Warum gerade Kaindorf?

Die längeren Bewerbe liegen mir ganz einfach sehr. Keine Ahnung, warum. Vom 24-Stunden-Rennen in Kaindorf erfuhr ich eher durch Zufall, etwa sechs Wochen vor dem Startschuss. Zu dem Zeitpunkt waren meine Knieverletzungen von der Kur noch nicht ganz abgeklungen und Trainingskilometer hatte ich praktisch null. Meine Knieschmerzen sind ein Dauerthema. Auf Kur übertrieb ich es wohl an der Rudermaschine oder am Ergometer. Meine Knie reagieren empfindlich auf zu starke Abwinkelungen. Tiefe Kniebeuge kann ich schon seit vielen Jahren nicht mehr machen. Ich fürchtete um einen Meniskuseinriss und fuhr mit dem Roller nur sanfte Alltagsfahrten, verzichtete auf die Teilnahme an Rennen.

Von einem Tag auf den anderen fühlte ich mich bereit für ein Ultra-Langstreckenrennen. Die Knieschmerzen verschwanden ja nicht, doch gab es diesen einen Tag, an dem ich merkte, es sei insgesamt alles deutlich besser als es schlecht wäre. Eine zielgerichtete körperliche Vorbereitung auf die 24-Stunden-Herausforderung gab es eigentlich nicht. Ich fuhr in den letzten beiden Wochen viermal über drei Stunden in einem Tempo knapp über Renntempo. Die Fahrten waren bei großer Hitze und mit einigen Höhenmetern. Das war eine gute Simulation der zu erwartenden Belastungen.

Vorbereitungen

Rundkurs Kaindorf

Einmal legte ich das Training auch in die Nachtstunden, um mich auch daran zu gewöhnen und vor allem, um mein Beleuchtungssystem zu testen. Es ist eigentlich verrückt bei mir. Die meiste Vorbereitung fließt subjektiv gesehen in alles Elektronische und Elektrische. Ich kümmere mich wenig um Trainingsfahrten und um Ernährung schon gar nicht. Auch auf die Technik meines Rollers wird nicht geachtet, auch die Bekleidung ist sehr weit nachgereiht in meinen Vorbereitungen.

Um den 17,9 km langen Rundkurs in Kaindorf so richtig zu kennen, fuhr ich zehn Tage vor dem Rennen in die Oststeiermark und drehte drei Runden. Ein schöner Kurs, leider nicht ganz glücklich für Tretroller, da es zu lange Abschnitte in der Ebene gibt. In der Ebene „verhungert“ man neben den Radfahrern immer. Man ist am Roller einfach sehr benachteiligt ohne Gangschaltung. Zum Glück gibt es aber ein paar Anstiege und Gefälle, sodass eine Runde so zirka 175 Höhenmeter hat. Ich fuhr mit 140 Puls und hatte in der ersten Runde einen Schnitt von 20,6 km/h, dann 20,4 und schließlich 20,1. Nun stand fest, dass der angepeilte neue Österreichische Rekord arschknapp zu erreichen sei, kein leichtes Spiel also.

Wettervorhersage

Ich wollte einen neuen Österreichischen Rekord aufstellen. Dies treibt und spornt mich an, auch wenn es dafür keinen Geldpreis gibt und auch sonst nicht sonderlich Ruhm oder wie immer geartete Vorteile. Ich bin kein Genussfahrer und doch schöpfe ich einen ewig anhaltenden Genuss, wenn ich ein hochgestecktes sportliches Ziel erreicht habe. Somit trickse ich mich aus und beschere mir einen nachhaltigen Genuss, indem ich nur auf Zahlen, Daten, Fakten schaue, in diesem Fall darauf, mehr als 422,15 Kilometer in 24 Stunden zu rollern. Dieser Wert ist der aktuelle Österreichische Rekord, der paradoxerweise eh von mir aufgestellt worden war, 2019 im Tschechischen Lichnov.

Gedankenspielereien und die liebe Elektronik

Mit ausgefinkelten Methoden analysierte ich stundenlang die Streckenprofile von Lichnov und Kaindorf und musste erkennen, dass Lichnov besser geeignet ist, um am Tretroller Rekorde aufzustellen. Kaindorf ist aber immer noch besser als etwa die flache Donauinsel in Wien. Am Tretroller bin ich in hügeligem Gelände schneller als in der Ebene. Optimal ist es, wenn sowohl Anstiege als auch Gefälle eine Neigung von 1,5% haben. In Kaindorf ist die Steigung im Mittel 2%. Leider gibt es auch Passagen mit bis zu 10,8%. Dies drückt dann die Durchschnittsgeschwindigkeit wieder.

Prognoserechnung

Ich saß in meiner Vorbereitung mehr Stunden vor dem Computer als dass ich am Trittbrett stand. Da gab es die Prognoserechnungen, die mich auf eine Strecke von 425 km kommen ließen und dann gab es ganz stark Social Media. Mein Treibstoff ist tatsächlich ganz stark das Publikum. Ich bin unsagbar froh, dass es Facebook gibt und ich im Vorfeld sozusagen Werbung für meinen Rekordversuch machen konnte. Das brauche ich, denn es verursacht mir einen positiven Stress. Während des Rennens weiß ich, dass mir ganz viele Leute virtuell zuschauen oder zumindest abwarten, ob und wie ich ins Ziel komme. Je mehr unterschiedliche Leute „dabei“ sind, desto beflügelnder ist das für mich. Ich möchte die Zuschauerschaft unterhalten und mitunter einige Leute zu eigenen großen Leistungen inspirieren. Ohne diese Zuschauer wäre ich erheblich langsamer und würde mitunter gar nicht erst an den Start gehen.

Eine weitere Art der Vorbereitung: die Stromversorgung des Radcomputers und des Handys. Beide Geräte halten keine 24 Stunden mit dem eingebauten Akku durch. Zudem sollen das Wahoo (das ist der Radcomputer) und das Handy die ganze Zeit über miteinander über Bluetooth miteinander verbunden sein. Der Grund ist, dass das Handy alle Messwerte vom Wahoo empfängt und zu einem Server senden, sodass man im Internet live all meine Daten mitverfolgen könne. Die Verbindung brach während der Trainings immer wieder ab. Sehr zu kämpfen hatte ich auch mit der Beleuchtung. Kabelbrüche wurden entdeckt, sodass die superhelle Magicshine-Lampe fallweise ohne Vorwarnung ausfiel und ich dann im Stockfinsteren war. Somit fuhr ich mit zwei Lampen gleichzeitig wegen der Ausfallsicherheit. Vom Reglement her musste das Rücklicht permanent leuchten, dürfe also nicht blinken. Ein permanent leuchtendes Rücklicht braucht mehr Strom und der Akku ist dann nach zwei bis drei Stunden leer.

