20 – Wie wild nach Winnipeg

Morgennebel in der Prärie. Nähe Gladstone, Manitoba

Vor drei Tagen lasen wir „Winnipeg 399 km“ und heute befanden wir uns am letzten Abschnitt zu Großstadt. Früh mussten wir aus dem Haus, denn die Strecke war lang und das Vorankommen dämpfende Zwischenfälle mussten wir einplanen. Es war eine flotte Fahrt, die mich hauptsächlich körperlich ziemlich fertig machte. Am Ende ging alles gut aus und wir hatten ein edles Zimmer in Winnipeg.

 

Galerie

 

Statistik

Kaum Schlaf

Nur dreieinhalb Stunden Schlaf, selbst schuld irgendwie, wenn ich bis 01:30 mich dem Bloggen widmen muss und um 05:00 aufgestanden wird. Ich schaffte es nicht um 06:00 startklar vor dem Hotel zu sein. Zwar stand ich mit den Kollegen gemeinsam auf, brauchte dann aber ungleich länger. Immer liegt es am Zusammenpacken. Erst um 06:20 ging es los.

Josef sprach es nicht aus, doch muss er ziemlich angefressen auf mich gewesen sein. Ich verstehe ihn. Immerhin stand eine lange Etappe vor uns, nämlich die finale nach Winnipeg. Dort müssten wir noch Quartier suchen und von gestern wissen wir ja, was alles dazwischen kommen kann.

Morgennebel in der Prärie. Nähe Gladstone, Manitoba

Morgennebel in der Prärie. Nähe Gladstone, Manitoba

Frederic und ich fuhren alleine los, da Josef noch etwas an seinem Roller machen musste. Wir sollen langsam fahren. Er werde uns schon einholen. Nebelschwaden verschleierten die Prärie. Es war frisch, aber nicht kalt. Jetzt konnte ich ja gut fotografieren, da der Zwang der hohen Durchschnittsgeschwindigkeit fehlte. Interessante Lichtspiele boten sich. So fuhren wir eben recht langsam gegen Osten, gegen Winnipeg, der Stadt mit 660.000 Einwohnern.

Reserve-Bordcomputer

Morgennebel in der Prärie; mit Frederic.. Nähe Gladstone, Manitoba

Morgennebel in der Prärie; mit Frederic.. Nähe Gladstone, Manitoba

Heute fuhr ich erstmalig mit meinem alten Garmin Edge 500, das ich vorsichtshalber mitgenommen hatte auf die Reise. Gut war’s. Doppelt habe ich auch die Pumpe mit. Eine von beiden geht schlecht, bringt nur wenig Druck zusammen. Eigentlich ist sie eine Sache für den Müll. Trotzdem bleibt sie im Gepäck, auch wenn dies mein Packen täglich erschwert. Vielleicht geht die gute Pumpe einmal ein. Die größte Redundanz habe ich bei Lesebrillen. Zur Sicherheit drei Stück.

Schnelle Fahrt

Morgennebel in der Prärie. Nähe Gladstone, Manitoba

Morgennebel in der Prärie. Nähe Gladstone, Manitoba

Nach vier Kilometern rief Frederic bei Josef an. Josef fuhr in diesem Augenblick los. Wir mögen einfach weiterfahren und nicht warten. Unsere Durchschnittsgeschwindigkeit war 14 km/h. Wenn er 18 fährt, so hat er uns erst in einer Stunde, so meine schnelle Milchmädchenrechnung. Ich fände da Warten besser. Aber bitte.

Morgennebel in der Prärie. Nähe Gladstone, Manitoba

Morgennebel in der Prärie. Nähe Gladstone, Manitoba

Der Bursche hatte uns in weniger als 25 Minuten. Er fuhr dann die Geschwindigkeit weiter, Frederic hing sich an und ich zapplte nach. Am Morgen bin ich leistungsmäßig immer ganz schwach, auch nach einem guten Frühstück. Irgendwie konnte ich dann doch anschließen. Der Wind drehte immer wieder und nun gab es einmal länger Gegenwind.

