wirklich alleine bestreiten. Aus diesem Grund erwies sich mein Neffe (Sebastian Brunner) so nett und bot mir volle Unterstützung beim Rennen an. Ohne ihn hätte ich keine Chancen gehabt mich richtig zu Verpflegen und auch gab dieses Teamwork einen ordentlichen Motivationsschub vor und im Rennen. Vielen Dank dafür Sebastian.

    Der Tag vor dem Rennen.
    Angekommen in Bad Goisern checkten wir mal mich und mein Bike ein und beschlossen den ersten Anstieg der Trophy zu besichtigen. Beim Losfahren hat uns schon der Regen entgegen gelacht und wir kamen patschnass von der Besichtigungstour zurück.
    Nun montierten wir die Rennnummer „A450“ AUT Danison und installierten das Akkupack für den Garmin samt Reserveschlauch und Pumpe. Somit war mein Bike nun Rennfertig.
    Geschlafen bin ich super, vor allem weil die Regentropfen so schön auf das Dach unseres Wohnmobils geprasselt sind. Sebastian und Ich haben uns so gut es geht in Galgenhumor geübt.
    Sätze wie „ma Regen wär jetzt schön“ „i könnt ma nix besseres wie 200 km im regen foan vorstellen“ „wenn die sunn scheint is eh zu hass zum radlfoan“ haben mich in Stimmung gebracht.

    DAS RENNEN
    Tagwache war um 3:30. Erstmal ordentlich Frühstücken und dann Wettercheck. Noch immer strömender Regen welcher für den ganzen Vormittag angesagt war. OK, nun mussten harte Geschütze aufgefahren werden. Im Endeffekt war ich von Kopf bis Fuss in Goretex Kleidung eingehüllt inklusive Goretex Socken die sich bereits bei der Trophy 2016 bewährt haben.
    Kurz vor dem Start um 5:05 habe ich mein Garmin inkl. Pulsmesser eingeschaltet und durch die Nervosität schoss der Puls schonmal gute 40 Schläge nach oben. Ein gutes Zeichen, jetzt geht’s los.
    Dadurch, dass ich so spät wie möglich zum Start kam, musste ich mich sehr weit hinten einreihen, als der Startschuss ertönte und der Bulk zum Rollen begann habe ich gleich zum Überholvorgang auf dem Fußgängerweg angesetzt damit ich am 1. Berg nicht zum Stehen komme. Die ersten zirka 400 hm geht es am Asphalt bergauf. Dort hielt ich mich an die Renntaktik, die ich mir zuvor überlegt hatte, und fuhr ein solides Tempo ohne zu überdrehen. Zwischen Kilometer 6-7 kam dann der Singletrail der schon 2016 nahezu unfahrbar war. Heuer war das Wetter noch schlechter und uns kam das Wasser nur so entgegengeschossen. Viele Versuchten vergebens den Teil zu fahren ich bin einfach nur gerannt so schnell ich konnte und habe so einige Fahrer oder eher „Nichtfahrer“ überholt. Die Schlammschlacht hat begonnen „The Race is on“. Die weiteren 600 hm waren ein Mix aus Trail und Forstweg. Mittlerweile hat sich das Fahrerfeld schon sehr zerstreut und ich fuhr die meiste Zeit alleine dahin. Anfangs konnte ich noch ein paar Fahrer überholen die vermutlich den ersten Berg zu flott angegangen sind.

    Bei KM 28 kam dann eine Abfahrt durch einen Stein / Wurzel / Gatsch Trail. Dieser konnte heuer natürlich von absolut niemanden gefahren werden und jeder versuchte sein Rad irgendwie hinunterzuschieben. Dadurch, dass es so rutschig war, bin ich weggerutscht und auf mein Vorderrad gefallen. Ich habe schon befürchtet, dass ich nun die Speichen verbogen habe, dies war zum Glück dann doch nicht der Fall. Bei KM 29 dann der nächste Singletrail, dieser war größten Teils und unter hohe Vorsicht fahrbar. Nun ging es zum 1. Assistenzpunkt wo ich einen Flaschentausch mit Sebastian telefonisch vereinbart habe. Leider war dieser mit dem Wohnwagen sehr schwer erreichbar und wir mussten den ersten Flaschentausch inkl. Gelnachfüllung und Riegelaufstockung um 3 STUNDEN nach hinten verschieben. Somit musste ich mir meine Vorräte gut einteilen und versuchen bei den Labestationen wenigstens etwas brauchbares zu finden. Im Endeffekt bliebt mir nichts anderes übrig als auf die Baumstämme von Auer zurückzugreifen, denn die Bananen waren wie immer Unreif und dass hat 2016 zu großen Magenproblemen geführt. Sowas kann man auf eine Extremdistanz auf keinen Fall gebrauchen.