Somit hatte ich drei Rückleuchten und drei Frontlampen, in der Lenkertasche und in der Bauchtasche waren Powerbanks zum Nachladen der Akkus. Stress pur irgendwie. Im Kopf war ich nur mit der elektrischen Energieversorgung befasst. Und was, wenn es regnet? Wären dann alle Kabel und Steckverbindungen, vor allem die Akkus ausreichend geschützt? Ja, und dann noch die Verbindungskabel. Drei verschiedene Steckerarten hatte ich. Einfach zum Verrücktwerden.

Anreise und drei Ziele

Start/Ziel-Bereich

Froh war ich, dass mich nicht in allerletzter Minute Corona erwischt hatte und ich auch sonst gesund und unverletzt war. So fuhr ich die 1,5 Stunden mit dem Auto von Wien nach Kaindorf. Selfsupported. Mir ist das ganz recht. Wenn ich Betreuer habe, so neige ich zu längeren Pausen und das ist während eines Rennens nie gut. Zwei Reporter hatte ich jedoch, nämlich Martin und Robert, die ich auf der Facebookseite zu Administratoren gemacht hatte, sodass sie von während des Rennens etwas posten könnten. Ich selbst würde ja auch posten und vor allem funktionierte jetzt auch die Sache mit dem Live-Tracking. Das heißt, es sollte klappen, all meine Daten die ganze Zeit über auch im Internet abrufbar zu machen, also zurückgelegte Kilometer, verstrichene Zeit, Durchschnittsgeschwindigkeit, Durchschnittsherzfrequenz, aufsummierte Höhenmeter, momentane Position und dies und das.

Im Kopf ging ich alles durch und produzierte an einer Autobahnraststätte schnell noch ein Selfievideo. Im Video erklärte ich im Wesentlichen zwei Umstände, die ich jetzt ein wenig näher erörtern möchte. Erstens meine Ziele, zweitens meine Vorbilder.

2016 stellten David Pasek, Jurek Milewski und ich gemeinsam den Österreichischen 24h-Rekord von 406,67 km auf. Im Vorfeld lernten wir den RAAM-Sieger Severin Zotter kennen, der genau die von uns gewählte Strecke mit dem Fahrrad fuhr und er verriet uns, dass er bei all den großen Herausforderungen immer drei Ziele definiert, ein Minimalziel, ein richtiges Ziel und dann ein Traumziel. Ich danke Sevi für dieses Geheimnis, denn ich handhabe es jetzt immer genauso. Hier meine Ziele für die nächsten Stunden:

  1. Ziel: Finishen, egal mit wie wenigen Kilometern
  2. Ziel: mehr als 422,15 km rollern
  3. Ziel: den Weltrekord der Frauen überbieten (Hermien Koers, 432,82 km)

Das 3. Ziel ist eher nur so etwas wie eine Spielerei, denn man kann und darf die beiden Fahrten und deren Bedeutung nicht miteinander vergleichen. Aber es wäre einfach toll zu wissen, einen Tick weiter gefahren zu sein als die allerschnellste Frau weltweit über die 24 Stunden.

Lenkertasche mit „Xandi Raini Wigald“

Orts- und Zeitwechsel. Norwegen 2019. Styrkeproven, die Große Kraftprobe, das Fahrradrennen von Trondheim nach Oslo, 543 km. Eine Dame und drei Herren wagten es am Tretroller. Dies lief unter dem Titel „Kickdistance 2019“, eigentlich mein Baby, meine „Erfindung“, mein Projekt. Auch hier definierte ich meine drei Ziele und das 1. Ziel war das Finishen, egal in welcher Zeit. Und dann passierte etwas, das mein Sportlerleben nachhaltig veränderte. Ich gab nach 324 km auf, einfach da ich langsamer wurde und meinte, es in der gewünschten Zeit nicht mehr schaffen zu können. Klar war ich müde und hatte immer wieder kleinere körperliche Probleme, aber einen tatsächlichen Grund zum vorzeitigen Beenden gab es nicht. Ich hatte doch allen Ernstes mein 1. Ziel total vergessen, verloren, ausgeblendet, getötet.

Nicht ganz zwei Monate später stellte ich dann den neuen Österreichischen Rekord auf, da ich nach dieser Norwegen-Geschichte mich neu programmiert hatte. „Aufgeben tut man nur einen Brief“, ist ein Spruch, der mir noch nie zugesagt hatte, denn man darf aufgeben. Es gibt physische oder auch physikalische Grenzen und meinetwegen auch psychische. Ich brauchte einen neuen Trick, um mich im Taumel eines 24-Stunden-Rennens klar auf meine Ziele besinnen zu können, um mich zu motivieren.

Hoch das Bein, 2. Tag

Dies geht nur mit positiven Gedanken. Das geht nicht mit dem blöden Spruch des aufzugebenden Briefes. Und diese positiven Gedanken extrahiere ich mir aus Menschen, die ich ob ihres Durchhaltevermögens bewundere. Drei Menschen sind dies für mein Projekt Kaindorf: Xandi Meixner, Rainer Predl und Wigald Boning. Die Vornamen der drei hatte ich auf einem Zettel, der auf meiner Lenkertasche befestigt war, um in schlechten Phasen ja nur nicht zu vergessen, wie schön es ist, nicht aufzugeben. Am Zettel stand weiters noch „Trinken! Trinken!“, denn zu wenig Flüssigkeit wäre der Tod meines Rennens.

Wer sind die drei Leute und warum dienten sie mir als Schutzpatronin und Schutzpatrone? Sie alle lieferten 2021 Bewundernswertes ab. Xandi stellte den Weltrekord im Dauerradfahren auf und legte innerhalb von 30 aufeinanderfolgenden Tagen 13.333,33 Kilometer am Rennrad zurück, also 444,44 km am Tag. Rainer stellte ebenfalls einen Weltrekord auf und ebenfalls an 30 aufeinanderfolgenden Tagen. Er lief täglich zwei Marathons am Laufband und kam auf 2.340 Kilometern am Laufband. Wigald stellte keinen Weltrekord auf, zumindest glaube ich das, doch ist sein Durchhalten nicht weniger inspirierend. Er lief ein ganzes Kalenderjahr an jedem Wochenende einen Marathon.

Was mir daran so gefällt? Es liegt in der Natur der Sache, dass sie alle drei immer wieder Phasen hatte, wo der Spaß völlig ausgeblieben war. Schmerzen, Müdigkeit, schlechte Stimmung, schlechtes Wetter (bei Rainer eher kein Problem, da indoor). Und doch wurschtelten sie sich über diese dunklen Phasen und triumphierten am Ende in allen leuchtenden Farben dieser Welt.