Eigentlich das perfekte Bild zum Thema. "16" steht für "2016" und "Trans-Canada" für "Crossing Canada"

Eigentlich das perfekte Bild zum Thema. „16“ steht für „2016“ und „Trans-Canada“ für „Crossing Canada“

Ich hing mich in Josefs Windschatten und dachte nicht daran, einmal die Führung zu übernehmen. Er ist stärker als ich und im Augenblick sogar sehr deutlich. Nach nicht ganz dreißig Kilometern blieb er stehen und packte so wie er stehen geblieben war ein Brot aus, beschmierte es und aß es im Stehen, seinen Roller zwischen den Beinen, einfach am Pannenstreifen. Wortlos. Okay, er hatte es besonders eilig heute, wollte vielleicht auch zeigen, dass wir die zwanzig Minuten, die ich herumtrödelte, einholen müssten. Ich packte auch ein Brot aus, belegte es mit Salami und aß es, trank Wasser dazu und schloss die Zwischenmahlzeit mit Cashewnüssen ab.

Supermarkt-Pause und jede Menge Fans

Weiter ging es. In derselben Tonart und zwar bis zum Kilometerstand 63. Da waren wir im Örtchen Portage de Prairie und gingen in einen Co-op-Supermarkt. Es gab, wie so oft, WLAN und so eine Art Kaffeehaus integriert. Dort nahmen wir schweigend Platz und jeder war nur mit seinem Handy beschäftigt. Ich holte Frederic und mir je einen Becher Kaffee. Das Eis zwischen Josef und mir war noch nicht gebrochen. Ich fragte ganz bewusst nicht, ob wir Zeit hätten für einen Kaffee. Es passte ganz gut, denn Josef aß auch noch Obst und Weckerl, war vertieft im Internet.

Unsere Fans vor dem Supermarkt. Frederic und ich werden von Groupies belagert. (c) Josef Kvita

Unsere Fans vor dem Supermarkt. Frederic und ich werden von Groupies belagert. (c) Josef Kvita

Draußen dann, als es wieder zum Aufbruch kam, verwickelten uns zwei Damen in ein Gespräch. Sie waren begeistert, auch vom Charity-Projekt und genau wie gestern in Gladstone, und wollten uns Bargeld geben. Wir lehnten ab und verwiesen auf die Kontonummer. Dann kamen noch ältere Ladies dazu, die zuvor am Nebentisch saßen. Wir hatten eine große Schar Fans.

Qual

In diesem Ort Wohnen Deutsche, genau genommen Hamburger.

In diesem Ort Wohnen Deutsche, genau genommen Hamburger.

Ich kann nur sagen, dass die ganze Etappe für mich so eine Art Qual war. Der Wind drehte immer wieder und kaum war er nur ein klein wenig gegen mich gerichtet, wurde ich deutlich langsamer. Bei den beiden anderen war das nicht so. Dies liegt ausschließlich daran, dass ich kraftmäßig schwächer bin. Ja, definitiv. Ich bin der Schwächste von uns. Bei Windstille und erst recht bei Rückenwind merkt man das nicht. Bergauf geht es ganz gut, da ich auch leicht bin.

Ritt in den Morgenstunden als der Nebel weg war. (c) Josef Kvita

Ritt in den Morgenstunden als der Nebel weg war. (c) Josef Kvita

Schade war, dass wir nie im Paket fuhren. Somit kämpfte jeder ganz alleine gegen den Wind. Das war einfach nur dumm. Bei mir gab es ja noch ein paar Fakten, warum ich schlechter war als sonst. Mir fehlt seit Tagen schon Schlaf, da ich immer bis mindestens 0:00 tippe und wir um 05:00, bestenfalls um 06:00 aufstehen. Im Grunde genommen bin ich ein Vielschläfer. Die 3,5 Stunden heute waren somit der Helle Wahnsinn. Generell bin ich von 20 Tagen ohne wirklichem Ruhetag ermattet und müde, die anderen aber auch. Und auf Puls über 120 komme ich eigentlich nicht. Ich werde dann nicht unbedingt schneller. Die Ernährung ist auch nicht die hochwertigste. Auch das gilt für alle. Ich nehme einmal an, der wenige Schlaf ist mein Grundübel. Wie gut, dass morgen unser erster Ruhetag sein wird. Den brauche ich.