    Hauptsächlich verwendete ich beim Rennen Mangosaft, Gels von Powerbar und Cliffbar Energieriegel. Diese habe ich im Training getestet und hatte nie Probleme damit. Bei KM 70 kamen wir dann mit den Fahrern der B Strecke zusammen, auf einer Flotten Abfahrt hat mich dann ein B-Fahrer trotz mehrmaligem zurufen von der Strecke abgedrängt und ich musste mich von meinem Rad trennen und bin auf meinem rechten Knie gelandet. Zuerst dachte ich, ich sei glimpflich davon gekommen jedoch blutete es durch meine Goretex Knielinge durch, kein gutes Zeichen. Man sagt ja, ein Schmerz hebt den anderen auf und so bin ich zähneknirschend weitergefahren.

    Beim AP6 wartete Sebastian auf mich. Da ich dort jedoch mit 40 kmh vorbeikam um genug Schwung für den kommenden Trail zu haben und ihn somit nicht gesehen habe, musste er einen kurzen Bergsprint einlegen und hat mir dankenswerterweise die Flasche nachgetragen. Einige aufmunternde Worte gab es auch noch.

    Nun kam wieder ein langer Anstieg auf die Hütteneckalm welcher durch das aufgeschundene Knie zwar unangenehm aber belagstechnisch gut fahrbar war. Leider kommt man bei KM 101 wieder zu der unfahrbaren Abfahrt wie bei KM 28. Diesmal wusste ich bereits was auf mich zukommt und konnte lautstark fluchend mich irgendwie sicher runterretten.

    Bei KM 120 merkte ich, dass schön langsam die Bremsleistung der Vorderbremse nachlässt. Ein kurzer Blick auf die Karte zeigte mir dann, dass noch eine technische Abfahrt auf mich wartet, die anderen sind alle auf Forstwegen und da braucht man sowieso nur eine Vorderbremse, wenn man „langsam“ sein will. Zumindest redete ich mir das ein.

    Nun bei KM 125 kam der besagte Singletrail und ein Teilnehmer einer anderen Strecke kam zu Sturz. Ohne funktionierende Vorderbremse konnte ich ihn nicht ausbremsen und warf man Rad zur Seite und lief über die Wiese aus. Kurzer Check ob noch alles was ich brauche am Rad ist und die Trinkflasche aus dem Schlamm puddeln und weiter geht’s.
    Zwischen KM 130 – 145 war ein langes Flachstück, welches ich 2016 in einer großen Gruppe gefahren bin, heuer war ich komplett alleine. Jetzt war auch schon der Zeitpunkt, wo ich kräftetechnisch absolut am Limit war. Ich musste im Flachen das Tempo sehr stark drosseln, weil ich wusste, dass das Schlimmste, der Salzberg, noch vor mir stand. Kurz vor dem Salzberg war der Assistenzpunkt 7 wo mich Sebastian und Markus nochmal mit allem was ich benötige versorgten. Zu diesem Zeitpunkt war ich nicht mehr wirklich ansprechbar, zumindest haben sie mir das nach dem Rennen gesagt.

    2016 bin ich den Salzberg bei weniger der Hälfte der Strecke gerade noch so hochgekommen, heuer war nichtmal zu denken, dass ich ihn irgendwie durchfahren konnte. Bis 18% Steigung beschloss ich zu treten, alle darüber habe ich, um die nicht mehr vorhandenen Kräfte zu sparen, beschlossen zu schieben.
    Der Schlussanstieg zum Salzberg hat zwischen 30-35% dort schob ich mit weiteren Fahrern der A und B Strecke mein Bike hoch. Wir alle waren absolut am Limit und jammerten vor uns hin. Peter, so stand auf seinem Namenschild, meinte es wird noch schlimmer, dies sei seine 2. Und letzte Trophy, nie mehr wieder. Ich sagte zu ihm, schlimmer kann es nicht mehr werden, weil ich bin jetzt schon komplett am Ende und von Vorträgen von Christoph Strasser wusste ich, dass wenn man komplett am Ende ist, doch erst nur bei 50% vom echten Limit ist.
    Den Salzberg überwunden gab es eine kurze Abfahrt bis es zum höchsten Anstieg der gesamten Trophy ging, zur Roßalm.
    Die Roßalm kannte ich von 2016 und wusste, dass sie Steil und Lang ist. Genau mein Terrain, wenn ich nicht bereits 10 Stunden alles gegeben hätte. Zu diesem Zeitpunkt telefonierte ich mit Markus und erzählte ihm meine Leidensgeschichte um mich von den Qualen irgendwie abzulenken. Insgesamt brauchte ich für Salzberg und Roßalm fast 2 Stunden. Kurz vor dem Ende des Anstieges konnte ich in der Ferne einen Torbogen erkennen auf dem Stand „Dach des Salzkammergutes“, das war mein Ziel für heute, glaubte ich.
    Leider habe ich zu diesem Zeitpunkt verdrängt, dass es noch einen Anstieg ab Gosau gibt der gute 450 hm hat. Jedoch zuerst die lange Abfahrt genießen und versuchen wenigstens ein klein wenig zu erholen.