Hitze treibt den Puls hoch

Rennbesprechung: mein Tretroller ist gut platziert

Knallheiß war es als ich gegen 14:30 Uhr in Kaindorf ankam. Im Start/Ziel-Bereich durfte man nur mit einer Genehmigung parken. Dort konnte ich unmöglich mein Auto abstellen. Der Besucherparkplatz war jedoch ein wenig vom Schuss. Bei jedem Stopp zwecks Essens, Trinkens, Bekleidungstauschs hätte ich über die Bundesstraße gehen müssen, die Böschung hinunter und dann zum Auto irgendwo am großen Parkplatz. Megaumständlich, Zeitverlust und vielleicht sogar gefährlich. So holte ich mir einmal die Startnummer und den Chip zur Zeitnehmung, um mich dann auf die Suche nach einem guten Parkplatz zu machen.

Erst nach 5,5 Kilometern fand ich einen legalen Platz, der auch sonst frei von Nachteilen war. In Ebersdorf, perfekt zum Zufahren und Anhalten, auch mit schattenspendenden Bäumen. Hier also schlug ich mein Quartier auf, ruhte ein wenig, da es jetzt nur noch um das Ressourcenschonen ging. Langsam startete ich mit den Vorbereitungen, kontrollierte den Reifendruck, kontrollierte, ob die wenigen Schrauben am Roller alle gut angezogen waren und die Bremsen funktionierten, montierte die Beleuchtung und schloss die Akkus an. Schließlich trank ich noch Wasser bis zum Anschlag, zog mich rennfertig an, sperrte den Wagen ab, Helm auf, Handschuhe an und ab nach Kaindorf.

Nach der Ortsende-Tafel war der Puls schon bei 130, obwohl ich ganz gemütlich und bewusst langsam fuhr. Die Hitze! Dieses Rennen sollte ja an einem der heißesten Tage überhaupt stattfinden. Bis zu 37 Grad waren angesagt und jetzt, obwohl bereits gegen 16 Uhr, war es immer noch erdrückend heiß. Wie solle man dies morgen durchhalten? Bei nur 16 km/h hatte ich 150 Puls. Subjektiv strengte ich mich überhaupt nicht an, aber mein Körper lief auf Hochtouren, war mit Kühlen beschäftigt. Wie sollte ich da einen Schnitt von 20 oder auch nur 19 km/h schaffen? Und wie langsam sollte ich jetzt die fünf Kilometer zum Start rollern, um dort nicht ausgepowert anzukommen?

Vor dem Start

Ich kam recht entspannt an und doch glänzten meine Unterarme vom Schweiß und auch der Rücken war schweißnass. Ab zur Wasserleitung. Trinken, Flaschen nachfüllen. Schatten aufsuchen. In der schattenspendenden Halle montierte ich die Startnummer am Roller und ließ mir den Chip am Handgelenk festmachen. Ausruhen so gut es ging. „Wahnsinn! Mit dem Ding fährst du die drei Stunden?“, sprach mich ein Radler meiner Altersklasse an. „Nein, ich mache die 24 Stunden.“ Er war fassungslos.

immer wieder Sonnenblumenfelder

Schatten, Bewegungsreduktion, Energiesparen, schnell noch ein Gel reingeschmissen. Die Dreistunden-Leute starteten. Wir durften uns ab 17:30 in Startaufstellung bringen. Keiner machte es. Jeder kroch in letzter Minute aus dem kühlenden Versteck, um sich durch die vielen Wohnmobile und Zelte zum Start zu schleppen. Selten war ich vor einem Rennen so zuversichtlich auf einen guten Verlauf und auch so vorfreudig. Keine Ahnung, woher dies kam, aber in diesen Minuten war alles auf Schiene. Kein Hunger, kein Durst, keine Müdigkeit, keine Schmerzen. Auch alles Technische klappte. Der Radcomputer war startklar, die Verbindung mit dem Handy klappte, alle Akkus waren voll, Lichter und Leuchten einsatzklar und ich hatte bereits die ungetönte Nachtfahrbrille auf. Schuhbänder perfekt gebunden, alle Schrauben am Roller fest, Trinkflaschen voll. Und die Hitze ließ jetzt gegen 18 Uhr auch schon nach. Bald würde auch der Fahrtwind ein wenig kühlen. Vorfreude pur!

„Mit dem musst du dauernd treten?“, fragte mich eine Radfahrerin am Start. „Ja, E-Motor ist da keiner dabei….“, war meine wenig charmante und nicht so sehr witzige Antwort. Erst Stunden später dämmerte mir, dass diese Frau mein Idol Xandi Meixner war, die spätere Siegerin in ihrer Altersklasse und zugleich schnellste Frau überhaupt. Oh, hätte ich das nur schon am Start gewusst!! Ich hätte ihr gedankt für all die Inspiration, die mich noch beflügeln sollte in den nächsten Stunden.

Start und erste Runden

Startschuss

Startschuss! Langsam setzte sich der aus 108 Leuten bestehende Räderwurm in Bewegung. Ich reihte mich wegen der geringeren Geschwindigkeit ganz hinten ein. Einen neutralisierten Start gab es an der Bundesstraße. Von dem bekam ich nicht viel mit, denn da ganz hinten ging es eh noch länger gemütlich zu. Ein Tandem war auch im Rennen. Ein Pärchen fuhr mit diesem. Wir trafen einander immer wieder, da wir ähnliche Geschwindigkeiten hatten und so kam es immer wieder zu netten Plaudereien. Jetzt aber fuhr ich nach etwa fünf Minuten als Schlusslicht.

Diese erste Runde war trotz des sehr zähen Starts eine meiner schnellsten. Das war fast zu erwarten, auch wenn ich mir bei so langen Strecken jedes Mal vornehme, bewusst langsam zu starten. Es klappt dann nie. Mein Puls war bald jenseitig, also bei um die 160 mit wenig Ambitionen, runter zu gehen. Vom Feeling war es wie Puls 130. Rennsituation. Da kann man sich Nüchterndenken wie man will. Race ist Race. Entlang der Strecke gab es immer wieder Gruppen Publikum. Begeistert und laut wurde man angefeuert. Dies allein verhindert schon ein gemütliches Dahinschleichen. Nach der ersten Runde war mein Schnitt bei 21,3 km/h. Er kletterte auf 21,4, dann 21,6, sank langsam auf 21,4. Es war verrückt, wie schnell ich war und wie leicht mir alles fiel.

Vom Start/Ziel-Bereich ging es kurz über einen eher engen Radweg zur Bundesstraße und von dort 5 Kilometer leicht abfallend, mit minus 36 Meter Höhendifferenz nach Ebersdorf. Immer wieder ging ich auf dieser für Tretroller zähen Passage in die Aeroform und ließ mich rollen. So hatte ich in der Quasi-Ebene immer wieder knappe 30 km/h drauf. Eine Freude! Gelegentlich konnte ich mich in den Windschatten der langsameren Radler hängen. Die Schnellen hingegen waren wirklich schnell. Da waren nicht nur die Dreistunden-Leute im Rennen, sondern auch die schnellsten der 24er waren enorm speedig unterwegs. Ja, sie waren wirklich doppelt so schnell als ich.