Josef gab das Tempo vor und das war sehr hoch, mir zu hoch. Frederic konnte locker mithalten, einmal sogar konnte er Josef überholen und ihn abhängen. Josef hatte 28 km/h drauf und Frederic 30, erzählten sie später. Das war in der Ebene mit leichtem Gegenwind. Ich fuhr konstant um die 17. Einen leichten Muskelkater verspürte ich in den Wadenansätzen und in den Adduktoren der Oberschenkel. Da wäre jedes Speed Up eine einzige und völlig sinnlose Quälerei.

Pause am Straßenrand

Eine der Pausen. Immer wieder wirbelten Trucks Staub auf.

Eine der Pausen. Immer wieder wirbelten Trucks Staub auf.

Bei km 93 gab es wieder eine Pause. Zum Glück. Vom Highway N° 1, auf dem wir uns seit einiger Zeit befanden und der qualitativ der beste ist, führte ein Schotterweg weg. Links und rechts davon gab es Rasenstreifen. Vereinzelt gab es Häuser. Wir lehnten unsere Roller an ein Verkehrszeichen einer Baustelle, was von wenig Erfolg gekrönt war, da Frederics Roller bald umfiel. So legten wir die Roller gleich am Boden, setzten uns in die Wiese und waren im Begriff zu jausnen. Da ertönte aus einem parkenden Pick Up ein mehr als unsanftes Geschrei. Zuerst dachte ich an einen Hilferuf, da zuvor aus diesem Wagen Hundegebell zu vernehmen war.

Nein, es war der Besitzer des Grundstücks auf dem wir es uns für zehn Minuten gemütlich machen wollten. Kein Wort von seinem Geschrei verstand ich. Rein vom Tonfall und der Mimik her war aber alles klar. Wir wechselten die Seite des Weges und saßen dann am Wegesrand, die Füße in einer Wiese. Die Sonne knallte erbarmungslos runter. Laut Bordcomputer hatte es 35°C, was aber Blödsinn ist. Ein Display an der Autobahn zeigte 24 an. So wird es auch gewesen sein. Wenn man den ganzen Tag non stop in der Sonne werkt, wünscht man sich in der kurzen Pause des Erholens doch etwas kühlenden Schatten. Gegessen hatte ich recht viel. Ein wenig war es Hunger, ein wenig Gusto und Gier und dann waren auch Überlegungen dabei, dass es mir durch mehr Treibstoff dann im letzten Abschnitt besser ergehen würde.

Bis Winnipeg waren es laut Straßenbeschilderung jetzt noch 45 km. Josef ging aber von 60 km aus, da wir noch durch die Stadt müssten. Das waren ja schöne Aussichten, so wie ich drauf war.

Frederic, mein treues Zugpferd

Weiter ging es und Frederic wartete immer auf mich. Er ist ein sehr sozialer Mensch und ein Rudeltier. Von ihm konnte ich Hilfe in Form eines Windschattens erwarten. So bat ich ihn darum, vor mir zu fahren. Sehr gerne machte er das. So zog er mich bis zur Ortstafel von Winnipeg. Er machte es leider überhaupt nicht gut. Mir war es bis zuletzt nicht möglich, ihm klar zu machen, worum es beim Windschattenfahren gehe. Ich meine damit das Problem des sich drehenden Winds. Die Windrichtung drehte sich nicht nur durch Kurven, sondern auch ganz von selbst. So kam der Wind im Extremfall ganz von links, meist von links vorne, selten direkt von vorne und einmal von rechts vorne. Ich trachtete immer genau an der windabgewandten Seite Frederics zu fahren. Wenn dies gelingt, so ist das enorm kräftesparend. Wo ich aus eigener Kraft 17 km/h gefahren wäre, waren nun 20 drinnen.