    Der letzte Anstieg nach Gosau war einfach nur mehr „linker Fuß“ „rechter Fuß“ ich konnte an nichts Anderes mehr denken, einfach nur versuchen die Kurbel irgendwie zu drehen, mehr war nicht drin. Die Schaltung wollte auch nicht mehr so richtig und die Vorderbremse war ohnedies nur mehr Zierde aber was solls, nur mehr gute 2 Stunden leiden und ich bin im Ziel. Keine Ahnung wie ich von dort dann sicher hinuntergefahren bin aber zwei Mal musste ich in der Kurve geradeaus fahren. Normal hätte ich mit „wer bremst verliert gescherzt“ aber dies war dann wohl der falsche Zeitpunkt dafür.

    Das Ziel rückt näher, am Telefon sagte man mir, dass ich sehr gut im Rennen liegt und auch die Zeit schien sich deutlich unter 14 Stunden auszugehen. Nun dachte ich mir, wie sehr kann ich pushen, dass ich unter 13:30 bleiben kann, leider war von pushen keine Rede mehr und ich musste einfach im Not-Modus dahinkriechen. Markus sagte mir, kurz vor Schluss gäbe es nur mehr eine „Autobahnbrücke“ ich wusste zu diesem Zeitpunkt, dass es nochmal 100 Höhenmeter sind, jedoch war das mittlerweile auch schon egal. Vor allem weil nun das Schild kam, nur mehr 10 KM!!!!!!

    Eigentlich könne mich jetzt nichts mehr aufhalten, auch ein defekt nicht, ich würde einfach ins Ziel gehen/laufen/kriechen völlig egal, ich WILL MEIN FINISHERTRIKOT. Irgendwie habe ich vermutlich Luft aus meinen Reifen verloren, weil die letzten KM am Asphalt machten sie so komische Geräusche und dann noch der Gegenwind der sich in meiner Regenjacke wie in einen Bremsfallschirm fängt.

    5KM bis zum Ziel, ich habe gesehen, dass ich trotzdem noch unter 13:30 finishen könnte und bin den Tank leer gefahren, es war zwar nicht mehr viel übrig aber es reichte! 13:25 war die Zielzeit, irgendwas um die 12:47 reine Fahrzeit. Rest war schieben und stehen  Zur Draufgabe war es auch noch Platz 100 aka Top 100 was für jemanden der „nur“ finishen wollte erfreulich ist.

    Fazit
    Die A-Strecke der Salzkammergut Trophy ist ein absoluter Höllenritt. Nicht nur, dass man eine spitzen Ausdauer braucht, sondern es geht viel weiter…

    Die Beine waren das kleinste Problem, der gesamte Körper war so erschöpft, dass ich nur durch reine Willenskraft finishen konnte. Die Hände, der Rücken, der Nacken… ohne Worte

    Helm ab, vor allen Finishern!

    2018???
    Auf alle Fälle keine A-Strecke mehr…. Aber die B – Strecke werde ich mit der gesammelten Erfahrung sicher in Angriff nehmen….

    Danksagung
    Vielen Dank an alle, die mich auf den Weg zur Trophy unterstützt haben. Vorallem Janet die mich durch ihre heilenden Hände immer wieder Fit bekommen hat. Dann Martin, der sich immer um mein Bike gekümmert hat, Markus, mit dem ich wohl die meisten KM abgespult habe und auch am meisten am Bike erlebt hab, Sebastian der mich super beim Rennen unterstützt hat. Den Stoahupfern für die gemeinsamen Winterausfahrten, Didi, Ulli, Jochen, Jochen aka Learjet fürs harte pushen im Training und alle, die mich sonst noch ein unterstützt haben.

    Antworten
  2. JK says:

    Danke für den sehr einfühlsamen Bericht. Bin 2008 die A-Strecke gefahren und gewertet worden, nie zuvor und nie danach habe ich solche Strapazen erlebt; die Einschätzung aus dem Kommentar darüber bringt es auf den Punkt: »… der gesamte Körper war so erschöpft, dass ich nur durch reine Willenskraft finishen konnte. Die Hände, der Rücken, der Nacken… ohne Worte«.

    Antworten
  3. Florian says:

    Guido, gratuliere dennoch! Toller Bericht! Die Frage hörst du vermutlich oft, aber trotzdem: warum nicht mit dem Mountainbike? Wäre doch bergauf und bergab das effizientere Sportgerät?

    Daniel: gratuliere zur tollen Zeit und danke für den Bericht!
    Zwei Anmerkungen: fahrbar war alles (selbst mit Marathonrad und Rennreifen), nur eine Frage der Fahrtechnik. 😉
    Die Laben finde ich eigentlich recht gut und vielseitig. Riegel und Gels gibt’s halt meines Wissens nur auf Nachfrage.

    Antworten

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