Nach Ebersdorf ging es stetig bergauf. So richtig steil wurde es am Weixelberg. Bis zu 10,8% Steigung. Das ist für mich schon der Grenzwert an Steigung, denn hier ist das Laufen weniger anstrengend als das Treten. Nur gab es genau am Weixelberg die ambitioniertesten Anfeuerer und einen Platzsprecher, der mich alle paar Runden namentlich vorstellte und um Extra-Applaus ins Mikrofon schrie und dann johlten alle und feuerten mich an. Unnachahmliche Stimmung und dies Runde für Runde, ausnahmslos.

Am Plateau nach dem Weixelberg konnte man sich von Anrainern mit dem Wasserschlauch bespritzen lassen, was ich erst am Samstag für mich orderte. Bald ging es zügig bergab. Für die Rundenzeiten am Tretroller wäre ein flacheres Gefälle besser gewesen, für die Action und das Adrenalin waren aber die 8 Prozent Gefälle die Wucht, denn schnell beschleunigte ich auf über 60 und an der schnellsten Stelle hatte ich stets so an die 70 Sachen drauf, einmal sogar 72. Diese hohen Geschwindigkeiten waren technisch gesehen gar nicht so einfach zu erreichen. Nach dem Waldstück ging es eher stärker nach rechts und der Asphalt war ein Fleckerlteppich. Um die Optimal-Linie zu fahren, musste man eine Verkehrszeichentafelstange verdammt knapp nehmen. Ich musste an die Alpinschifahrer denken und die Kippstangentechnik. Nur nicht die Stange zu kippen versuchen.

Stimmungsbild

Im ebenen Abschnitt nach diesem Gefälle überholte ich dann immer wieder schnelle Radfahrer, da ich downhill offenbar mutiger war als sie und vor allem der Luftwiderstand des Tretrollers einen Tick kleiner ist als der eines Rennrads. Und jedes Mal dann dieses zermürbende Gefühl, wenn ich mich ausrollen lassen musste auf 25 km/h, um wieder antauchen zu können und währenddessen von den schwächelnden Radlern und Radlerinnen pedalierend überholt wurde. Es folgte der Start/Ziel-Bereich, den ich stets mit ganz großen Freuden nahm, denn die Radien waren für maximal 25 km/h ausgelegt, sodass kein Radfahrer schneller war als ich. Während die Spitzenfahrerinnen und Spitzenfahrer ihre Geschwindigkeit reduzierten, gab ich alles und die Zuschauer staunten nur, wie ich denn gleichauf mit den wilden Jungen sein konnte. Platzsprecher, Bühne, Livemusik, Menschenmengen. Gänsehautfeeling bei jeder Runde. Und immer wieder filmende Handys auf mich gerichtet. Geil!

Die Nacht bricht an

Sonnenuntergang

20:30. Sonnenuntergang. Also, eigentlich noch nicht ganz Sonnenuntergang, doch ab jetzt war es Vorschrift, mit Licht zu fahren. Kurz blieb ich stehen, um mein Rücklicht, das ich am Riemen des Bauchtascherls befestigt hatte, einzuschalten. Tatsächlich wurde es jetzt kühler, doch nie wirklich kalt. Das Thermometer des Radcomputers zeigte im tiefsten Fall irgendwann gegen 2 Uhr dann 20 Grad an. Die eine Runde bei Dämmerung war ein Traum, da es eben kühler geworden war und die Sicht noch sehr gut war. Mitunter wäre es auch ohne Licht gegangen. Die Bergabpassage im Wald war sogar straßenbeleuchtet. Genial.

Was mir nun auffiel war, dass alles weitaus weniger streng war als in den Wettkampfregeln. Vorgeschrieben waren entweder eine Warnweste an oder Reflektoren an der Startnummer. Niemand war diesbezüglich regelkonform, auch ich nicht. Das Rücklicht durfte nicht blinken und doch sah ich einige mit rückwärtigen Blinklichtern. Am meisten aber wunderte ich mich über das Windschattenfahren. In den Regeln niedergeschrieben und im Zuge der Rennbesprechung noch einmal erwähnt, heißt es, dass man nicht im Pulk fahren dürfe. Bis auf ganz wenige Ausnahmen fuhren alle Schnellen in Formationen von drei bis über zehn Fahrern. Da ist dann leicht erklärbar, wie 600, 700 oder 800 Kilometer gefahren werden konnten. Wir Solo-Kämpfer mühten uns da schon weit mehr ab.

Sensationell schnell

ausreichend Beleuchtung

Nach 4 Stunden und 30 Minuten hatte ich 95 Kilometer am Tacho und meine Herzfrequenz war im Mittel auf viel zu hohen 155. Ich fühlte mich verdächtig gut. Kein Hunger. Zu trinken gab es stets genug. Ich tankte bei jeder Runde Wasser nach bei der Labestation in der Mitte des Rundkurses. Gar keine Ermüdungserscheinungen oder Schmerzen und verrückt hohe 21,5 km/h im Mittel. Absolut auf Rekordkurs und zwar ganz extrem. Rein rechnerisch wären an die 500 Kilometer möglich. Das wäre die drittschnellste Zeit weltweit. Euphorisch fuhr ich nach der dreiminütigen Schinkenbrotpause weiter. Ein Fünftel hatte ich hinter mir. Echte Euphorie. Klar ist ein 24-Stunden-Rennen immer erst am Schluss entschieden und nicht nach einem Fünftel, aber der bisherige Verlauf war unfassbar gut.

Ich rauschte durch die Nacht. Mir schien, dass es immer besser ging. Die Akkus der Geräte waren zu 2/3 voll, die Beleuchtung klappte und mein Puls sank auf ein vernünftiges Niveau. Ein wenig sank auch die Reisegeschwindigkeit, doch fuhr ich immer deutlich schneller als in meiner Prognoserechnung. Die Nacht musste ich einfach auskosten und nützen. Tagsüber würde es dann ja unerträglich heiß werden und der Körper wäre nur mit Kühlen beschäftigt.

Zwei Lichter hatte ich vorne. Die kleine BBB-Lampe leuchtete die ganze Zeit über und die fette Magicshine erhellte die Straße auf Stufe 1, was noch die schwächste Stufe war. In der schnellen Waldpassage schaltete ich jedes Mal auf Stufe 2 oder sogar 3. Richtiges Fernlicht. Bei 70 km/h hatte ich ausreichende Sicht. Welch Freude. So konnte ich meinen Schnitt halten. Während des gemütlichen Gleitens zwischen Kaindorf und Ebersdorf rollte der PKW der Rennleitung neben mir mit orange blinkendem Dachlicht. Man teilte mir mit, dass ich ohne Rückleuchte fahre. Beim ersten Mal wird man verwarnt, beim zweiten Mal gibt es Strafminuten. Sofort blieb ich stehen und tauschte Lampen aus. Ich hatte ja noch zwei vollgeladene Rückleuchten mit. Sicherheit geht vor, unabhängig von der Rennleitung. Bald meldete sich die Magicshine. Akku bald am Ende! Daher musste ich zum Auto und in einer längeren Prozedur den großen Akku tauschen.