Warum es Frederic nicht checkte? Bei Seitenwind von links musste ich rechts neben ihm fahren. Dann wurde er immer schneller, da er meinte, ich signalisiere ihm den Wunsch nach Beschleunigung. Fast noch schlimmer war es, wenn der Wind von vorne kam und ich mich von Frederics Seite zurückfallen ließ. Besorgt um mich ließ er sich ausrollen und fragte, ob es gehe. Das war sehr nervig und zeitweilig wünschte ich, alleine zu fahren, da dann das Tempo konstant wäre. Josef vor uns war nur noch ein kleiner, gelb leuchtender Punkt. Ja, auch ich wollte schnell am Ziel sein. Daher mühte ich mich mit meinem Windschattenmacher ab, freute mich aber über die höhere Reisegeschwindigkeit.

Einmal musste ich ihn um eine kleine Pause bitten. Kein Problem für ihn. Es war eine Pinkelpause und einen Blaubeerkuchen und Nüsse einverleibte ich mir auch noch. Dann ging es weiter. Kein Zehntel-km/h schneller hätte es sein dürfen. Ich war eigentlich am Limit. Der Puls zeigte nur 114. Komischer Ausnahmezustand. Nach nicht ganz fünf Kilometern kündigte sich eine Tankstelle an. Egal wo Josef jetzt wäre und was Frederic sich denken würde, für mich war klar, mir dort ein Eis zu kaufen.

Letzte Pause, alles okay

Die Tankstelle kam und an einem Tisch in der nahen Wiese saß Josef jausnend. Dann passte ja alles. Frederic und ich kauften sich etwas zu trinken und ich noch dazu ein schönes, fettes Magnum-Eis. So saßen wir dann bei Tisch und speisten. Da Josef so richtig einwarf, nahm ich mir auch noch ein Salami-Brot. Zwischenzeitlich war da nichts mehr zwischen uns und Frederic musste sich nicht in einer Art Spannungsfeld fühlen. Die beiden Spezis stellten fest, wie leicht heute alles gehe. Ich stellte fest, dass es mir extrem schwer falle. Trotzdem waren wir mehr als gut in der Zeit. Wieder saßen wir in der Sonne. Was soll’s, bald hätten wir ein kühlendes Hotelzimmer und eine Dusche.

Spannend zu beobachten ist ja, dass ich bereits mit dem Erwerb des Eises nicht mehr erschöpft war. Man sah mir sicher nicht an, dass ich in Wahrheit stundenlang kämpfte, wenn man es nun ein wenig dick aufgetragen formulieren will. Ich fühlte mich gut und genoss alles an der Pause. Zur weiteren Motivation visualisierte ich mir die Ankunft in Winnipeg. Irgendwann ging es schließlich weiter. Gleich nach der Tankstelle kam ein Wegweiser nach Winnipeg mit Kilometerangabe. Nur noch zwölf. Herrlich! Das war ja gar nichts.

Ankunft Winnipeg

Weiterhin spendete mir Frederic seinen Windschatten. Sehr ärgerlich war es, wenn der Wind von links kam und mir der kleine Franzose rechts von sich keinen Platz ließ. Er fuhr sehr nahe dem Grünstreifen. Alafs Grund nannte er seine Angst vor den vorbeizischenden Trucks. Die waren aber wirklich weit von uns entfernt. Außerdem verstand er bis zum Schluss nicht, warum ich nicht immer hinter ihm fuhr.