Nicht gerade die beste Nahrung!

Hier dachte ich, das Rücklicht ginge nicht. War aber okay

Mein Tacho zeigte 148,5 Kilometer nach 7 Stunden und 25 Minuten. Der Reiseschnitt lag also inklusive aller Stopps bei 20,0 km/h. Immer noch sensationell! Die Höhenmeter lagen nun bei 1.370. Auch kein schlechter Wert. Mich strengt die Ebene immer noch mehr an als das Bergauffahren. Die Elektronik-Bastel-Pause nützte ich auch gleich zum Essen. Auf meine Zuckermelonen hatte ich schon ewig lang Appetit. Mmmh, welch Vorfreude! Iiiih, welch Ekel. Ich öffnete die Tupperware-Box und die Melonenstücke stanken wie alter Kürbis. Zwei, drei Bissen machte ich. Ein wenig konnte ich den Zucker ausmachen, doch hauptsächlich schmeckte es säuerlich. Ekelhaft. So öffnete ich die andere Box mit der Bowl. Auch nicht besser. Da waren ja auch Stückchen Zuckermelone im Reis, aber auch Avocado und vor allem Thunfisch. Auch dieses Zeugs stank. Vom Geschmack her war es auch kein feines Ereignis, doch nahm ich ein paar Bissen, schließlich brauchte ich die Energie. Die Labestation hatte über Nacht geschlossen. Was hatte ich sonst noch mit? Leberstreichwurstbrote mit Schinken und Mannerschnitten. Sonst nichts. Dies dafür in großen Mengen. Ein Brot würgte ich schnell runter und dann fuhr ich wieder ab in die Nacht, mit neuem Akku an der großen Lampe und Freude, mein Tempo weiter zu halten.

Drei Runden wollte ich durchfahren bis zur nächsten Pause, noch vor dem Weixelberg beschloss ich, dass es nur zwei Runden werden sollten, da ich mich schwach fühlte. Wahrscheinlich war mein Puls in den ersten Runden doch zu hoch und ich verschoss wertvolle Energie zu Beginn, müsste nun mehr Nachtanken, vielleicht auch nur mit Gels. Brote und Schnitten brauchte ich bald. Als ich im Start/Ziel-Bereich war, legte ich fest, dass ich überhaupt nur eine Runde fahren würde, also noch 5,5 Kilometer bis zum Auto, ohne Anstrengung, da ohne Steigung. Mein „Tank“ war offenbar leer. Mich überkam eine ziemlich plötzliche Schwäche und auch Magendrücken. Da dauerte es nicht lange, bis sich zu diesem eine ganz große Lustlosigkeit gesellte. Das war irgendwie ganz anders als sonst. Immer langsamer wurde ich. Mir schien es, als hätte ich urplötzlich bösen Gegenwind bekommen.

Zwangspause wegen Übelkeit

Start/Ziel-Bereich während der Nacht

Endlich das Auto! Zwei Sekunden vor Erreichen meines Ziels merkte ich, dass ich mich augenblicklich übergeben müsse. Schnell legte ich den Roller zu Boden und spie eine Fontäne aus mir und dann noch zweimal eine. Jetzt war ich wirklich leer. Und erleichtert. Zugleich aber war ich noch schwächer als zuvor und mein Magen drückte immer noch. Befreiend war es trotzdem Mir war alles klar. Bei 40 Grad im Auto könne man keinen Thunfisch über mehrere Stunden lassen und auch die Zuckermelonen verlangen nach tieferen Temperaturen. Ich hatte Vergammeltes gegessen und dies verzieh mir mein Magen nicht.

Mittlerweile war es kurz nach 2 Uhr. Eigentlich die beste Zeit zum Rollern. So schön ruhig und still und wirklich angenehm von den Temperaturen her. Doch ich musste eine Pause einlegen. Ich war zu schwach und vor allem verspürte ich einen körperlichen Widerwillen beim Gedanken, jetzt auf’s Trittbrett zu steigen. Den Wecker stellte ich mir auf 30 Minuten. Den Helm ließ ich auf, einzig die Luftpumpe nahm ich mir aus der Rückentasche. So nahm ich am Beifahrersitz Platz und schlief tatsächlich ein. Kaum eingeschlafen, läutete auch schon der Wecker. Ich merkte, dass mir diese Pause genau nichts gebracht hatte. Der Magen drückte und ich fühlte mich unwohl und schwach. Somit beschloss ich kurzerhand, einfach bis 5:30 abzuwarten, einfach zu schlafen. Ab 5:30 brauche man nämlich keine Beleuchtung mehr. Dann wäre mein Kopf so richtig frei. Ich brauchte nicht mehr zu bangen, ob alle Akkus halten würden.

Morgenerwachen und schönste Stimmungen

Sonnenaufgang

Herrlich! Zauberei! Ich wurde ohne Wecker um 5:15 munter. Irgendwie kam es mir kalt vor. Im Auto deckte ich mich mit der Jacke zu. Geschlafen hatte ich übrigens ohne Helm. Jetzt gönnte ich mir erst einmal einen heißen, schwarzen Kaffee. Eine Thermoskanne mit diesem koffeeinhaltigen Heißgetränk hatte ich ja. Mannerschnitten dazu. Das war dann das Frühstück. Was niederschmetternd war, war die Durchschnittsgeschwindigkeit am Radcomputer. Sie rasselte von 19,4 km/h zu Beginn der langen Zwangspause auf 14,3 km/h am Ende. Der Kilometerstand war nun 166,3 und die Höhenmeter 1.543.

Ich fühlte mich wie in einem neuen Leben. Ja, Zauberei! Keine Übelkeit, keine Schmerzen, auch keine Schwäche oder Müdigkeit. Hurtig befreite ich den Roller von allem Nachtzeugs, füllte die Flaschen an, gluckerte noch einmal zwei Becher Kaffee und schmiss mich pünktlich um 5:30 auf die Fahrbahn. Die nun folgenden 1,5 Runden waren die wohl allerschönsten des gesamten Rennens. Die Morgenstimmung war eindrucksvoll und angenehm. So viel Ruhe und so ein seltsamer Zustand zwischen schlafender Natur und Wiedererwachen. Goldgelber Himmel, leicht orange, alles Saftgrün der Wiesen und Wälder war orangedurchzogen. Frische Luft, Windstille. Vereinzelt traf ich Leute am Streckenrand, die mir einen Guten Morgen wünschten und denen ich freundlich zurückgrüßte oder aber grüßte ich manchmal als erster. Heimatfilm-Idylle.