Ankunft in Winnipeg, am Highway N° 1

Ankunft in Winnipeg, am Highway N° 1

Autohäuser, Motels, Fast Food Restaurants, Werbetafeln ohne Ende. Wirklich viel Verkehr. Weiterhin Pick Ups hier mit Anhängern, auch Wohnwagen, aber immer mehr auch kleinere Autos. Das waren die Anzeichen, bald in einer Großstadt zu sein. Immer wieder Autobahnabfahrten. Wir folgten unbeirrt dem Weg richtung Zentrum. Endlich so etwas wie eine Ortstafel. Mein Wunsch war es, dass wir alle Roller dort abstellen und die Tafel ablichten. Noch besser wäre es, wären auch wir Drei drauf und ein Passant schieße das Foto. Nix da. Nicht möglich. Josef fotografierte die Tafel und fuhr weiter. Frederic und ich standen da, machten mehr oder minder dasselbe. Ich finde ja, wir haben viel zu wenige Fotos mit uns Dreien drauf. Vielleicht besserte sich das in der Stadt noch.

Tolle Parks und beeindruckende Wohngegend

Josef sucht in Winnipeg nach einem preiswerten Hotel

Josef sucht in Winnipeg nach einem preiswerten Hotel

Ich fasse mich jetzt kurz was die abschließende Quälerei anlangt. Die betraf zu 30% das Physische, zu 60% das Psychische und zu 10% das Emotionale. Von der Ortstafel an legten wir 15 ziemlich unnötige und wertlose Kilometer zurück. Wir folgten Josef, der vom Highway abbog und immer kleiner werdenden Straßen folgte und wir schließlich auf einem Radweg waren und den benützten. Immer wieder sah er aufs Handy, hatte auch ein sprechendes Navi laufen. Wie weit es sei, wollte ich wissen. „33 Minuten“, war die Antwort. Wir zogen durch ausgesprochen schöne Parks und Wohngegenden. Assiniboini Park hieß einer der ganz schönen. An einem Teich blieben wir für Fotos kurz stehen. Dann ging es weiter. Penibel gemähte, riesige Rasenflächen gab es, große, alte, herrlich Schatten spendende Bäume. Viel Leben war hier, großteils von sporttreibenden, augenscheinlich wohlsituierten Menschen. Radfahrer und Läufer.

Assiniboing-Park, Winnipeg

Assiniboing-Park, Winnipeg

Wir fuhren vorbei an einem Museum, das in einem wunderhübschen, alten Haus untergebracht war. So richtig schön waren aber die unzählbar vielen prächtigen Villen hier, deren Grundstücke alle nicht eingezäunt waren. Es schien wie ein einzig großer, perfekt von Gärtnern gehegter und gepflegter Park mit alten Villen darinnen und Menschen, die in diesen Villen wohnten. Jedes Haus folgte einem anderen Baustil. Es sah aus wie eine einzige Architekturausstellung. Es war Minimundus in Groß. Die Häuser waren alle umschlossen von großen Bäumen. Ja, eigentlich hatte jedes Haus viel Schatten. Davor standen neue, jedoch nicht protzige, Autos. Eine ganz, ganz feine Wohngegend. Hauptsächlich wunderte ich mich über die Größe der Häuser. Das waren wirklich kolossale Erscheinungen, so ganz anders als noch vor kurzer Zeit am Lande.

Die genannte Gegend war keine kleine. Dazwischen gab es immer wieder auch richtige, also öffentliche, Parkbereiche, wo sich die Leute hier eine schöne Zeit gönnten. Danach waren wir im sehr urbanen Gebiet. Viele interessante Häuser, neue wie alte. Das Licht schien mir zum Fotografieren optimal. Und was wurde aus den Fotos? Nichts! Josef peitschte uns durch die Wege, Gassen und Straßen. Das war seine Art der Städtebesichtigung. Ich überlegte mir, wie ich in Ruhe zum Fotografieren kommen würde. Hier her würde es mich wohl nicht mehr verschlagen. Zu wenig Zeit und dann wäre das Licht auch nicht mehr so gut. Warum ich nicht auf eigene Faust immer wieder stehen blieb, um ein paar Bilder zu schießen? Die Mattheit war schuld. Es hätte zu viel Kraft gebraucht, den schweren Roller immer wieder zu beschleunigen. Ich wollte jetzt einfach nur schnell duschen und dann im Bett liegen.