Temperaturen steigen an

Nach Sonnenaufgang wieder voll im Rennen

Allmählich drehte der Tag seine Heizung an. Um 8:05 legte ich meine Sonnen-Eincreme-Pause ein und kombinierte diese auch gleich mit einem morgendlichen Belohnungsbier. Naja, Bier ist vielleicht schon übertrieben. Einen Radler machte ich mir auf, also eine Flasche halb Bier, halb Limonade. Nun hatte ich 220 km am Tacho und zwirbelte die Durchschnittsgeschwindigkeit auf 15,5 km/h hoch, keine schlechte Leistung. Jetzt war ich solide in der zweiten Hälfte des Rennens und der Tag war ein traumhafter, immer noch war ich beschwerdefrei. Gewiss hatte mir die Schlafpause gut getan. Ich fragte mich, ob ich ohne Magen-Zwischenfall und ohne der Zwangspause jetzt auch so locker drauf gewesen wäre. Mag sein. Ich denke, durch die Erfahrung einiger so langer Belastungen teile ich mir meine Kräfte einfach besser ein und verstehe es, aufkeimende Belastungsschmerzen irgendwie umzuleiten oder fortzuschicken.

Flaschen auffüllen, noch einmal wie ein Kamel Wasser trinken. Dann ging’s los. Die Sonnencreme war sehr dick aufgetragen, denn ich wollte mich kein weiteres Mal mehr eincremen müssen. Dick verschmierter 50er-Faktor mit dem Dreck der Straße. Pfui, aber so ist das im Rennen. Nur keine Zeit verlieren! Die nun folgende Runde musste ich ohne der Labestelle auskommen. Erst ab 9 Uhr sollte sie wieder besetzt sein. Immerhin konnte man rund um die Uhr dort Wasser und isotonisches Zeugs aus großen Vorratsbehältern zapfen. Ich gierte jedoch schon lange nach den frischen Wassermelonen.

Es war für alle extrem heiß

Wir alle waren mitten im Tag. Um 6 Uhr waren die 12-Stunden-Leute gestartet. Sie sahen mich nun erstmals und grüßten mir zu, feuerten mich an, zollten mir Respekt. Ganz ehrlich brauche ich dieses Respektbekunden nicht als Treibstoff, doch freue ich mich über jede positive Meldung unterwegs. Ab und zu gab ich Komplimente zurück, denn meiner Ansicht nach ist es wirklich ganz egal, ob man 24 Stunden im Sattel sitzt oder am Trittbrett steht, auch 12 Stunden oder 6 Stunden sind verdammt hart. Und gegen die Temperaturen hatten auch alle gleich anzukämpfen. Wir alle waren verdammt gut drauf in diesen Stunden.

Über ein Anfeuern freute ich mich jede Runde ganz besonders. Eine junge Frau hielt wacker durch und beklatschte alle Vorbeifahrenden, mir aber schrie sie schon begeistert entgegen, dass ich für sie der allergrößte Held sei. Bald kam es dazu, dass ich ihr zurückjubelte und sie als meinen „größten Fan“ titulierte. Fröhliche Menschen allüberall. Wie ging das nur? Wir hatten wenigstens ab und an kühlenden Fahrtwind, aber die Leute am Streckenrand harrten in der extremen Hitze aus.

Wasser und Wassermelonen

Wassermelonen, endlich wieder Wassermelonen. An der Labestation immer wieder Smalltalk. Jedes Mal füllte ich eine meiner 500ml-Flaschen zur Gänze auf, immer nur mit Wasser. Nach der Labe ging es ein Stück noch bergauf und dann länger bergab. Bis zum scharfen Anstieg zum Weixelberg immer wieder länger hinauf und hinunter. Volksfeststimmung am Weixelberg, wirklich viele Leute am Streckenrand, Stimmung aber auch unter den Fahrern. Man merkte einen Zusammenhalt und, so komisch es anmutet, eine echte Freude. Schwer zu beschreiben. Man erfreute sich nicht an den Strapazen, eher an der bizarren Situation. Erstmals ließ ich mich vom Gartenschlauch anspritzen. Aah, das half! Die Sonnenbrille war nun voller Wassertropfen und bald schon kam die äußerst schnelle Abfahrt. Die Fahrtwindtrocknung klappte und so hatte ich gute Sicht beim schnellen Hinabflitzen.

Grüne Steiermark

Bei Tag ist alles schöner! Die Nacht hat auch ihre Reize, doch bot das Fahren bei Tageslicht einen unerwarteten Vorteil. Durch die klare Sicht in die Ferne konnte ich erkennen, ob es demnächst ein leichtes Gefälle geben würde und dann schmiss ich mich schnell in die Aeroposition, nur um keinen Kick zu viel zu machen. Radfahrer kennen das Problem nicht. Sie treten immer in die Pedale und wenn es leicht zu treten ist, schalten sie höher und werden schneller. Beim Roller geht das nicht. Man muss jeden Schwung ausnützen und man hat immer die Entscheidung zu treffen, ob man aufrecht mit viel Luftwiderstand kickt oder sich klein macht und auf das schnellerwerdende Rollen baut. Bei Tageslicht kam ich mit weniger Kicks pro Runde aus. Mag sein, dass alles anders gewesen wäre, wäre der Start des 24-Stunden-Rennens in der Früh oder am Vormittag gewesen. Dann hätte ich jeden Streckenabschnitt der Runde vor Einbruch der Dunkelheit verinnerlicht gehabt und wäre auch bei Nacht mit weniger Kicks durchgekommen. Die Startzeit von 18 Uhr finde ich jedoch viel besser, da es körperlich einfach gut tut, bald in die kühlende Nacht zu kommen. Es erhöht auch die Verkehrssicherheit, wenn man noch nicht schlapp und ermattet in die Finsternis gerät.

Einmal gab es noch eine Runde mit Wassermelone, Wasser und Gartenschlauch, dann bremste ich mich abermals in Ebersdorf ein, rundum zufrieden mit Puls und Reisegeschwindigkeit, doch völlig überhitzt. 10:15 war es erst und jede freie Hautstelle war schwitznass. Das zuvor geöffnete Flascherl Radler gluckerte ich jetzt aus und dann schüttete ich mir Wasser über den Kopf. Was bin ich froh, dass das nicht Limonade war! Klares Wasser, kühlend, belebend.

Leistung sinkt wegen der Hitze

Das Ziel, einen neuen Österreich-Rekord aufzustellen war nun nur noch ein Traum und nicht realisierbar. Ja, durch Aktivieren aller Reserven wäre es immer noch drin gewesen. Aber wozu? Ich merkte eine allgemeine Leistungseinbuße, wohl wegen fehlender Nahrung. Seit dem Erbrechen aß ich nicht richtig, eine Packung Schnitten und dann Wassermelonen, die ja kaum Kalorien haben, nicht einmal Iso trank ich, nur Wasser, ja, okay, den Radler gab es. So im Rückblick ist mir ja alles klar. Der Treibstoff war aus. Komischerweise fahre ich im Notlauf immer noch sehr gut und überholte ein paar der langsameren Radfahrerinnen und Radfahrer. Den Weixelberg schob ich die nun folgenden Runden den Roller hoch. Da konnten mich auch nicht die johlenden Fans ermuntern, das Trittbrett zu benützen. Hitze, kein Schatten und ein Weixelberg, der von Mal zu Mal höher und steiler wurde. Diese Feststellung machten auch schon andere Fahrer, wie ich den Berichten der Vorjahre Tage später entnahm.