Sinnlose Fahrt, kein Hotel

Justitzgebäude, Winnipeg

Justitzgebäude, Winnipeg

Irgendwann waren es dann laut Navi 16 Minuten und wir fuhren durch stark befahrene Straßen. Dann irgendwann waren wir da. Wo? Ein Hotel gab es hier nicht. Für Josef war der Weg das Ziel. Ihm ging es um den schönen Park. Er wollte nicht entlang des Highways durch die Stadt fahren. Sehr löblich. Nur eine Nachhaltigkeit in Form von Fotos gibt es nicht. Ewig schade.

Josef ging uns verloren und Frederic schreibt ihm eine Nachricht

Josef ging uns verloren und Frederic schreibt ihm eine Nachricht

Und jetzt erst begann die Herbergssuche. Am Einfachsten über Internet. Eine Subway-Filiale bot sich an. Josef probierte vor dem Lokal WLAN, während ich schon reinging und mir einen Sandwich zubereiten ließ und mir ein Getränk aus der Kühlvitrine nahm. Josef und Frederic zogen nach und betraten das Lokal. Es gab kein WLAN. Unglaublich! So gesehen war der Kurzbesuch hier wertlos. Nicht für mich. Ich aß ja etwas.

Zufälle gibt’s…

Frederic berichtete von schier Unglaublichem. Ihm liefen, als er kurz alleine auf Hotelsuche war, ein Schweizer Pärchen entgegen, mit denen er ganz zu Beginn in Vancouver gesprochen hatte. Natürlich erinnerten sich alle an die seinerzeitige Begegnung und waren jetzt sehr verwundert. Die Schweizer wussten nun, dass das kein blödes Gerede eines Phantasten war. Wir hatten jetzt ziemlich genau Halbzeit der Strecke.

Teure Bleibe

Tatsächlich dauerte es wirklich noch lange bis wir hier eine sauteure Bleibe fanden. Ein Zweibettzimmer ohne Frühstück um 155 Dollar. Das sehr große Hotel Best Western wirkte nicht gerade gut auf uns. Ein umständlicher und langsamer älterer Herr an der Rezeption machte uns das zügige Vorankommen unmöglich. Schwierig von der Bürokratie gestaltete sich das Verstauen der Roller im Gepäckaufbewahrungsraum. Jeder Roller bekam ein Pickerl und wir einen Zettel mit der Abholnummer.

Unser Hotelzimmer mit zwei Queensize-Betten und reichlichst Platz am Boden

Unser Hotelzimmer mit zwei Queensize-Betten und reichlichst Platz am Boden

Endlich waren wir im vierten Stock in unserem Zimmer. Die Überraschung war groß. Das Zimmer war schön und ausgesprochen groß, hatte einen sehr weichen, flauschigen Spannteppich. Heute war Frederic mit dem Bodenschlafen dran und er freute sich schon richtig darauf. Zuerst ließen wir alle Taschen fallen und gingen jeder für sich ins Internet, dann Duschen und Baden, Zeugs vom Supermarkt Zusammenfressen. Es war in der Großstadt derselbe ritualisierte Ablauf wie in der billigsten Bleibe irgendwo am Land. Das ist schon auch witzig. Eines aber war anders. Wir stellten uns nicht den Wecker für den nächsten Tag. Um 11 mussten wir draußen sein, um 10 begännen wir also mit dem Packen.

Der ursprüngliche Plan war, dass wir zwei Nächte in einem Hotel blieben und einen Tag lang alles liegen und stehen lassen können. Noch einmal 155 Dollar zahlen wollten wir aber wirklich nicht. Und so war der nächste Tag so angedacht, das Gepäck wenigstens im Hotel zu lassen, mit den Rollern gemütlich die Stadt erkunden, um dann mit Gepäck richtung Osten am sehr späten Nachmittag weiterzuziehen, wo wir außerhalb der Stadt dann in irgend einem Motel übernachten würden.