Zweite sehr lange Pause

Immer wieder in die Aero-Haltung

291,6 km – finale Pause. Jetzt war es 12:39 und Karl Heinz war mit seinem Tretroller im Rennen. Er ging das 6-Stunden-Rennen an. Und ich beschloss, jetzt so richtig zu pausieren. Mein Rennen war 18 Stunden und 39 Minuten alt, der Höhenmeter waren es 2.736 und die Durchschnittsgeschwindigkeit lag bei lächerlichen 15,6 km/h. Wieso finale Pause?? Ganz einfach: ein Winkelzug! Meine Ziele Nummer 2 und Nummer 3 waren nicht erreichbar. Das Ziel Nummer 1 lautete „Finishen“. Und finishen kann man auch, wenn man eine fünfstündige Pause einlegt. Wäre es mein erstes 24-Stunden-Rennen gewesen, hätte ich geschaut, was drinnen sei. Ich weiß aber, dass ich schon einmal 422,15 km gefahren bin. Warum also sollte ich mich jetzt bei der Hitze unnötig quälen? Außerdem konnte ich so in aller Ruhe und Gemütlichkeit Karl Heinz filmen. Auf 300 Kilometer würde ich ja dann auch kommen. Ein schöner Wert.

Helm runter, Trikot wechseln, Trinken. Kurz nach 13 Uhr kam Karl Heinz an mir vorbei. Er war in seiner zweiten Runde und gemessen an den Temperaturen sehr flott unterwegs. Ach, war es schön, jetzt nicht am glühenden Asphalt zu rollern! Aufs Häusl musste ich. Im Start/Ziel-Bereich gab es massenhaft Toiletten, nur konnte ich jetzt nicht dorthin. Mit dem Auto war es nicht möglich zu fahren und mit dem Roller wollte ich wirklich nicht. Glücklicherweise gab es in Sichtweite meines Headquarters eine Pizzeria. Dort rollerte ich helm- und handschuhlos hin, bestellte mir ein Bier, um zwischendurch auch schnell das Stille Örtchen zu besuchen.

In der Pizzeria

mein Lieblingsbild. (c) Kleine Zeitung

Als ich dann so beim kühlen Bier saß und mir vom Zimmerventilator die frische Luft um die Ohren spülen ließ, studierte ich die Speisekarte. Eine Pizza nach dem Rennen, als Belohnung, als Ziel für die letzten Strapazen. Ein Blick auf die Zimmeruhr sagte mir, dass ich bis zu meinem letzten sportiven Aufbäumen noch endlos Zeit hätte. Also bestellte ich den vielgelobten Hamburger mit Speck drinnen und Pommes Frites dazu. Auf ein weiteres Bier verzichtete ich wegen des Alkoholgehalts. Anders als üblich konnte ich jetzt nicht alles zusammenessen, obwohl mein Magen leer war und der Bedarf nach Nahrung groß. So ließ ich mir meine Reste einpacken in eine Pizza-Schachtel, zahlte und rollerte zum Auto.

Grell war es da draußen und brütend heiß. Ein Fotograf der Kleinen Zeitung hielt mich an. Er wollte unbedingt ein Foto von mir machen, wie ich da so mit der Pizzaschachtel in der Hand rollere. Er bekam das Bild und Tage später wurde auch mir dieses geniale Foto zugespielt. Ich verspürte eine angenehme Leichtigkeit trotz der Hitze. Mag sein, dass Pausen einfach gut tun. Aber es war etwas anderes, etwas Nicht-Fassbares. Irgend etwas lag in der Luft, das diese Veranstaltung zu etwas ganz Besonderem machte. Ich weiß bis jetzt noch nicht, was genau es war. Der Fotograf, der Pizzamann, die Gäste im Lokal, die Streckenposten, die Mitstreiterinnen und Mitstreiter, einfach alle waren ein großes Ganzes, friedlich und happy.

Wiedereinstieg ins Rennen. Supereinfach!

Alle brauchen Erfrischung!

Zurück beim Auto verweilte ich unter dem Schatten. Abermals fuhr Karl Heinz an mir vorüber. Mittlerweile wurde es 16:20 und ich spielte mit dem Gedanken, doch noch mehr als nur eine halbe Runde zu fahren. Ein stärkerer Wind kam auf und Wolken schoben sich vor die Sonne. Jetzt konnte man frischere Runden drehen und sicher würde es so richtig Spaß machen, ausgehruht mit einem Hamburger im Baucherl mehr als eine Runde zu drehen, noch einmal den Fans zuwinken und aus dem Dauergrinsen nicht mehr rauszukommen.

Die Idee war gut. Ich zog mir wieder das Trikot mit der Startnummer am Rücken an und machte meinen Roller und mich abflugbereit. Eine bedrohlich schwarze Wolke zog über uns. Ja, egal, dann werde ich eben am Ende noch einmal nass! Es gibt Schlimmeres. Der Plan sah vor, gemütlich zu rollern, länger bei der Labe zu bleiben, vielleicht auch noch beim Platzsprecher am Weixelberg, um dann zum Beispiel nach 24 Stunden und 3 Minuten die Ziellinie zu überrollen. Dann wäre das Rennen aus und zwar nicht nach einer halben Runde, sondern nach eins-komma-fünf Runden. Und rund 320 km hätte ich dann auch am Tacho.

Stimmung am Weixelberg

Alle wurden schneller!

Als ich nun nach diesem Neustart zum Weixelberg kam, staunte ich über mich selbst. Ich lernte mich sozusagen erst so richtig kennen. Plötzlich hirschte ich rauf wie in den Anfängen, kraftvoll und mit freudigem Tritt. Das Rennen ging spürbar dem Ende zu und das ganze Feld wurde schneller. Das war geil. Ich gab alles und das fühlte sich grandios an. Der Puls ging etwas hoch, doch nie über 150. Und meine Geschwindigkeit war sensationell. Der Rundenschnitt lag bei über 20 km/h. Verrückt eigentlich. Als ich durch den Start/Ziel-Bogen fuhr, war klar, dass ich noch zwei volle Runden anhängen würde. Während die schönste Runde jene nach dem Sonnenaufgang war, waren die geilsten Runden die vorletzte und die letzte.