Ich sagte Josef dann, dass wir es in Ottawa und Montreal anders machen müssten. Wir müssen schon Tage vorher etwas günstiges gefunden haben und reservieren. Er stimmte zu, wusste selbst, dass das heute nicht gut gelaufen war. In Montreal können wir angeblich bei einer Freundin Josefs übernachten.

Weitere Zufälle

Und was es sonst noch an Kontakten gibt? Die einzigen Kanadier, die Tretroller fahren und an Internationalen Bewerben teilnehmen ist das Ehepaar Fahlman. Die sind mir persönlich von zwei Weltmeisterschaften bekannt und die könnten wir mitunter morgen in der Stadt treffen. Sie wohnen ganz wo anders, sind jedoch gerade jetzt in Winnipeg. Sehr nett könnte das werden.

Noch etwas gibt es. Ich lud meine Garmin-Datei hoch und wenig später war sie von einem Patrick aus Winnipeg kommentiert. Er habe uns gesehen und sei ganzbegeistert von dem Projekt. Wie hatte der mich nur gefunden? Das ist mir fast schon unheimlich. Ich schrieb ihm dankend zurück und fragte, was wir uns in Winnipeg anschauen können. Unbedingt das Museum of Human Rights. Das sei auch architektonisch ganz toll. Na bitte!

Doch kein Schreibe-Marathon

An diesem Abend bearbeitete ich nur noch die wenigen Fotos des heutigen Tags und ging dann in das große Bett mit den vier Pölstern schlafen. Den morgigen Ruhetag kann ich nicht in der erwünschten Weise nützen. Ich wollte ja die Berichte von drei oder vier Tagen nachtragen. Dies gelingt mir nicht, wenn wir ab zehn packen und dann am Ruhetag wieder nur auf den Rollern sein werden. Die Stadt will ich ja auch noch sehen und fotografisch so einiges festhalten.

Ah, die nervenden 10% der Emotionalität muss ich noch erklären. Mich nervte Josef heute. Gewiss war meine zwanzigminütige Verspätung am Morgen der Auslöser. Dann aber nervte mich die schnelle Stadtrundfahrt mit einem Ziel das keines war. Für morgen plant er dann auch den Besuch in einer Filiale eines großen Sportartikelhändlers. Er braucht Handschuhe und vielleicht noch etwas. Ob wir auch etwas brauchen, wollte er wissen. Da wurde mir einmal mehr klar, wie unterschiedlich wir ticken. Er sieht eine Stadt einfach nur von der pragmatischen Seite und mich interessiert, wie Leute hier leben und wie sie sich ihre Umwelt gestaltet hatten. Zwischen Josef und mir ist keinesfalls ein Keil. Es war an diesem Tag nur so, dass wir ziemlich auseinander waren. Mit Vorkommnissen dieser Art hatte ich von Anfang an gerechnet. Jetzt war es einmal so weit.

 

2 Antworten
  1. Harald W.A. says:

    Ich denke, jetzt ist schon etwa die Hälfte geschafft. Dafür hattet ihr ja zum Glück wenig Probleme und ich wünsche euch, dass es so weitergeht.

    Du hast schon ein sehr genaues Bild von Josef und Frederic in meinem Kopf gezeichnet und ihr seid ja wahrlich drei unterschiedliche Typen. Noch dazu drei Muttersprachen. 😀

    Lg, Harald

    Antworten
    • Guido Pfeiffermann
      Guido Pfeiffermann says:

      Es macht total Spaß und sehr vieles traf genau ein wie von mir vermutet, eben mit der Kommunikation über die Nicht-Muttersprache. Der nachfolgende Tag war dann echt ein Ruhetag und tat unendlich wohl, zumal ich alleine die Stadt mit meiner Kamera erkunden konnte. Bericht folgt natürlich. Und dann stürzen wir uns in die zweite Hälfte unserer kontinentalen Reise. Bald wird es endlich wieder hügelig…

      Antworten

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