Mich zog offenbar ein starker Magnet ins Ziel. Er zog mich die nächsten 35 Kilometer. Regen kam nie, die Sonne war hinter Schleierwolken, der Wind kühlte und der Roller rollte. Immer wieder Aeroposition, immer wieder zwischendurch ein paar Kicks mit voller Kraft um zu sehen, was noch drinnen sei. Genug drinnen in mir. Wie geil ist das denn! Wassermelone bei der Labe, die Frau Lieblings-Fan grüßen, alle anderen Grüßen, die ganz Schnellen im Rennen anfeuern, auch die Xandi Meixner, die mich mehrmals schon überrundet hatte. Welch ein Flow, welch ein Run. Nach dem Weixelberg volles Tempo runter,  konzentriert die Ideallinie nehmend, um dann einen wirklich schnellen Radler zu überholen, der aus dem Staunen nicht mehr herauskam. Einmal noch durch den Start/Ziel-Bereich. Bombenstimmung.

In den etwa 90 Sekunden, die ich durch den Kaindorfer Bereich rollerte nahm ich neben und hinter mir die Gespräche des Erstaunens wahr. „Der fährt ja noch immer!“, „Schau, wie der mit dem Roller antaucht“,… Nach dem künstlichen Zick-Zack-Kurs ging es vorbei an mehreren Fahrerlagern und eine Rampe hoch zu einem Radweg. Diese Rampe nahm ich immer recht kraftvoll, doch dieses Mal mit Maximalkraft. Ich fühlte mich wie Superman. Unkaputtbar und voll mit Kryptonit.

Letzte Runde

Letzte Runde

Letzte Runde, welch Triumph. Kein erkennbares Leerwerden meiner Bein-Akkus. Nie hatte ich einen Krampf oder sonst Muskelschwächen, kein Ziehen oder Spannen. So eine Freude! So eine große Freude! Zwischen meinem Auto und der Labestation schloss des Motorrad der Rennleitung auf. Nun stand fest, dass ich der Letzte im Rennen sei. Unangenehm! Das heißt, nicht der Umstand, Letzter zu sein, war unangenehm. Unangenehm war, dass sich das Motorrad bergauf ständig mit erstem Gang und Kupplung spielen musste und ich hatte dauernd das Motorgeräusch neben mir und eingebildeterweise die Abgase. Zugleich aber spornte mich dieser Benzinmotor auch an, noch schneller meine letzte Runde zu beenden. Meine beiden Trinkflaschen leerte ich nun, gab am Weixelberg alles und knallte harte Schritte in den Asphalt. Das wohl Geilste dieser Runde waren dann die 70 km/h bergab, wo der brave Motorradfahrer nur 50 fahren durfte, da Ortsgebiet. Irgendetwas sagte er zu mir als er mich wieder eingeholt hatte. Ich verstand ihn wegen der Fahrgeräusche nicht. Wird schon nicht so wichtig gewesen sein.

Zieleinlauf und Triumph

im Ziel!!!

Letzte Gerade!!! Im Normalfall rinnen mir die Freudentränen runter. Das ist mir immer peinlich, vor allem wenn es im Ziel Fotos gibt und ich tränengeschwollene Augen habe. Diesmal blieben die Augen trocken und ein breites Lachen zierte mein Gesicht, zierte meine gesamte Erscheinung. Noch ein letzter Kick nach der allerletzten Kurve und ich rollte durch den Zieleinlauf. Cheerleader-Girls links und rechts. Das 24-Stunden-Rennen war für mich beendet und durch mich war es insgesamt beendet. Kamera und Mikro stürmten auf mich zu. Ich zog aber schnell mein Programm durch und hob meinen Roller über meinen Kopf, drehte mich mit ihm und hüpfte am Stand, immer noch breit lachend, strahlend, happy und frisch als wäre es nur eine Stunde Fahrt gewesen.

Auch jetzt war alles anders als sonst, denn ich konnte ganz normal sprechen. Bis jetzt war es während so langer Belastungen so, dass ich mit jeder Stunde Fahrt langsamer und undeutlicher gesprochen hatte, ins Lallen kam und auch selbst merkte, dass es mit dem Sprechen nicht so ganz klappe. Gänzlich anders jetzt. Der freundlich-fröhlichen Interviewerin gab ich pfiffig-flotte Antworten, nicht unbedingt rhetorisch brillant, aber doch wie ein Fernseh-Profi. Mitunter kam ich deshalb im Bericht des ORF am meisten von allen vor und das, wo ich doch als Letzter ins Ziel kam und nicht aufs Podest.

Siegerehrungen

Ich war in Höchststimmung und nur schwach ermattet. Kein Gähnen, keine Schlappheit, kein Hunger. Ein Bier genehmigte ich mir zur Siegerehrung in der großen Mehrzweckhalle. Mir vis-a-vis saß ein Radler, der noch eine Silbermedaille (2er-Team, 24h) entgegennehmen sollte und er fragte mich, ob ich derjenige sei, der auch in Freistadt war. Ja, dieserjenige sei ich. Er erinnerte sich an die 24h, die ich im 2er-Team mit Jurek rollerte. Ja, die Verrückten treffen einander immer wieder. Langsam und sicher ist der Tretroller fest in den Köpfen der Sportler verankert. Das freut mich jedes Mal ganz besonders.

Heimfahrt und Nachbetrachtungen

Ziemlich entspannt und erholt. Vor allem: Happy!

Licht vorne und hinten an und 5,5 Kilometer noch locker zum Auto rollern. So locker, so leicht! Wie ein Traum. Schmutzig mit dem Dreck der Straße ungeduscht ins Auto. Gemütlich die Autobahn nach Hause gecruist. Total happy! Mir fiel die Headline ein vom Standard, wo über mein „Wien-Berlin 2018“ berichtet wurde und es hieß „Erfolgreich gescheitert!“ Ja, ich scheiterte sozusagen auch diesmal und das obendrein erfolgreich. 340,5 Kilometer waren es und 3.319.8 Höhenmeter. Der wirkliche Erfolg für mich ist, dass ich 16:51:48 reine Fahrzeit hatte und somit eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 20,2 km/h. Das macht riesig Mut für den nächsten Rekordversuch.

Zuhause ging es dann ab in die Badewanne. Herrlich! Dann ab ins Bett, wo ich etwas länger als üblich und wirklich sehr tief geschlafen hatte. Tags darauf gab es eine Trainingspause. Seltsam, kein Muskelkater und keine sonstigen Belastungserscheinungen. Wahrscheinlich wäre es nach einer 24-Stunden-Fahrt ohne längerer Pausen anders gewesen. Im Stillen gratulierte ich allen, die an diesem Tag gefinisht hatten, allen voran den Siegerinnen und Siegern ihrer Disziplinen. Wirklich beeindruckend!

Links

https://www.ultraradchallenge.com/ (Veranstalter Ultra Rad Challenge)
https://my.raceresult.com/176819/results (Ergebnisse)
https://www.strava.com/activities/7516512496 (Daten meiner Fahrt auf Strava)
https://veloviewer.com/athletes/5467862/activities/7516512496 (Daten meiner Fahrt auf Veloviewer)
https://youtu.be/KIphKtej5CE (Video-Betrag ORF Sport Plus 27.7.2022)

Fotos vor dem Rennen

Stimmungsfotos und Fotos während des Rennens

Nach dem Rennen